So wird der neue Onetake-"Tatort" aus der Schweiz

„Tatort“ aus Luzern: Komische Oper

Die „Tatort“-Saison startet mit dem Film „Die Musik stirbt zuletzt“ ausgerechnet in Luzern – und dann auch noch mit einem Experiment. Muss das sein?

Als das Schweizer Fernsehen vor einiger Zeit bekanntgab, den unbeliebten „Tatort“ aus Luzern 2019 absetzen zu wollen, sagte die Schauspielerin Delia Mayer, sie sei der Rolle der Liz Ritschard entwachsen. Wenn es dafür irgendeines weiteren Beweises bedurft hätte, ist er nun erbracht.

„Die Musik stirbt zuletzt“ heißt der neue Film aus Luzern, was trefflich ist, denn die Hoffnung, dass das dortige Ermittlerduo doch noch eine gute Episode abliefert, ist ja längst gestorben. Das liegt, leider, vor allem an der Kommissarin Liz Ritschard.

Dabei ist dies zum Saisonauftakt ein mutiger „Tatort“ des Regisseurs Dani Levy, ein „Onetake“, wie die Filmemacher sagen. Eine hohe Kunstform, weil keine Schnitte erlaubt sind. Gedreht wurde in nur einer Einstellung; der Kameramann musste den Schauspielern folgen, er durfte nicht unterbrechen.

Das SRF betont daher eifrig den großen Aufwand des Films. Wenn etwas schief geht, läuft die Kamera bedingungslos weiter. Der Kameramann musste deswegen Fitnessübungen machen, weil er die Kamera ja zwischendurch nicht ablegen kann. Und die Schauspieler mussten wie vor einem Theaterstück proben. Geholfen hat das, wie gesagt, nicht allen.

Es ist deshalb so schade, dass die Kommissare Ritschard und Reto Flückiger (Stefan Gubser) zum Gelingen dieses Experiments nichts beizutragen haben, weil der Rest gelingt. Mäzen Walter Loving (ganz stark: Hans Hollmann) lädt zu einem Benefizkonzert ins Kultur- und Kongresszentrum. Die Reichen und Schönen kommen und feiern sich für ihre guten Taten bei Champagner und Limousinen-Service. Das argentinische „Jewish Champer Orchestra“ (Orchester Jakobsplatz München) spielt klassische Werke von Komponisten, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden – der Abend ist den Opfern des Holocaust gewidmet.

Die Spannung wird recht subtil aufgebaut, zunächst vor allem durch den offenbar wahnsinnig gewordenen Sohn Lovings, Franky (ebenfalls stark: Andri Schenardi). Er spricht unmittelbar in die Kamera, wendet sich ans Publikum, sogar mit verblüffend „Tatort“-kritischer Selbstironie. Die Lovings haben dieselbe Geliebte, das ist ein Problem, weshalb sich der Junior den Champagner gleich gläserweise reinschüttet, was man durchaus verstehen kann. Zu Beginn des Konzerts bricht dann der Klarinettist Vincent Goldstein zusammen; er wurde vergiftet.

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An dieser Stelle verliert der Film an Wucht. Liz Ritschard, freilich zufällig ebenfalls im Konzert, tritt im rosafarbenen Abendkleid auf den Plan, und reißt ohne Polizeiausweis – riesig nervtötend, die Geschichte – die Ermittlungen an sich. Hektisch, überfordert, verkrampft: die unglücklichste Kombination dieser Adjektive beschreibt ihren Auftritt am Besten.

Dass Reto Flückiger direkt aus dem Fußballstadion mit Fanbekleidung kommt und auch noch seinen Sohn mitbringt, macht die Sache wirklich nicht besser. Ein schwer erträgliches Duo, das inmitten von guten, vielschichtigen Figuren schlicht und uninspiriert wirkt.

Der Klarinettist bleibt nicht der einzige, der vergiftet wird. Goldsteins Schwester bekommt bedrohliche Anrufe mit verstellter Stimme. Und nun wird es etwas unübersichtlich, auch weil die renitente Organisatorin des Abends derart bedeutungsschwanger umhergeistert, dass sie ähnlich nervt wie der fehlende Polizeiausweis Ritschards.

In die joviale Stimmung der Benefizmenschen hinein plant das Orchester die Dekonstruktion des Mäzens Loving. Während der Nazi­zeit hat er zahlreichen Juden für ein hübsches Sümmchen zur Flucht verholfen, Schlepper würde man ihn heute deswegen nennen, Intermediär nannte man ihn damals in der Schweiz. Aber weil es sich bei Schleppern um eher zweifelhafte Geschäftsleute handelt, steht eine Enthüllung vor der Tür, die irgendjemand unbedingt verhindern will.

Durch die Schwäche des Luzerner Teams verkommt das spannende Experiment zur komischen Oper.

„Tatort: Die Musik stirbt zuletzt“, Das Erste, So., 20.15 Uhr

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