„Babylon Berlin“, „Dark“, „Die Kaiserin“... Der fast schon unheimliche Erfolg deutscher Serien in aller Welt

Berlin · Vor fünf Jahren startete „Babylon Berlin“, kurz danach „Dark“. Derzeit begeistert „Die Kaiserin“ die Streamingfans in aller Welt, und bald läuft „1899“ an. Deutsche Produktionen haben zuletzt einen fast unheimlichen Erfolg.

Die Kaiserin: Bildgewaltige Netflix-Serie ist ein globaler Erfolg
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So bildgewaltig ist die Netflix-Serie „Die Kaiserin“

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Foto: dpa/Thomas Schenk

Binge-Watching deutschen TV-Stoffs auf der ganzen Welt: Serien aus der Bundesrepublik erregen international Aufsehen und werden stundenlang angeschaut. Die ­Sisi-Produktion „Die Kaiserin“ von Katharina Eyssen stand nach ihrer Veröffentlichung Ende September unter allen Netflix-Serien, die nicht-englischsprachig sind, weltweit auf Platz eins. Devrim Lingnau und Philip Froissant spielen darin die Hauptrollen und wurden laut Netflix bis Mitte Oktober zusammengerechnet etwa 134 Millionen Stunden gestreamt.

Die Wahrnehmung deutschen Fernsehstoffs hat sich ganz offensichtlich weltweit gewandelt. Wenn auch Stephen King, einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren der Welt, eine deutsche Serie lobt, wie er es neulich mit der Netflix-Produktion „Kleo“ tat, dann muss in der Tat was passiert sein in der Bundesrepublik. Denn Deutschland, das war doch angeblich immer das Land der öden, drögen Serien. Die Zeit der Biederkeit scheint jedoch passé.

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Die schönsten Szenen aus "Babylon Berlin"

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Foto: dpa/Frederic Batier

Das hat mit einer Entwicklung zu tun, die vor fünf Jahren an Fahrt aufnahm. Im Herbst 2017 startete „Babylon Berlin“ und außerdem mit „Dark“ die erste Netflix-Serie, die in Deutschland entwickelt und produziert wurde. Sie wurde zum globalen popkulturellen Phänomen.

Über „Kleo“ twitterte Stephen King vor Kurzem: „Was für ein frischer Wind! Spannend und auch sehr lustig.“ In der Netflix-Serie im Quentin-Tarantino-Style begibt sich Jella Haase als Stasi-Auftragskillerin nach dem Ende der DDR auf einen Rachefeldzug. Die kreativen Köpfe hinter der Serie sind das Autoren-Trio Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad, die nach ihren Vornamen in der Branche gerne auch mal „HaRiBo“ genannt werden und die schon hinter Serien wie „4 Blocks“ und „Para – Wir sind King“ steckten.

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Die 25 besten Netflix-Produktionen

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Foto: dpa/Courtesy Of Netflix

Und ganz bald dürfte wieder global für eine Netflix-Produktion aus Deutschland geschwärmt werden: für „1899“, die neue Mystery-Serie der „Dark“-Macher Jantje Friese und Baran bo Odar. Sie startet am 17. November und ist mit neuester Special-Effects-Technik gedreht. Nach einer Premiere beim Filmfestival Toronto gab es schon viel Lob.

Doch wie wurde dieses neue deutsche Serienzeitalter – manche würden wohl Serienwunder sagen – entfesselt? 25 Jahre ist es her, dass Netflix in den USA als DVD-Verleih gegründet wurde. Vor elf Jahren kündigte Netflix an, eigene Inhalte zu produzieren. Vor bald zehn Jahren – es war der 1. Februar 2013, in Deutschland der 4. Februar auf Sky Atlantic HD – ging dann die erste Staffel von „House of Cards“ online. Hauptdarsteller Kevin Spacey schafft es als Frank Underwood mit List und Tücke bis ins Weiße Haus. Alle Folgen wurden gleichzeitig veröffentlicht, was klarmachte, dass Streaming den Konsumenten mehr Freiheit als das klassische Fernsehen bieten wollte. Im Juli 2013 folgte „Orange Is The New Black“ als zweites sogenanntes Netflix-Original. Hier steht das Leben in einem Frauengefängnis im Mittelpunkt der Handlung. Beide Serien wurden Welthits und veränderten die Unterhaltungsindustrie radikal.

Sogenannte Edel- oder auch High-End-Serien, die sich durch Komplexität, wenig berechenbare Figuren, episodenübergreifende, horizontale Erzählweise auszeichnen, wurden spätestens jetzt zum Nonplusultra für alle Bewegtbildmacher, auch wenn es schon Vorreiter wie „Breaking Bad“ – für viele bis heute die beste Serie aller Zeiten – im US-Kabelfernsehen gegeben hatte.

Netflix als weltweiter, abofinanzierter Video-on-Demand-Dienste trat 2014 auch auf den deutschsprachigen Markt. Auch hierzulande stieg nun der Druck, auf Qualitätsserien zu setzen. Nicht zuletzt wegen der Erwartung, dass es bald die Konkurrenz deutscher Netflix-Serien geben werde, tat sich die öffentlich-rechtliche ARD mit Sky zusammen und rief das Großprojekt „Babylon Berlin“ ins Leben, eine aufwendige Krimiserie, die zu Zeiten der Weimarer Republik spielt. Anfang Oktober startete die vierte Staffel bei Sky, die 2023 auch im Ersten der ARD zu sehen sein wird.

Sieben Jahre vor dem „Babylon“-Start hatte die ARD dagegen noch eine fast traumatische Erfahrung mit dem aufwendigen Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf gemacht. Die Krimiserie im Mafiamilieu lief auf der Berlinale, dann bei Arte und blieb im Herbst 2010 bei ihrer Ausstrahlung im Ersten weit hinter den Quoten-Erwartungen zurück. Feuilletons fragten daraufhin, ob solche Serien jemals in Deutschland ankommen werden oder nun überhaupt noch produziert und dann zum Exportschlager werden könnten.

Inzwischen ist die Suche nach aufsehenerregenden Serienstoffen, die verstärkte Koproduktion der TV-Anbieter untereinander, der Ausbau von Online-Plattformen, um junge Zuschauerinnen und Zuschauer nicht vollends zu verlieren, bei den Sendern eine wichtige Arbeit. Denn: Eigenproduzierte Serien gelten als bedeutend für TV-Marken. Als Alleinstellungsmerkmal verbessern sie das Image und grenzen gegenüber der Konkurrenz ab.

Galten Drehbuchautoren in Teilen der deutschen Fernsehlandschaft lange Zeit nur als Zuarbeiter, weil die eigentliche Kreativarbeit ja angeblich beim Regisseur liege, so hat sich dies inzwischen erheblich gewandelt. Begriffe wie Showrunner – also der kreative und geschäftliche Fernsehserien-Kopf – oder Writers‘ Room – das Drehbuchautoren-Team, das in kreativem Ideenaustausch steht – sind keine Seltenheit mehr in Deutschland. Fest steht: Für Produzenten, Sender, berichtende Medien und nicht zuletzt die Zuschauerinnen und Zuschauer hat sich das Konsumieren von Fernsehserien und das Reden über sie in den vergangenen fünf Jahren stark verändert.

(dpa)
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