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So war der „Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“

„Tatort“-Nachlese : So war der „Tatort: Ein paar Worte nach Mitternacht“

Der „Tatort“ aus Berlin zum Tag der deutschen Einheit stellte eine Schlüsselfrage, die in vielen deutschen Familien gestellt wird: War Opa ein Nazi? Die Nachlese zu „Ein paar Worte nach Mitternacht“.

Worum es ging

Ausgangspunkt der Geschichte ist Bauunternehmer Klaus Keller, der am Abend der Feier zu seinem 90. Geburtstag tot auf seiner Dachterrasse aufgefunden wird. Um seinen Hals baumelt ein Schild mit der Aufschrift „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen“ - Nazis hängten SS-Deserteuren solche Tafeln um den Hals. Nelli Rubin und Robert Karow, die im Berliner „Tatort“ ermitteln, glauben daher zunächst an einen antisemitischen Hintergrund.

„Rechtsradikaler Anschlag. Staatsschutz. Fertig“, urteilt Rubin schnell, denn der tote Unternehmer engagierte sich in Israel, sein Lebensthema war die deutsch-jüdische Versöhnung. Dann gibt es einen weiteren Toten: Kellers Bruder Gerd springt vom Dach eines Krankenhauses. Je intensiver die beiden Kommissare fragen, je tiefer sie buddeln, desto klarer wird: Hier geht es um den sehr alten Schmutz einer Familie. Denn die Keller-Brüder begingen als 15-Jährige gemeinsam ein Verbrechen. Nach dem Mauerbau trennt sie das Leben: Klaus Keller profitiert in der Wirtschaftswunderzeit und wird erfolgreicher Bauunternehmer, Rolf Keller wird Stasi-Offizier. Was sie auch trennt: der unterschiedliche Umgang mit ihrer dunklen Vergangenheit.

Was gut war

Ziemlich viel. Die Kommissare, die leider nur noch bis 2022 gemeinsam in der Hauptstadt ermitteln und die das richtige Maß Persönliches rauslassen (der Zuschauer lernt sogar Karows Eltern kennen und erfährt, was der sich nach der Wende als erstes kaufte). Die Familiengeschichte, die sich in ihrer Verworrenheit nur ganz langsam aufdröselt, und die vielschichtig daherkommt. Die Figuren: die Witwe des Mordopfers beispielsweise, deren Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, die aber sehr genau und erschreckend nüchtern schildern kann, wie sie als kleines Mädchen die Familie ihrer Freundin an die Gestapo verriet. Der Neffe von Klaus Keller (Jörg Schüttauf), ein Ostberliner Rechtspopulist, samt seiner Frau, die den Ermittlern all ihre aufgestaute Wut vor die Füße kübelt, sind schon fast physisch unangenehm.

Worum es im "Tatort" wirklich ging

Um den Umgang mit Schuld, um eine funktionierende Erinnerungskultur, um die Frage, wie gut man eigentlich seine Familie kennt - und um die Frage, wie viel man eigentlich wirklich von ihr wissen will.