So gut ist "How to sell drugs online (fast)", die neue Netflix-Serie

Netflix-Serie "How to sell drugs online (fast)" : Die Liebe in Zeiten des Darknet

In der deutschen Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“ baut ein liebeskranker Nerd einen Online-Drogenhandel im Kinderzimmer auf. Eine Coming-of-Age-Geschichte auf Speed.

„Machen wir erstmal 'ne Pause?" Das ist keine Frage, sondern eine Ansage. Ein Jahr lang hat Moritz gewartet auf seine Lisa, Schüleraustausch in den USA, – nun macht sie Schluss, per Handy, noch vor der Zollkontrolle bei der Wiedereinreise.

"Sorry", haucht sie noch ins Handy, dazu ein Küsschen, aus Gewohnheit. Dann legt sie auf, und ihr Nun-Ex-Freund Moritz stürzt ins Bodenlose. Zumal Lisa mit Daniel anbandelt, der für alles steht, was der stille Nerd verachtet: Oberflächlichkeit und intensive Instagram-Nutzung vor allem. Erschwerend hinzu kommt noch florierender Drogenhandel.

Um Lisa zurückzugewinnen und ihrem Neuen den Nachschub zu entziehen, fasst Moritz einen gewagten Plan: Er erleichtert den fiesen Dorfdealer Buba (ein extra schlecht blondierter und tätowierter Bjarne Mädel!) um dessen Ecstasy-Vorrat – und verkauft den Stoff selbst, übers Internet.

Bekloppt? Sehr. Aber gut. Und ganz und gar nicht unrealistisch.

Sie selbst hätten in ihrer eigenen Provinz-Jugend versucht, am Rechner „etwas außergewöhnliches" zu machen, sagen Matthias Murmann und Philipp Käßbohrer (beide 35), die Grimme-Preis-ausgezeichneten Köpfe der Kölner Firma Bildundtonfabrik ("Neo Magazin Royale"). „Die Motivation können wir also total nachvollziehen." Vom realen Fall des jugendlichen Online-Dealers “Shiny Flakes“ aus Leipzig inspiriert, bastelten sie ein kleines fiktives Universum drumherum. Hübsch ist es geworden, arg schwungvoll allerdings geriet der Griff in die Klischee-Kiste; Moritz' Vater ist natürlich Polizist, sein bester Kumpel todkrank, Lisas Vater beschläft seine Sekretärin, und so weiter und so fort.

Alles Ironie, Metaebene und so, sagen die Macher zu ihrer Verteidigung, doch das entschuldigt und erklärt nicht alles.

Ziemlich vieles allerdings schon.

Bjarne Mädel als Dorfdealer „Buba“. Foto: Netflix/Foto: Netflix

Das große Ganze ist ohnehin gelungen: In atemberaubendem Tempo erzählt „HTSDO(F)“ von Liebe, Freundschaft und Erwachsenwerden, produziert mit fantastisch viel Liebe zum Detail. Sie ist zu gleichen Teilen Serie, Popkultur-Remix und Selbstpersiflage. Sehr viel “Breaking Bad„ ist drin, etwas “House of Cards“, „Tschick„ und “Grand Theft Auto“, dazu massenhaft Zitate im Wortsinn - WhatsApp-Nachrichten, Wikipedia-Artikel, Instagram-Posts. Auch die jungen Schauspieler machen ihre Sache toll: Streber Moritz (Maximilian Mundt) und Dorfschönheit Lisa (Lena Klenke; "Fack ju Göhte") wirken real, am meisten glänzt Newcomer Danilo Kamperidis als Lenni, Moritz' bester Freund und Hacker-Halbgott.

Die Optik knallt, der Sound stimmt. Meistens zumindest. Die Szenen mit Moritz' Vater sind so Sitcom-artig, dass man auf Gelächter aus der Konserve wartet, der Auftritt von Olli Schulz ist furchtbar überdreht. Und überhaupt: Wer eine „Dramedy“ ist "How to sell drugs online (fast)" erwartet, dürfte enttäuscht sein, dafür mangelt es schlicht an jedwedem Drama. Macht aber nix. Co-Showrunner Philipp Käßbohrer sagt: „Wir wollen junge Leute unterhalten und ältere erschrecken. Wenn man von Tempo und Inhalt ein bisschen überfordert ist, ist das schon okay.“ Ziel erreicht.

In gewisser Weise ist die Serie die Fortsetzung des Böhmermann-Prinzips mit anderen Mitteln: Wer will, kann nachdenken über gesellschaftlich relevante Themen, in diesem Fall den radikal anderen Umgang der heutigen Teenager mit dem Netz, der ein anderes Verständnis von Identität und Beziehungen nach sich zieht. Der Rest bestaunt das Ideen-Feuerwerk.

„How to sell drugs online (fast)“ läuft seit Freitag bei Netflix. Die erste und bislang einzige Staffel umfasst sechs Folgen à 30 Minuten.

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