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Picard 2. Staffel Solide Story mit einem kaputten Helden in Folge 1

Review Picard 2. Staffel, Folge 1 : Abgesang auf eine Star-Trek-Legende

Seit Freitag läuft bei Amazon Prime die 2. Staffel der Star-Trek-Serie „Picard“ rund um den legendären Enterprise-Captain. In einer an sich soliden Story wird der Titelheld aber demontiert.

Da steht er wieder in seinem Château: Jean-Luc Picard. Und er genießt buchstäblich die Früchte seines Lebens: den selbst angebauten Wein. Das hätte als Einstieg in die zweite Staffel völlig gereicht. Schließlich handelt es sich um eine Science-Fiction-Serie und keiner hätte vermutet, dass es ein Exkurs in die Kunst des Rebanbaus wird. Den Autoren aber war das zu lahm. Also beginnt die Serie zunächst mit einer actionlastigen Szene, die direkt aus dem Film „Star Trek: Der erste Kontakt“ (1996) zu kommen scheint. Eine Kopie aus den besseren Star-Trek-Tagen. Am Ende der Sequenz ordnet Picard die Selbstzerstörung eines Raumschiffs an, das offensichtlich übernommen wird. Sehr wahrscheinlich von den Borg. Denn es folgt eine Intro-Sequenz, die recht deutlich macht, worum es eigentlich gehen soll: Wurmlöcher, zerrissene Realitäten, die Borg und Zeit. Und dann sind wir im Château. Untermalt von einem Song, in dem es sofort wieder um Zeit geht. Tatsächlich wird in dieser Episode noch oft von Zeit gesprochen. Bis es auch der letzte Zuschauer verstanden hat.

Und mit Zeit spielen die Autoren dann auch gleich zu Beginn: Die Ereignisse im Château Picard spielen 48 Stunden vor dem gezeigten Action-Einstieg. Leider ist das ein lahmer und abgedroschener Story-Trick. Der kann nur dann funktionieren, wenn sich am Ende alles in einem anderen Zusammenhang darstellt oder wenn es eine Wendung gibt. Aber wie schon in der ersten Staffel darf man nicht zu viel von den Autoren und den Serienverantwortlichen erwarten. Wir sehen am Ende die identische Sequenz wie am Anfang. Es gibt keine Überraschung.

Zumindest nicht bei der Story. Beim Titelhelden gibt es die schon. Wir begleiten im Château einen selbstzufriedenen Picard. Dem Schauspieler Patrick Stewart sieht man das Alter bei jeder Bewegung mittlerweile deutlich an. Aber wir gönnen ihm und dem Captain einen geruhsamen Lebensabend. Er flirtet sogar mit einer seiner romulanischen Mitarbeiterinnen. Fast so wie in den alten Next-Generation-Tagen. Doch das hat den Autoren nicht gereicht. Plötzlich kippt die Stimmung und aus Jean-Luc Picard wird auf einmal ein Mann mit unverarbeiteten Problemen, die ihn beziehungsunfähig machen. Und natürlich hängt das alles mit seiner Mutter irgendwie zusammen. Klar, was sonst: Jean-Luc Picard als Muttersöhnchen mit unterdrücktem Trauma aus seiner Kindheit rund um häusliche Gewalt. So scheint es. Und er flog natürlich nur zu den Sternen, um sich nicht damit auseinanderzusetzen – sondern um davor wegzulaufen. Und nun hadert er mit seinem Schicksal, der verlorenen Zeit, den verpassten Gelegenheiten und seiner Einsamkeit.

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Leider passt das nur gar nicht zu Jean-Luc Picard, den wir in der Serie „Next Generation“ kennengelernt haben. Dort wurde seine Lebensgeschichte in diversen Folgen aufgearbeitet: Der arrogante, egozentrische, rücksichtslose Kadett und Frauenheld brach einen Streit vom Zaun und starb fast dabei. Er überlebte nur knapp dank eines Kunstherzimplantats. Aber das zwang ihn dazu, über sich selbst, seine Sterblichkeit und sein Leben nachzudenken. Und erst das machte ihn zu dem tiefsinnigen, nachdenklichen Philosophen und Entdecker auf dem Stuhl eines Captains.

Diese Vorgeschichte wird nun vom Tisch gefegt. Wir sehen einen Picard mit unverarbeiteten Problemen und seit seiner Kindheit getrieben von inneren Dämonen, über die er nicht redet. Dafür hat er sein Leben lang Ausreden konstruiert, warum sein Leben so ist, wie es ist. Das ist die vollkommene Demontage einer Figur und Neuinterpretation eines Charakters. Und ihrer Küchentisch-Psychologie vertrauen die Autoren so sehr, dass Picards alte Weggefährtin Guinan sie rechtfertigen muss. Sie und Picard hätten oft miteinander geredet, aber eben über das eine nie: Was in seinem Herzen vorgehe. Naja, eigentlich schon, wenn man „Next Generation“ gesehen hat. Aber jetzt ist eben alles anders.

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Es bestätigt aber leider den Verdacht, den wir seit der ersten Staffel von Picard hegen: Die neuen Serienmacher und Autoren haben es eigentlich nicht so mit Star Trek. Dazu passt dann auch, dass Picard noch etwas anderes andeutet: Es hat keinen Nachwuchs und wird der letzte seiner Familie sein. Das wurde schon im Film „Star Trek Generations“ (1994) thematisiert. Wir gehen davon aus, dass es dennoch erneut aufgebracht wird. Die Autoren haben sich da in etwas verrannt, weil sie unbedingt die Hoffnung auf eine zweite Chance im Leben in den Mittelpunkt rücken wollten. Mit der Brechstange. Und die Story selbst führt am Ende genau dorthin: zu einer zweiten Chance. Diese Rahmen-Geschichte ist tatsächlich der beste Teil der ersten Folge. Durch ein Wurmloch wird eine seltsame Botschaft empfangen, die sich als Überlagerung unzähliger Übertragungen entpuppt – die alle nur einen Wortlaut haben: Man ruft Jean-Luc Picard um Hilfe. Der wird daraufhin von der Föderation in den Einsatz geschickt.

Aber nicht nur er macht sich zu dem Wurmloch auf: auch Seven of Nine, die wieder als knallharte Actionheldin eingeführt wird. Von der rationalen, kühlen Ex-Borg ist offenbar bis auf das Augenimplantat nichts mehr übrig. Dr. Agnes Jurati darf dafür noch mehr als in der 1. Staffel das Klischee der exzentrischen Wissenschaftlerin mit lächerlichen sozialen Kompetenzen erfüllen. Nerds sind eben immer für Komik gut. Und wer sich fragt, warum sie nicht wegen Mordes verurteilt wurde: Man hat ihr eine Amnestie gewährt. Die Gründe kann man nicht ganz nachvollziehen. Aber die Autoren haben so eine unelegante, wenig inspirierte Erklärung gefunden, warum sie sich frei bewegen kann.

Elnos, Raffi und Rios sind jetzt auch bei der Sternenflotte: Rios sogar als Captain der runderneuerten Stargazer, auf der Picard am Ende den Kontakt zu den Sendern der Wurmloch-Botschaft aufnimmt. Wir erinnern uns: Stargazer war auch der Name des ersten Schiffs, auf dem ein junger Picard seine Karriere als Captain begann. Es ist darum ein nostalgischer Moment für ihn. Wie ein Kreis, der sich am Abend seines Lebens schließt. Das ist einer der gelungeneren Elemente der ersten Folge, die an sich den Anfang für eine solide Geschichte bildet.

Die Überraschungsmomente halten sich indes in Grenzen. Weil uns so viel am Anfang der Folge bereits gezeigt wurde, ist natürlich eins klar: Picard trifft erneut auf die Borg , die aber große Probleme zu haben scheinen. Das hält sie indes nicht davon ab, erst einmal die Computersysteme der Stargazer zu übernehmen. Und das wiederum führt dazu, dass Picard die Selbstzerstörung anordnet. Leider mit einem der lächerlichsten Authorisierungscodes der Seriengeschichte. Man muss es selbst gehört haben, aber es kommt dem Passwort „1234“ schon sehr nahe.

Natürlich stirbt Picard nicht: Es wird im letzten Moment von dem Überwesen „Q“ gerettet. Und aus alter verdrehter Verbundenheit passt er sein Aussehen an, um dem alten Captain ähnlicher zu sein. Das wäre fast schon ein rührender Moment trotz der vielen Auseinandersetzungen zwischen Picard und Q in „Next Generation“. Allerdings hat Guinan in derselben Folge bereits erklärt, warum sie selbst nun so alt aussieht – obwohl ihr Volk an sich eine sehr viel höhere Lebenserwartung hat: Sie passt ihr Aussehen den Menschen um sich herum an. Zweimal die an sich gleiche Erklärung für denselben Vorgang in einer Folge? Kreativität und Inspiration sind wirklich Fremdwörter für die Autoren und Serienmacher.

Was bleibt nun von der ersten Folge? Die Story scheint solide. Man muss nur akzeptieren, dass der aktuelle Jean-Luc Picard bis auf den Namen sehr wenig mit dem Next-Generation-Captain zu tun hat, sondern offenbar ein ganz anderer Mensch ist. Die Serie hat dennoch Potenzial, wenn die Autoren es in Zukunft vermeiden, das Gute vergangener Star-Trek-Episoden oder Filme schlecht zu kopieren.