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Picard: 3. Folge Assimilation ist ein kleiner Schritt nach vorne

Picard Staffel 2, Episode 3 Assimilation : Ein wenig Licht, aber viel Schatten

Mit der dritten Episode wird die 2. Staffel von „Picard“ bei Amazon ein wenig besser. Leider dominieren immer noch die Logikbrüche und die simple, naive Inszenierung. Aber immerhin überraschen zwei Figuren.

Und es geht nahtlos dort weiter, wo die zweite Episode aufgehört hat: Picard und seine Crew werden auf der „La Sirena“ von Sevens Ehemann im Konföderierten-Universum und zwei Sicherheitsleuten gestellt. Seven behauptet dann als Präsidentin, dass es eine Geheimmission sei. Ja, klar. Nachdem man ein paar Menschen auf der Erde ohne ersichtlichen Grund getötet hat, ist das auch sehr überzeugend. Selbst ihr Ehemann fällt nicht darauf ein und stellt eine einfache Frage: „Wie lautet mein Name?“ Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Lachen, weil die simple Frage so intelligent ist, dass man den Glauben an die Autoren fast wiedergewinnen könnte. Oder weinen, weil die Frage die Dummheit von Sevens Manöver entlarvt.

Wir entscheiden uns für das Weinen. Denn die Ex-Borg nutzt die Konversation, um an ihren Mann heranzukommen. So nahe, dass sie seine Waffe nach oben reißen kann. Das ist leider eins der billigsten Klischees aus noch billigeren Action-Filmen, das in der Realität aus diversen Gründen nicht funktioniert. Einer wäre, Menschen gar nicht so nahe an sich heranzulassen. Egal, es gibt ein Gerangel und unsere Helden tun es schon wieder: Während die „Bösen“ Elnor nur angeschossen haben, löschen die „Guten“ ihre Gegner brutal aus. Buchstäblich. Wenn es so weitergeht, müssen wir bald eine Strichliste führen, wer die meisten Bösen auf dem Gewissen hat. Das ist also Star Trek im 21. Jahrhundert!?

Science Fiction ist es definitiv nicht: Nachdem die Borg-Königin die Kontrolle übernimmt, wird nicht nur die Anzeige grün. Die „La Sirena“ hat plötzlich auch grüne, übermächtige Torpedos, die Kampfschiffe der Konföderation problemlos vernichten. Waren diese Waffen schon immer an Bord? Warum werden sie erst eingesetzt, als die Borg-Königin die Kontrolle übernimmt? Oder wurden sie innerhalb von Sekunden geschaffen? Irgendwie. Und wie genau hat die Konföderation es angesichts solcher Torpedos geschafft, die Borg zu besiegen? Wir stellen uns vermutlich mehr Fragen, als es die Autoren jemals getan haben. Da fliegen Raumschiffe. Also ist es Science Fiction. Und der mit der Glatze heißt Picard. Also ist es Star Trek.

Mittendrin hat dann noch Q einen Gastauftritt und darf zwei ominöse Sätze sagen. Wir wissen aber schon, dass es alles irgendwie mit Picard zu tun hat. Und mehr Informationen gibt sein Gastauftritt auch nicht her. Vermutlich war die Gage für John de Lancie so hoch, dass man ihn noch einmal unterbringen musste. Und bis auf die Kosten für die Schauspieler können wir uns bald nicht mehr erklären, warum angeblich das Budget für die 2. Staffel deutlich höher ausgefallen sein soll. Man sieht es nicht. Auch nicht im Verlauf dieser Episode, die mehr oder weniger in unserer Gegenwart spielt.

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Der Zeitsprung gelingt jedenfalls. Dramatik wird dabei vor allem dadurch erzeugt, dass alle laut und chaotisch schreien. Oft auch schrill und möglichst aggressiv, um die Emotionalität zu betonen. So stellen sich also die neuen Serienmacher eine professionelle Sternenflotten-Crew im Notfall vor. Wie ein wild gackernder Hühnerhaufen.

Und natürlich in Rekordzeit erreicht die „La Sirena“ nach dem Zeitsprung die Erde. Von der Sonne aus. Selbst Licht braucht dafür mehr als acht Minuten. Das Schiff schafft es ohne Warpantrieb in sehr viel kürzerer Zeit. Es ist aber lang genug, damit Elnor an seinen Verletzungen stirbt - weil die Borg-Königin alle Energie abzieht und nichts mehr für das Krankenbett übrig ist. Leider lässt uns die Figur wie der Rest der Crew ziemlich kalt, weil ihre Charakterisierung so dünn wie Transparentpapier ist.

Raffi ist davon aber total mitgenommen, weil die beiden eine enge Bindung haben: eine Föderationsoffizierin, die in der ersten Folge mit Elnor demselben Schiff zugeteilt war. Was hätte sie dann dort getan? Wäre sie vor einem Außeneinsatz in den Transporterraum gestürzt und hätte ihn gefragt, ob er auch warm genug angezogen ist und frische Unterwäsche hat? In der ersten Folge hat man zudem vom Kobayashi-Maru-Test gesprochen, in dem Kadetten vor No-Win-Situationen gestellt werden. Den hat Raffi offenbar nie gemacht.

Picard dagegen, der eine sehr viel engere Bindung zu Elnor hat, nimmt den Tod einfach so hin. Wir haben es mittlerweile verstanden: Picard ist der alte, weiße Mann, der nicht zu seinen Gefühlen steht oder sie ignoriert oder sie einsperrt und das ist der Ursprung allen Übels. Wenigstens nimmt es dann eine interessante Wendung: Raffi sucht in ihrer Wut die Konfrontation mit Picard, zweifelt seine Führung an und wirft ihm vor, dass Spiel mit Q zu genießen. Der wiederum reagiert darauf etwas konsterniert und meint nur, sie sei jetzt etwas emotional. Der alte, weiße Mann eben. Dass ein Sternflotten-Offizier sich dermaßen gegen den Admiral stellt, passt indes nicht so ganz. Und wenn Raffi dann auch noch eine rassistische Äußerung gegenüber der Borg-Königin rausrutscht, macht es die Figur nicht gerade sympathisch. Aber das ist eben das Star Tek des 21. Jahrhunderts.

Nun ist die „La Sirena“ auf der Erde des Jahres 2024 gestrandet. Nach einer gewaltigen Bruchlandung, die niemand mitbekommen hat. Glücklicherweise war im Umkreis von mehreren Kilometern offenbar kein Mensch anwesend, der das hätte merken können. Hoffentlich wird auch niemand über das Schiff stolpern, das keine Tarnvorrichtung hat. Da war man im vierten Star-Trek-Film „The Voyage Home“ (1986) schon deutlich weiter, bei dem sich die Autoren für diese Episode bedient haben. Wir sagten es schon in der Review zur ersten Episode: Man kopiert gerne schlecht, was früher erfolgreich war.

Picard selbst und Jurati wollen nun an Bord bleiben und sich um die Borg-Königin kümmern. Seven, Rios und Raffi dagegen möchten in Los Angeles den seltsamen Wächter finden. Der soll dabei helfen, den einen Punkt in der Zeitlinie zu identifizieren, an dem die Vergangenheit geändert wurde. Und Jurati macht Rios wie einem Kleinkind klar, was er alles vermeiden soll – um nicht noch mehr Chaos in der Zeitlinie zu verursachen. Damit soll der Zuschauer erfahren, wo die Gefahren liegen. Man hätte aber auch Rios noch einmal selbst sagen lassen können, worauf sie achten müssen. Als Wiederholung für alle bei einem Briefing. So wirkt der Captain der Stargazer wie ein Vollidiot, der noch nie etwas von Zeitreisen gehört hat und auch nicht die Berichte von Kirk und Spock dazu gelesen hat – obwohl sie in der vergangenen Episode explizit erwähnt worden sind. Die Anforderungen an Sternenflotte-Offiziere werden offenbar mit jeder Folge geringer. Wenig überraschend ist es dann auch Rios, der sich am Ende der Episode selbst in Schwierigkeiten bringt – mit einem dämlichen Plan, wenn man es denn überhaupt so nennen kann.

Seven und Raffi dagegen bewegen sich halbwegs souverän durch das 21. Jahrhundert. Sie sparen auch nicht mit dem Zeitreise-Klischee, die Welt der Vergangenheit mit dem Wissen der Zukunft altklug zu kommentieren. „So beginnt es …“, „ich werde nie verstehen …“. Wenn es wenigstens Kommentare wären, die Ereignisse der Vergangenheit in einen anderen Kontext stellen würden. Oder die eine Erklärung bieten würden, was aus den Problemen entstanden ist – und wie dadurch die Welt des 24. Jahrhunderts geprägt worden ist. So sind es nichtssagende Sätze, die auch von Teenagern auf einer Party gesagt werden könnten, die möglichst tiefsinnig klingen wollen. Einen echten Inhalt bieten sie nicht. Das gilt auch für Rios und die Probleme mit illegalen Einwanderern. Es wird nur gezeigt, was derzeit ist. Aber es wird kein neuer Blickwinkel präsentiert. Das, was Star Trek früher einmal ausgemacht hat. Dafür hat vor allem Raffi das Bedürfnis, einen pseudocoolen Spruch nach dem anderen von sich zu geben. Das wirkt auf Dauer recht zynisch und macht den Charakter noch etwas unsympathischer.

Aber wenigstens rettet die Story um Picard, Jurati und die Borg-Königin die Episode. Wir wollen noch nicht übertreiben: Sie ist zumindest ein Lichtblick. Nicht nur, dass Juratis Darstellerin Alison Pill endlich einmal mehr sein darf als ein Clown-Nerd: Sie zeigt, dass sie eine echte Schauspielerin ist, die innerhalb von Sekunden von einer Emotion in die andere wechseln kann. Wir verstehen den gesamten Vorgang zwar nicht und wie Picard mit Juratis Unterbewusstsein im Kontakt bleibt, während ihr Bewusstsein die Borg-Königin reaktiviert. Aber dank Alison Pills Leistung schaut man interessiert zu und erfährt eine Menge mehr über den Charakter. Ja, so schnell kann das mit etwas mehr Tiefe gehen, wenn man es denn möchte. Warum darauf bei den anderen Figuren verzichtet, wissen nur die Autoren.

Auch Annie Wersching als Borg-Königin versprüht einen seltsamen Charme zwischen Eiseskälte, Überheblichkeit, Berechnung und kühlem Zorn. Sie wirkt zwar anders als Borg-Königinnen zuvor, aber das ist nichts Schlechtes. Auch die kleinen Einblicke, die Picard aus seiner Zeit als Locutus vermittelt, als er assimiliert worden war, sind tatsächlich spannend.

Aber: Wir hätten sofort geglaubt, dass die Borg-Königin damals in die Tiefen und Untiefen seiner Psyche geblickt hat. Es hätte nicht der seltsamen Erklärung für die Assimilation gebraucht, die aus dem eher technischen Vorgang nun eine Seelensezierung macht. Die Borg-Königin wird zu einer Art Techno-Hannibal-Lecter, der jede Schwäche nutzt. Das Borg-Kollektiv mit dem Ziel der Perfektion wirkt so eher wie ein einziger Sozio- und Psychopath. Es muss sich erst zeigen, wohin das führen wird, bevor man das bewerten kann. Es ist aber auf jeden Fall ein neuer Ansatz.

Leider entwerten die Macher diese Idee dann schnell wieder. Irgendwie hat Jurati eine Datei gespeichert, als sie mit der Borg-Königin verbunden war. Wie genau? Keine Ahnung! Offenbar funktionieren die technischen Systeme jetzt per Gedankensteuerung. Irgendwie. Da fehlt nur noch, dass ein Stück von Queen eingespielt wird: „It’s a kind of magic.“ Wie auch immer Jurati das geschafft hat: Die Borg-Königin ist beeindruckt. Bei ihr klingt es nur wie eine eisige Drohung. Oder wie der Beginn einer Verführung. So ganz eindeutig ist das nicht. Aber da bahnt sich etwas an, hoffen wir.

Denn dieser Teil der Episode kann zum ersten Mal tatsächlich überzeugen. Mit einer eigenen Idee und einer gewissen Spannung. Der Rest aber hält leider das niedrige Niveau der bisherigen zweiten Staffel. Zumal die Episode noch ein paar Fragen offen lässt: Warum gibt es an Bord der „La Sirena“ so viele Kleiderschränke vor allem mit unisex „Urban Streetwear“? Warum passt alles auf Anhieb Raffi und Seven? Und wo ist das Schiff gelandet? Weil Picard die Steuerung übernahm und von „Home“ sprach, nehmen wir an: Es ist nahe des Châteaus in Frankreich. Andere Fans wiederum haben die eingegebenen Koordinaten analysiert. Demnach befindet das Schiff sich angeblich nördlich des Los Angeles Forests. Welches „Home“ hat Picard dann gemeint?  Und warum ist es dann Nacht beim Schiff, aber helllichter Tag in Los Angeles selbst?

Und noch eine offene Frage: Als Raffi in der Episode Seven den Kommunikator gibt, betont sie, dass man damit keinen Kontakt zum Schiff aufnehmen kann. Am Ende der Folge aber ruft Picard aus dem Schiff den Kommunikator von Rios. Noch wichtiger ist aber: Werden wir Benjamin Sisko und Dr. Bashir treffen? In der Deep-Space-Nine-Doppelfolge „Past Tense“ (1995) sind die beiden nach einem Transporter-Unglück ebenfalls im Jahr 2024 gelandet und haben in San Francisco die Geschichte ein Stück weit verändert. Aber vermutlich machen wir uns auch da mehr Gedanken, als es die Autoren und Serienmacher je getan haben.

Hier findet man die Reviews zur 1. Folge „Die Stargazer“ und zur 2. Folge „Buße“.