NDR-Talkshow „3 nach 9“: Schlingensief sorgt für Eklat bei Roche-Auftakt

NDR-Talkshow „3 nach 9“ : Schlingensief sorgt für Eklat bei Roche-Auftakt

Züchtiges Kleid, adrette Frisur, ein bisschen Lampenfieber – doch das legte Charlotte Roche nach kürzester Zeit ab bei ihrem ersten Auftritt in der NDR-Talkshow "3 nach 9". Dass es bei der Premiere an der Seite von Altmeister Giovanni di Lorenzo zu einem Eklat kam, lag nicht an der umstrittenen Bestseller-Autorin ("Feuchtgebiete"), sondern an Christoph Schlingensief.

Züchtiges Kleid, adrette Frisur, ein bisschen Lampenfieber — doch das legte Charlotte Roche nach kürzester Zeit ab bei ihrem ersten Auftritt in der NDR-Talkshow "3 nach 9". Dass es bei der Premiere an der Seite von Altmeister Giovanni di Lorenzo zu einem Eklat kam, lag nicht an der umstrittenen Bestseller-Autorin ("Feuchtgebiete"), sondern an Christoph Schlingensief.

Der krebskranke Regisseur und Buchautor ("So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!") ließ dank der mitfühlenden Art von Charlotte Roche tief in sein Seelenleben blicken. Mit einem ehrlichen Bekenntnis verschaffte sich die Neu-Talkerin Zugang zu dem sensiblen Thema: "Dein Buch hat mein Leben positiv verändert", eröffnete sie Schlingensief glaubhaft.

Daraufhin floss es so emotional aus dem 48-Jährigen Aktionskünstler heraus, dass die 31-Jährige ihn einfach gewähren lassen musste. Wie gefesselt hingen alle an Schlingensiefs Lippen, als dieser sein Innerstes nach außen kehrte. Das ging so lange gut, bis der Regisseur von seiner Krankheit völlig unvermittelt zum offensiven Wahlkampf überging. Ganz offen attackierte er die FDP und CDU-Kanzlerin Merkel, ohne dass die unerfahrene Charlotte Roche ihn zu bremsen vermochte. "Wir dürfen uns zu politischen Dingen nicht äußern", versuchte Roche den Regisseur mehrfach verzweifelt zum Schweigen zu bringen.

Doch erst Altmeister Giovanni di Lorenzo, seit 20 Jahren als Gastgeber bei "3 nach 9" im Geschäft, kriegte die Kurve: An diesem Abend werde die Bremer Talkrunde in längst vergangen geglaubte Skandalzeiten zurückversetzt, schritt di Lorenzo ein, als es ihm zu bunt wurde. Mit einiger Mühe schaffte es Charlotte Roche anschließend, das Thema auf Schlingensiefs Projekte in Afrika zu lenken.

Puh. Da hatte Roche ihren kleinen Skandal. Aber ganz ehrlich: Wer wollte es der früheren Viva-Moderatorin übel nehmen? Ihre Premiere bei Radio Bremen verlief ansonsten so herzfrischend und schwungvoll, dass man ihre Vorgängerin Amelie Fried innerhalb kürzester Zeit nicht mehr vermisste.

Als dankbaren Auftaktgast hatte der Sender ihr den zahmen Komiker und Filmregisseur Bully Herbig beschert, der Charlotte Roche nicht nur routiniert über das Anfangs-Lampenfieber hinweg half, sondern launig über seinen Film "Wickie und die starken Männer" erzählte. Als Roche mit dem Finger auf di Lorenzo zeigte und verriet, dass "dieser Mann bis zu dem Film noch nie etwas von Wickie gehört" habe, war das Eis gebrochen. Di Lorenzo musste sich unter dem Gelächter des Publikums outen. Spontan löste sich alle Verkrampfung. Mit einem kleinen Kniff hatte Roche die Zuschauer gewonnen.

Während sich Di Lorenzo mit der begnadeten Cellistin Sol Gabetta, Rock 'n' Roll-Legende Peter Kraus und den tibetischen Buchautorinnen Yanzom Brauen, Sonam Dolma Brauen und Kunsang Wangmo über deren interessante Vita unterhielt, blieb Charlotte Roche nicht nur die gelungene Vorstellung der Band "Kitty, Daisy & Lewis" aus London vorbehalten, sondern auch der Schlusspunkt.

Im Gespräch mit dem in Polen erfolgreichen deutschen Schauspieler, Kabarettisten und Autoren Steffen Möller ("Viva Polonia") zeigte Roche noch einmal, was in ihr steckt. Erst kitzelte die völlig befreit aufspielende Moderatorin aus Möller polnische Witze über Deutsche in Polen heraus. Dann diskutierte sie mit dem Comedian über sein neues Buch "Vita Classica: Bekenntnisse eines Andershörenden". Seine Liebe zur klassischen Musik schon von frühester Jugend an geriet für Roche zu einer Steilvorlage: "Also ich hätte Dich dafür früher auf dem Schulhof verprügelt", schmiss sie ihm verschmitzt an den Kopf. Ganz einfach so. Und niemand konnte ihr ernsthaft böse sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Charlotte Roche: der Wandel des Viva-Girls

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