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Picard 2. Staffel: Star Trek bei Amazon

Review Staffel 2, Folge 6 „Gnade“ : Picard stürzt erneut ab

Es ging aufwärts mit Picard bei Amazon. Doch der Trend findet nun sein Ende. Die zweite Staffel stürzt nun erneut in das tiefe Loch der Belanglosigkeit. Die sechste Episode ist langweilig, vorhersehbar und steckt voller Klischees.

Und sie tun es wieder: Die Episode beginnt wie schon die erste Folge mit einem sogenannten Flashforward und zeigt uns einen verletzten Jean-Luc Picard am Boden. Und dann springen wir 34 Minuten zurück, um zu sehen, wie es dazu kam. Regisseur Jonathan Frakes ist so sehr in dieses überstrapazierte Stilmittel verliebt, dass er inflationär gleich mehrmals die Minuten bis zu Picards Verletzung einblendet. Vermutlich um Spannung zu erzeugen. Doch genau das fehlt dieser Folge. Wo das schlechte Drehbuch nichts hergibt, kann auch nichts mehr erzeugt werden. Denn Klischees bleiben eben vorhersehbar, wenn man keine Ideen hat, wie man mit ihnen spielt.

Picard, Tallinn und Rios stehen in einer Schlange. Die Zeit wird knapp und sie funken Jurati an. Sie soll endlich die Sicherheitssysteme manipulieren. Das kennen wir aus unzähligen Heist-Movies und Agentenfilmen. Und es geht so aus, wie es immer ausgeht: Im letzten Moment schafft es Jurati. Wo ist die Spannung? Die Überraschung? Egal. Tallinn, die Picard erst seit wenigen Stunden kennt und deren Motive er niemals anzweifelt, gehört jetzt zum Team. Warum ist sie auf der Erde? Warum beobachtet sie seine Vorfahrin Renée? Wer oder was steckt dahinter? Picard nimmt das alles so hin, weil ihn die ebenfalls überaus vertrauenswürdige Borg-Königin auf diese Spur gesetzt hat. Wir haben es längst aufgegeben, die simplen, undurchdachten Lösungen der Autoren zu hinterfragen. Es steckt wirklich nicht mehr dahinter, als wir manchmal gerne glauben würden.

Höchstens noch interessant ist da nur, wie die Borg-Königin ihren Einfluss auf Jurati ausweitet, sie verführt und ihren eigenen Plan verfolgt. Wirklich spannend ist es aber auch nicht mehr, weil wir das nun über mehrere Episoden gesehen haben. Das lebt nur noch von den beiden Darstellerinnen Alison Pill (Jurati) und Annie Wersching (Borg-Königin), nicht von der Inszenierung einer gespaltenen Persönlichkeit. Da hat Picard nun einmal das Pech, das derzeit „Moon Knight“ bei Disney+ läuft. Und die Serie zeigt sehr viel intensiver, kreativer und besser einen Menschen, in dem mehrere Persönlichkeiten existieren und um die Vorherrschaft ringen. Die Spiegelungen der Borg-Königin in Glasflächen wirkt da im Vergleich regelrecht lahm. Zumal einige ihrer Lass-uns-Spaß-haben-Dialoge eher an Venom aus dem gleichnamigen Filmen mit Tom Hardy erinnern. Und das ist kein Lob.

Es gibt dann nachher eine Erklärung dafür: Die Königin will die Endorphin-Produktion in Jurati ankurbeln, um sie vollständig übernehmen zu können. Die Idee ist indes sehr viel besser als die platte Inszenierung. Wenigstens wissen wir nun, dass Alison Pill eine talentierte Sängerin ist. Mit dem Lied „Shadow of the Night“ von Pat Benatar aus dem Film „Time Square“ (1980). Darin geht es um zwei weibliche, unangepasste, grundverschiedene Teenager mit psychischen Problemen, die sich gegen die Gesellschaft auflehnen. Das soll offenbar die Dynamik zwischen der Borg-Königin und Jurati spiegeln. Und es ist tatsächlich Mal keine Star-Trek-Referenz. Alison Pill beeindruckt uns zudem mit jeder Folge mehr. Vielleicht sollte man die Serie in „Jurati“ umbenennen.

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Denn Patrick Stewart als Jean-Luc Picard gelingt es längst nicht mehr, irgendetwas anders als Mitleid auszulösen. Er ist zwar nur Opfer der absurd schlechten Drehbücher. Aber er führt einige belanglose Gespräche mit Tallinn, die so ziemlich gar nichts von Privatsphäre oder Datenschutz hält. Was genau sie als Wächterin macht, bleibt indes schleierhaft. Sie weigert sich beharrlich in das Leben von Renée Picard einzugreifen, beobachtet sie aber seit 24 Jahren und tut nichts anderes. Sie sagt zu Jean-Luc sogar, dass es vielleicht Renées Schicksal sei, nicht an der Europa-Mission teilzunehmen. Darum will sie sich da nicht einmischen. Was genau ist dann ihre Aufgabe? Eine außerirdische Voyeurin? Wir wissen und verstehen es nicht. Also greift Picard ein und trifft auf Soong, der nun im Auftrag von Q eben das zu verhindern versucht: Er setzt die Sicherheitsleute auf ihn an, weil Jean-Luc ihn angeblich belästigt. Ja, das ist der tolle Plan von Soong. Das ist auf der einen Seite nüchtern und realistisch, aber auch nicht sonderlich inspiriert geschrieben. Es ist indes nicht alles schlecht: Brent Spiner spielt großartig den getriebenen Mann, der das alles nicht versteht und den es auch nicht wirklich interessiert. Hauptsache ist für ihn, dass Q ihn bei den Problemen seiner Tochter hilft. Und im Zusammenspiel mit Spiner blitzt sogar bei Patrick Stewart sein Können auf, das er ansonsten unter eine Reihe übertriebener Gesten versteckt.

Das tut er auch im direkten Gespräch mit Renée. Das beginnt mit einer Star-Wars-Referenz, als sie ihn fragt, ob er nicht zu alt für einen Wachmann sei. Prinzessin Leia hat zu Luke Skywalker im ersten Krieg-der-Sterne-Film gesagt, dass er zu klein für die Sturmtruppen sei. Die Autoren bleiben sich darin treu, Zitate und Verweise für unglaublich kreativ zu halten. Das Gespräch, dass sich daraufhin entwickelt, erinnert dann leider an Dialoge zwischen Puppen aus der Sesamstraße. Wir überspitzen die Zusammenfassung: Warum hast du denn Angst? Manchmal ist Angst eben einfach nur Angst. Selbst die Größten von uns fürchten sich manchmal. Dann ist ja jetzt alles wieder gut. Sehr viel klüger und tiefsinniger ist das nicht. Früher hätte Jean-Luc Picard mit einem Shakespeare-Zitat begonnen und daraus wäre dann eine inspirierende Ansprache geworden. Aber wir sagten es schon einmal: Dieser Jean-Luc Picard hat bis auf den Namen und dem Aussehen leider nichts mehr mit dem legendären Sternenflotten-Captain zu tun.

Die Worte reichen jedenfalls, um die verängstige Renée zu überzeugen, nun doch bei der Europa-Mission mitzumachen. Und es ist wieder ein lächerlich naives Bild, das hier von Astronauten gezeichnet wird. Jemand, der so unsicher, impulsiv und depressiv ist, dass er andauernd zu Alkohol greift, wäre in der Realität niemals in die engere Auswahl eines Astronautenprogramms gekommen. Wenn man diesen Weg gehen möchte, hätte man das intelligenter, geschickter und besser aufbauen und inszenieren müssen. So aber wirkt es leider einfach nur lächerlich. Zumal die Schauspielerin Penelope Mitchell das alles andere als überzeugend spielt. Was soll sie auch machen, wenn ein bisschen Minimal-Charakterisierung alles ist, was man ihr in die Hand drückt? Aber sie darf ein Zeitreise-Klischee von sich geben: Sie sagt zu Jean-Luc, ihrem Nachfahren, dass sie das Gefühl habe, sie würden sich schon lange kennen. Das wurde viel zu oft zwischen entfernten Verwandten bei Zeitreisen benutzt. Weil es natürlich eine magische Verbindung über Jahrhunderte hinweg gibt. Das steht im Klischee-Buch so. Da hilft dann auch kein Verweis bei der Gala auf die Nomad-Sonde, die in der Star-Trek-Folge „The Changeling“ (1967) eine Rolle spielt und alles nicht Perfekte vernichten möchte. Das ist nur Fan-Service. Mal wieder.

Dabei können es die Autoren tatsächlich besser: Als Soong versucht, Renée zu überfahren, schubst Jean-Luc sie zu Seite und wird stattdessen verletzt. Wir geben zu, es ist ein etwas raffinierterer und ausnahmsweise gelungener Verweis: auf die Star-Trek-Folge „City on the Edge of Forever (1967). Da muss Captain Kirk zulassen, dass Edith Keeler im New York der 1930er überfahren wird. Um die Zukunft, wie er sie kennt, zu retten. Bei Picard muss Jean-Luc verhindern, dass Renée von einem Auto gerammt wird, um „seine“ Zukunft, zu bewahren. Allerdings: Woher wusste Soong, dass die beiden zu der Zeit vor dem Gebäude auf diesem Weg gehen. Hat er dort gewartet und einfach nur gehofft, dass es eine Gelegenheit gibt? Da hat er ziemlich Glück gehabt. Aber wir denken wieder viel mehr darüber nach, als es die Autoren jemals getan haben.

Allerdings fragen wir uns, wie die Geschichte und vor allem die Entwicklung in knapp 400 Jahren von nur einer Person abhängen kann. Hätte Renée sich 2024 erkältet oder hätte sie einen verdorbenen Fisch gegessen, wäre Jean-Luc Picard im Jahr 2400 ein Weltraum-Nazi? Ist das echt die Story? Alles hängt von einer Person ab? In unserer Geschichte fällt uns da Gavrilo Princip ein: Als der serbische Nationalist am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo erschießt, führt das zum Ersten Weltkrieg. Er war aber nur der Auslöser, nicht der Grund. Es gibt da noch die gesamte geschichtliche und politische Entwicklung, die zu der ausschlaggebenden europäischen Macht- und Bündnis-Konstellation geführt hat. Und an der war nicht Princip beteiligt. Tatsächlich führen die Ursachen teilweise zurück zum Krim-Krieg in den 1850ern. Seine Tat hatte zudem eine unmittelbare Folge. Nicht erst in 400 Jahren. Und was wäre gewesen, wenn der Anschlag verhindert worden wäre? Hätte es dann nie einen Krieg gegeben? Oder wäre etwas anderes in dem aufgeheizten politischen Klima der Auslöser? Am Ende hatte der Erste Weltkrieg gravierende Folgen für das 20. Jahrhundert, nicht Princip selbst. Für uns ist es darum schwer vorstellbar, dass das Schicksal der Erde und der Föderation an der Teilnahme einer Person an einer Weltraummission hängt. Zumindest hoffen wir das nicht, weil das ein etwas simples und naives Geschichtsbild zeigt. Und tatsächlich halten sich die Autoren noch sehr viel bessere Tür offen.

Da ist zum einen Jurati, die nun vollständig von der Borg-Königin übernommen wurde. So funktioniert das also mit der Assimilation: ein langwieriger Prozess der Manipulation. Wie haben die Borg jemals ganze Zivilisationen übernehmen können? Das alles ergibt so langsam keinen Sinn mehr. Leider. Aber zumindest wissen wir nicht, wohin das noch führen wird.

Und es gibt Soongs Tochter, die tatsächlich ein Klon- oder Gen-Experiment ist, wie wir schon vergangene Woche vermutet haben. Ihre Geschichte zeigt uns nicht nur, wie brutal und rücksichtslos Soong wirklich ist. Vielleicht geht es am Ende um die große Figur des Khan Noonien Singh, die Eugenischen Kriege mit gentechnisch veränderten Kriegern und einen Krieg mit Nuklearwaffen. Erst das legt den Samen, aus dem die Blüte der Föderation wächst. Findet das alles indes nicht statt, führt das zu der Konföderation. Möglicherweise ist das am Ende die Entscheidung, vor der Picard gestellt wird: Hält er Soong auf und rettet im 21. Jahrhundert Millionen, wenn nicht sogar Milliarden Leben – und opfert dafür die Föderation? Oder er lässt ihn gewähren und schafft erst so die Zukunft, wie er sie kennt. Das ursprüngliche Star Trek war eben immer auch eine Geschichte der Post-Apokalypse, aus der sich eine neue Menschheit entwickelt hat: eine Utopie der 1960er und des Kalten Krieges. Zumindest geben wir die Hoffnung nicht auf, dass die Autoren und Serienmacher da ein wenig nachgedacht haben. Allerdings schwindet diese Hoffnung mit jeder Episode.

Am Ende liegt Picard in dem illegalen Krankenhaus von Dr. Ramirez, mit der Rios zuvor angebandelt hatte. Da wurde tatsächlich etwas über mehrere Episoden aufgebaut, das nun einen Sinn ergibt. Ramirez führt auch gleich Rios‘ abgekupferten Han-Solo-Charme vor und kann zudem Picard trotz seines Androiden-Körpers helfen. Vielleicht sollte die Serie besser „Ramirez“ heißen. Aber Jean-Luc wacht nicht auf. Tallinn will darauf in sein Unterbewusstsein eindringen und ihn aus dem rausholen, was immer ihn dort festhält. Das führt zu einem der unsinnigsten Dialoge der Episode: Seven sagt, dass Picard nicht im Koma sei. Dafür sei sein Gehirn zu aktiv. Einige Momente später sagt Raffi, die über die ganze Zeit im Raum ist: Picard liege im Koma. Aha!? Wie auch immer man das verstehen will, nichts davon ist wirklich gut.

Da es schon mehrfach angedeutet wurde in der Folge: Wir gehen davon aus, dass wir nächste Woche die Wahrheit über Picards Kindheit und seine Mutter erfahren. Warum, wieso, weshalb der alte Captain nun in dieser Erinnerung oder seinem Trauma gefangen ist, wissen wir nicht. Offenbar hat der Kontakt mit seiner depressiven Vorfahrin Renée gereicht. Irgendwie. Das hätte man besser aufbauen können. Wenigstens hat er Renée das gesagt, was Jean-Luc von seiner Mutter gehört hat: „Schau hinauf“. Darum bleibt dieser eine Satz in der Familie und wird weitergereicht, bis er Picards Mutter erreicht? Und die gibt das dann weiter ein Picard und der an Renée. Eine Art Zeitschleife also. Wirklich gut ist das nicht. Aber wir erwarten längst nicht mehr viel von den Autoren und den Serienmachern.

Warum wir nicht viele Worte über Raffi, Rios und Seven verlieren? Erneut sind sie nur Statisten, die irgendwie auch da sind. Und zumindest bei Raffi und Rios sind wir nicht unglücklich darüber.

Die Reviews zu den vergangenen Folgen der 2. Staffel findet man hier: Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4, Folge 5.