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So war die "Polizeiruf"-Folge "Dunkler Zwilling"

„Polizeiruf“-Nachlese : Intensives Spiel der Hauptfiguren

Worum ging es? Wie blind Menschen sein, und wie gut sie sich verstellen können. Im Rostocker „Polizeiruf – Dunkler Zwilling“ wurde ein Serienmörder junger Mädchen gesucht. Polizeikommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ist klar, dass es ein Triebtäter ist, dem es gelingt, sich hinter einer bürgerlichen Fassade zu verstecken.

Für den Zuschauer stellt sich die Frage, was er selber in seinem Umfeld wahrnehmen würde. Natürlich hortet nicht jeder Nachbar oder Onkel Leichenteile in seinem Keller (was zu hoffen ist), aber wäre man wirklich offen und mutig genug, Verdächtiges und Verstörendes zu bemerken und öffentlich zu machen?

Wer war es? Unternehmer Frank Kern, gut gespielt von Simon Schwarz, hat die Frauen umgebracht. Da die Polizei nicht richtig vorankommt bei ihren Ermittlungen, gelingt es ihm, Beweise gegen ihn verschwinden zu lassen. Verstörend die Szene, als seine Tochter Marla (Emilia Nöth) per Auto-Stop nach Hause kommt und er ihr dazu eine Predigt hält. „Es hätte auch ein Perverser sein können“, sagt er. Ein Vater, der sich um die Sicherheit seiner Tochter sorgt und zugleich Mädchen in ihrem Alter tötet und ausweidet. Regisseur Lukacevic, geboren in Kroatien und geprägt durch den Jugoslawien-Krieg, wollte zeigen, welche Abgründe sich hinter bürgerlichen Fassaden verbergen. Er selbst habe erlebt, dass Menschen quasi über Nacht zu Mördern werden können und plötzlich ganz anders handeln, wenn sich der gesellschaftliche Rahmen verändert. Dieses Doppelleben wird schlüssig dargestellt. Der Täter kann seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen, weil sein Umfeld das Offensichtliche nicht sehen will – womöglich auch aus Angst vor den Konsequenzen für das eigene Leben. Kern bringt es auf den Punkt: Marlas Leben wäre ebenso zerstört wie seins.

Nichts für echte Kommissare Das Rostocker „Polizeiruf“-Team ist kein Vorbild in Sachen Polizeiarbeit, die nach Recht und Gesetz ablaufen soll. König und Bukow überschreiten ständig die Grenzen, in diesem Fall ist es König, die meint, über Marla an deren Vater heranzukommen. Sie setzt die Jugendliche unter Druck, und zum Schluss endet das fast in einer Tragödie.

Die kennt man doch Angela Winkler, eine ganz Große der deutschen Film- und Theater-Szene, spielt die Ehefrau des Tatverdächtigen Jan Hansen. Berühmt wurde sie mit ihrer Hauptrolle in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

Wie war es? Das Rostocker Team ist exzellent besetzt, Sarnau und Hübner spielen wieder so intensiv, dass es eine Freude ist. Der Fall bleibt dank zweier Hauptverdächtiger lange spannend, auch das Drama in der Familie des Täters vermag zu fesseln.

Geht da was zwischen Bukow und König? Zumindest die letzte Szene spricht sehr dafür. Die beiden schlichen immer umeinander, König hat aber im vorletzten „Polizeiruf“-Fall „Für Janina“ Beweise gefälscht, um einem Mann, der nicht zum zweiten Mal desselben Verbrechens angeklagt werden darf, einen anderen Mord unterzuschieben, damit er ins Gefängnis kommt. Bukow war nicht eingeweiht, deckte ihre Aktion jedoch. „Sie haben alles kaputtgemacht“, fährt er sie an. Bukow fühlt sich im Stich gelassen, er vertraut seiner Kollegin nicht mehr. „Für Sie fange ich mir keine Kugel ein.“ Später gipfelt die neue Annäherung in einem romantischen Dialog à la Rostock. „Sie riechen gut“, sagt sie. „Nach Schnaps und Schweiß“, entgegnet er. Sarnau und Hübner spielen diese Annäherung in mehreren Szenen so rührend, wie es selten in einem Krimi zu sehen ist. Außerdem pfeffern sie sich wunderbare Dialoge wie diese um die Ohren: „Kennen Sie das, wenn einem die einfachsten Worte nicht einfallen“, fragt König. „Na klar, was meinen Sie, warum ich so wenig rede“, antwortet Bukow. Und als er später über Elke Hansen, die Frau eines Hauptverdächtigen Jan Hansen, sagt, sie sei dessen Muse gewesen, und König ihn mit „Mäzenin“ verbessert, stellt er klar. „Wenn ich Muse sage, meine ich auch Muse.“

  • Im Fall „Dunkler Zwilling“ mussten de
    „Polizeiruf 110“-Kritik : Der Abgrund hinter der bürgerlichen Fassade
  • Die Ermittler König (Anneke Kim Sarnau)
    Rostocker „Polizeiruf“ : Das Monster von nebenan
  • Die Kommissare setzen dem Verdächtigen zu
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Der beste Dialog Polizeichef Henning Röder (Uwe Preuss) sinniert über einen alten Mordfall mit einem Fernfahrer. „Alle waren froh, dass er nicht von hier war“, sagt er. König entgegnet: „Wir wollen keine Monster in unserer Mitte, es müssen immer Fremde sein.“ „Deshalb haben wir Sie ja so gerne in unserer Mitte, Frau König.“ M. Stöcker