So wird der neue "Tatort" aus Frankfurt "Das Monster von Kassel"

„Tatort“ aus Frankfurt : Das Monster bin ich

Ein Kasseler Moderator zerstückelt seinen Stiefsohn. Ein Frankfurter „Tatort“ über die Frage des Warum.

Regenmantel, Gummistiefel und eine Axt. Das sind die Utensilien der dunklen Gestalt im Wald. Sie arbeitet akkurat: Arme ab, Beine ab, Kopf ab. Dann steckt sie die einzelnen Körperteile in Müllsäcke und klebt sie gut zu. Alles hebt die Gestalt, die später als das „Monster von Kassel“ bekannt sein wird, in den Geländewagen, und verteilt die verpackten Leichenteile an öffentlichen Orten, vornehmlich in und neben Müllcontainern.

Die Gestalt ist Maarten Jansen (Barry Atsma), ein bekannter Talkmoderator der Stadt. Nachdem er den Wald verlassen, die Müllsäcke deponiert hat, bringt er seiner Frau Croissants mit. Es ist ja Sonntag, er war joggen, und sie könnten jetzt eigentlich gemütlich frühstücken. Doch Jansens Frau muss zu einem Seminar. Die traute Heimeligkeit nach dem blutrünstigen Mord fällt aus.

„Das Monster von Kassel“ führt die Frankfurter „Tatort“-Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) in die ungeliebte Stadt im Norden. Das führt zu Provinzscherzen, wie sie täglich in Provinzradios gesendet werden. Kassel, das Hessisch-Sibiren, haha. Nun, man muss Regisseur Umut Dag wohl nachsehen, dass er sich die flachen Gags nicht verkneifen konnte. Ihm ist trotzdem eine sehenswerte Episode gelungen.

Moderator Jansen hat seinen 17-jährigen Stiefsohn getötet und zerstückelt. Der Zuschauer erfährt bereits in der fünften Minute, dass es sich bei dem Ungeheuer aus dem Wald um Maarten Jansen handelt. Es ist also keine klassische Tätersuche, die den Spannungsbogen des Films füllt. Sondern die Frage nach dem Warum. Jansen wird gespielt von dem Niederländer Barry Atsma, der aus der preisgekrönten deutschen ZDF-Serie „Bad Banks“ bekannt ist. Er spielt einen Soziopathen, der felsenfest davon überzeugt ist, alle, auch die Frankfurter Kommissare um den Finger wickeln zu können.

Aber es gibt ja Frau Janneke, wie Jansen sie ständig nennt. Das Verhöhr zwischen den beiden wird im Film in die Ermittlungen geschnitten. So sieht man immer wieder Jansen und Janneke, die sich unterhalten, als stammten sie aus dem selben Abiturjahrgang. „Können Sie mir das erklären, Frau Janneke?“, „Also das hätte ich nicht gedacht, dass Sie schon einen erwachsenen Sohn haben, Frau Janneke“, und so weiter. Jansen spielt den gebrochenen Vater perfekt, der um sein Kind trauert und die Welt nicht mehr versteht. „Wie kann ein Mensch so etwas tun?“, fragt er an einer Stelle.

Der prominente Sohn der Stadt steht im Mittelpunkt dieses gut komponierten Films. Seine Sendung – in einer Folge fragt er ein Model, wie es sich anfühlt, wenn ein Traum platzt – ist ein großer Erfolg. Also vermuten zunächst auch alle, dass der Tod irgendetwas mit Jansens Bekanntheit zu tun hat. Eine Entführung also, zum Beispiel. Aber das stimmt ja nicht.

Man sieht Jansens Spiel also fasziniert und angewidert gleichzeitig zu. Es ist ein guter „Tatort“, der in die Abgründe des Menschen führt. Auch von Menschen, die jeder zu kennen glaubt, weil sie immer da sind und lachen. Witze über die vermeintliche Provinz und Darstellungen des Privatlebens der Kommissare gehören wohl leider mittlerweile zum „Tatort“ wie die Melodie.

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