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"Picard" bei Amazon: Billige, schlechte Stark-Trek-Folge

Review Staffel 2, Episode 9 „Versteckspiel“ : Picard: Star Trek am Tiefpunkt

Eine dermaßen oberflächliche, seichte Behandlung eines so ernsten Themas wie Suizid macht die 9. Episode von Picard bei Amazon zu einem der furchtbarsten Star-Trek-Folgen jemals. Und dann werden die Borg auch noch gut geredet.

Es passiert nicht oft, dass man nach einer Star-Trek-Folge still auf den Fernseher schaut. Nicht, weil man ergriffen und bewegt ist, sondern entsetzt und nicht fassen kann, was man da eben gesehen hat. Das große Geheimnis von Jean-Luc Picard ist, dass seine Mutter sich das Leben genommen hat. Und er hatte für sie Tür geöffnet, nachdem sein Vater sie eingesperrt hatte. Um sie vor sich selbst zu schützen. Das ist ein überaus ernstes Thema, ein traumatisierendes Erlebnis und jede Geschichte dazu müsste mit sehr viel Fingerspitzen- und Feingefühl geschrieben werden. Auftritt Picard: Mitten in einer Folge voller billiger, schlecht inszenierter Action wird das Thema mal eben nebenbei abgehandelt. Und weil Picard sich jetzt die Wahrheit eingesteht, ist ja nach einer Umarmung alles gut.

Ein solches Thema für einen missratenen Showeffekt zu missbrauchen, hat nichts mehr mit Star Trek zu tun. Und wie es sehr viel besser, aufwühlender und intelligenter geht, hat in dieser Woche die 5. Episode von „Moon Knight“ bei Disney+ gezeigt. Im Vergleich dazu wirkt diese Folge von Picard wie ein abgestandener Fast-Food-Burger von vorgestern. Man hätte etwas Tiefsinniges daraus machen können und etwas Hoffnungsvolles. Man hätte am Ende noch einmal Patrick Stewart auftreten lassen können, der dazu ermutigt, Hilfe zu suchen, wenn man suizidale Gedanken hat. Und man hätte sich an Angehörige wenden können, in deren Umfeld Menschen eventuell Gefahr laufen.

Stattdessen macht man daraus ein seichtes Erlebnis, als ob man das alles nicht so ernst nimmt. Die Folgen des Ereignisses verfolgen Picard dann bis heute, auch wenn das nicht zu dem Charakter passt. Aber wir haben uns ohnehin so weit wie möglich von der Figur des legendären Star-Trek-Captains entfernt. Nun ist er ein alter Mann, der bei der Explosion einer Blendgranate seine Hände vors Gesicht nimmt – und mitten im Gefecht eine Erinnerung an das Versteckspiel mit seiner Mutter hat. Welcher Moment wäre auch besser geeignet? Diese Flashbacks wird er später im Verlauf seiner Flucht immer wieder haben. Und sie wirken jedes Mal deplatziert und in diese Story zwanghaft hineingequetscht. Warum wissen wir nicht. In den vergangenen Episoden ist nicht so viel Wichtiges passiert, dass dafür kein Platz mehr war.

Dafür werden Kulissen und Szenen recycelt, die wir schon in Folge 7 gesehen haben. Tallinn fragt dann aber noch völlig überrascht, was denn passiert sei. Sie war ja auch nicht im Unterbewusstsein von Picard und hat mehr oder weniger selbst erlebt, was geschehen ist. Zumindest bis zu der großen Enthüllung. Schlimmer noch: Picard wiederholt, was er bereits Jurati über die Tunnel erzählt hat. Die Autoren haben ernsthaft mehrere Dialogzeilen einfach wiederverwertet.

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Das ist so billig wie die Action-Sequenzen. Und in denen können Seven und Raffi mit einem Messer gemeinsam einen Super-Elite-Soldaten, der nun eine Borgdrohne ist, erdolchen. Ohne jede Reue. Früher hätte man ihn betäubt oder sich gefragt, ob man ihm noch helfen kann. Heute wird er einfach abgestochen. Modernes Star Trek eben. Natürlich nehmen Raffi und Seven seine Waffen nicht mit. Minuten später beklagen sie sich dann, dass sie keine Waffen haben. Das hält sie indes nicht davon ab, 50 Meter über ein freies Feld zu laufen. Auf dem haben sich 30, 40 genetisch veränderte Elite-Soldaten eingegraben, die auch noch von der Borg-Königin assimiliert worden sind. Oder modifiziert. So ganz klar ist das nicht. Es ist aber auch egal, weil Seven und Raffi das überleben. Sie schalten sogar die meisten Kämpfer mit Messer und Eispickel aus. Zumindest spielen diese Gegner danach keine Rolle mehr. Das ist so unglaubwürdig, dass selbst die Serienmacher darauf verzichten, uns das zu zeigen oder sie hatten dafür kein Geld: Raffi und Seven laufen los und kommen an. Noch sehr viel billiger geht es kaum.

Warum sie kurz davor noch einen schlecht kopierten heroischen Butch-Cassidy-und-Sundance-Kid-Moment haben, verstehen wir nicht. Ebenso wenig die pseudocoolen Sprüche. An einer Stelle ruft jemand, „es sind neun Gegner“. Seven schießt locker aus dem Handgelenk: „Jetzt sind es acht.“ Das kennen wir aus billigen Actionserien der 1980er. Und sehr viel höher ist das Niveau auch nicht. Es wurde zudem vermutlich viel vor einem Greenscreen gedreht und die Kulissen und das Setting nachträglich digital eingesetzt. Aber offenbar ist die Qualität so schlecht und die Stuntleute den Darstellern so unähnlich, dass man alles im Dunklen lässt. Dann fällt das nicht auf.

Als Raffi und Seven plötzlich das Schiff erreichen, muss Raffi mit dem Elnor-Hologramm vor allem über ihre Gefühle reden – während auf dem Schiff weitere Elite-Soldaten auf sie warten. Das ist aber nicht schlimm, weil die Super-Krieger so ziemlich alles treffen außer Ziele. Dafür fuchteln sie mit ihren Gewehren selbst in engen Gängen für einen billigen Effekt wild und martialisch herum. Sie könnten natürlich auch auf den einzigen Durchgang zielen, aus dem Gegner kommen könnten. Aber das sähe mit ihren grünen Lasern nicht so bedrohlich aus wie das wilde Wedeln. Auch wenn sie da eigentlich nur auf Wände zielen. Oder versuchen Hologramme zu erschießen.

Kreativer Offenbarungseid

Hatte man wirklich so wenig Lust, dass man die Episode stupide und möglichst schnell runtergedreht hat? Dafür kann Raffi mit dem Elnor-Hologramm, der nicht der echte Elnor ist, über ihr Trauma reden. Klar, was sonst. Und das Hologramm zeigt tatsächlich Verständnis. Offenbar hat der Bordcomputer nicht nur den Körper gescannt, sondern auch gleich die gesamte Persönlichkeit. Und das Hologramm hat einen mobilen Emitter am Arm. Woher Holo-Elnor den hat? Keine Ahnung! Ist aber auch egal. Die Autoren wollen sich anscheinend einen Rest Glaubwürdigkeit bewahren. Darum schmeißen die auch gleich ein paar Dinge aus alten Filme und Serien zusammen. Jurati hat den Computer mit einem fraktalen Code gesichert. So wie Data in „First Contact“. Und das Passwort hat sie in Holo-Elno gesichert. Etwas Ähnliches hat Captain Janeway in der Voyager-Episode „Workforce“ (2001) getan. Es ist nur leider erneut ein kreativer Offenbarungseid der Autoren, die sich bei alten Ideen bedienen.

Wie genau Jurati das alles indes getan hat, die fast vollständig von der Borg-Königin übernommen wurde, wissen wir zudem nicht. Aber sie ist selbstständig genug, um die Königin mehrmals in Zwiegespräche zu verwickeln. Das geht unter anderem, weil Jurati sagt (wir überspitzen): „Ich bin traurig. Das gibt mir die Kontrolle zurück.“ Borg-Königin: „Dann warte ich ab. Du kannst nicht ewig traurig sein.“ Selbst die Lyrik-AG einer fünften Klasse hätte da bessere Dialoge geschrieben.

In den inneren Zwiegesprächen wirft Jurati der Borg-Königin dann vor, sie habe das Kollektiv nur geschaffen, weil sie einsam sei. Wir sind jetzt wieder bei einem Trauma, das immer und für alles der Grund ist. Zum Glück gibt es keine Rückblende, die uns eine kleine Borg-Königin zeigt, die von ihren Eltern oft alleine gelassen worden ist. Aber gehört es nicht zur Science Fiction, sich fremde Kulturen und Zivilisationen vorzustellen? Und kann es nicht ein Volk geben, dass durch Implantate versucht hat, sich zu perfektionieren. Dabei entstand dann auch ein Netzwerk, in das jeder eingebunden war und die Individualität für das Kollektiv aufgegeben hat. Das war den neuen Serienmachern zu intellektuell und zu sehr Science Fiction. Es ist wieder ein Trauma. Da stehen die Serienmacher drauf. Was soll es auch sonst sein?

Es wird dann noch schlimmer, weil Jurati die Borg-Königin gut redet und sie überzeugt, Rücksicht zu nehmen und andere Wesen zu respektieren. So wie sie sind. Nun haben wir die neuen Borg. Und die werden in Zukunft havarierten Raumschiffen zu Hilfe eilen. Vermutlich mit den Worten: „Wir respektieren eure technologischen, kulturellen und biologischen Besonderheiten. Wenn ihr wollt, also wirklich nur, wenn es Okay für euch ist, könnt ihr die mit uns teilen. Vielleicht wollt ihr ja Teil unseres Kollektivs werden. Aber nur, wenn es in Ordnung für euch ist. Kein Druck oder so. Seid einfach ihr selbst.“

Das Unheimliche und Bedrohliche der Borg entsteht nicht nur durch ihre Technologie, sondern durch die Selbstaufgabe des Ichs. Als Gegenentwurf zum Individualismus. Es war tatsächlich eine uns völlig fremde Zivilisation. Das machte sie zu so einer starken Erfindung. Nun ist das vorbei. Sie wurden quasi zwangsassimiliert. Die an sich friedliche Botschaft wird zwar konterkariert, weil Holo-Elnor, Seven und Raffi gerade haufenweise gemordet haben. Eigentlich töten die Gegner sogar niemanden, das tun immer nur unsere „Helden“. Das ist eben das neue Star Trek. Aber egal, wir sind gut. Alles Fremde hat darum so zu sein wie wir. Weil das der Weg ist. Das verändert dann zwar auch die Zeitlinie. Aber auf die nimmt ohnehin niemand mehr Rücksicht. So viele Leben, wie die Picard-Crew mittlerweile im Jahr 2024 zerstört hat, ist das auch egal.

Am Ende ist alles gut. Picard erklärt uns noch die Moral der Geschichte. Wir haben erwartet, dass nun alle herzlich lachen. Das tun sie nicht, aber es gibt ja noch eine Episode und ein paar ungelöste Probleme. Soong wird versuchen, die Europa-Mission zu sabotieren. Es gibt dann einen kryptischen Hinweis der neuen Borg-Königin, dass Renee Picard sterben und leben muss. Sie ist nun also eine Art Schrödingers Katze. Die Borg-Königin hätte sich sicher klar ausdrücken können, aber dann hätten wir nicht den erzwungen Cliffhanger. Und auch die Story um Q ist schließlich offen. Leider befürchten wir, dass die letzte Episode noch schlechter und weniger durchdacht sein wird als diese Folge.

Und wie sehr sich „Picard“ von Star Trek und jeder Logik entfernt hat, zeigt nur eine Randbemerkung. Raffi findet, dass Seven ein großartiger Captain gewesen wäre. Das denkt Seven auch, aber die Sternenflotte wollte keine Ex-Borg in ihren Reihen. Die Sternenflotte als rassistischer oder chauvinistischer Verein? Das widerspricht zwar allem, was wir aus alten Serien kennen, aber das ist das neue Star Trek. Und vergessen wir einfach, dass es in der ersten Picard-Staffel durchaus Ex-Borg in der Sternenflotte gab. Darin haben die Serienmacher aber offenbar keinen Widerspruch gesehen. Selbst wenn, wäre es ihnen auch egal. Denn irgendwie scheinen sie sich selbst nicht für ihre Serie zu interessieren. Gibt es noch etwas Positives an der dieser Folge? Brent Spiner (Soong), Alison Pill (Jurati) und Annie Wersching (Borg-Königin). Die Schauspieler holen alles aus den Drehbuch-Entwürfen raus, was sie können. An ihnen liegt es definitiv nicht, dass Star Trek immer tiefer im Sumpf der Gleichgültigkeit versinkt.

Die Reviews der vergangenen Episoden: Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4, Folge 5, Folge 6, Folge 7, Folge 8.