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"Precht" mit Diana Kinnert: Ist Konservativ die Zukunft?

TV-Nachlese zu „Precht“ : Konservativ oder vernünftig?

Der Philosoph Richard David Precht will von der Publizistin Diana Kinnert wissen, wie sich der Zulauf bei konservativen Werten mit dem rasanten Wandel und einer zersplitterten Gesellschaft zusammenbringen lässt.

In der Sendung zum Thema „Ist Konservativ die Zukunft?“ will der Philosoph Richard David Precht tiefer darauf schauen, warum die CDU und konservative Werte im Aufwind sind. Dazu spricht er mit der Publizistin und Unternehmerin Diana Kinnert (CDU), die die Idee eines „modernen Konservatismus“ vertritt. Precht hätte es gern konkret und klopft Kinnerts Ideen von verschiedenen Seiten ab. Doch was denn nun das moderne „konservativ“ bedeuten soll, bleibt bis zum Ende der Sendung unscharf.

Nach Kinnerts Ansicht ist die Gesellschaft wegen eines „Zugewinns an Freiheitsrechten“ fragmentiert. Wiederholt schiebt sie politisch Andersdenkenden die Verantwortung für eine Spaltung in die Schuhe, vom „progressiven Verhalten“ Barack Obamas über das „feministische Auftreten“ Hillary Clintons bis zu Klimabestrebungen in Frankreich.

Früher hätten wirtschaftliche Zwänge und eine andere „Orientierungsstärke“ der Kirchen das Leben geprägt, und Politik sei klar geteilt gewesen in Arbeit (SPD) und Kapital (CDU). Heute passe die Gesellschaft nicht mehr in diese drei Schablonen. „Eine gesunde politische Gemeinschaft entsteht, wenn freie Bürger selbst entscheiden dürfen“, sagt sie. Den Auftrag der Konservativen sieht sie als eine „moderierende Gestaltungshaltung“. Individualisierung findet Kinnert zwar gut, weil sie zu einer Bereicherung der Gesellschaft führe. Gleichzeitig brauche es nach ihrem Dafürhalten ein Wir-Gefühl, „das nicht sozial-moralisch erzwungen“ sei.

Bei der Frage, woher ein Zusammenhalt denn kommen solle, zieht Precht das Tocqueville-Dilemma aus der Kiste: Wenn jemand die ganze Zeit mit seinem eigenen Vorankommen beschäftigt ist, wird er kein guter Staatsbürger. Heute, so Precht, würde zudem die Werbung ständig dazu anhalten, an den eigenen Vorteil zu denken. Das sei eine „mit Milliardenaufwand propagierte Entsolidarisierung“. Nun soll Kinnert sagen, wie man dagegen mit preußischer Tugend oder Ähnlichem ankomme.

Doch das ist gar nicht Teil von Kinnerts Modell des Konservatismus. Kinnert zweifelt einfach an, dass das Verfolgen von Eigeninteressen überhaupt dem Wir-Gefühl schadet. Sie beharrt darauf, dass der Markt es schon richten werde. Auf Nachfrage schießt sie erneut gegen das, was sie als die andere Seite sieht: Eine „sozial-ökologische Revolte als Wir-Befehl“ funktioniere nicht.

Da allerdings erinnert Precht daran, dass angesichts des Klimawandels keine Zeit mehr bleibt für gemächliches Moderieren oder langsames Beschaffen von Mehrheiten. Dazu hat Kinnert keine konkrete Politikstrategie zu bieten. Sie plädiert dafür, auf technischen Fortschritt zu setzen. Das kommt nicht von ungefähr: Sie unterhält seit vier Jahren eine Plattform für grüne Innovationen. CDU-Mitglied ist Kinnert, seit sie 17 war. Und immer wieder bringt ihre Argumentation das Kernproblem des Gesprächs zutage: Was ist eigentlich konservativ in diesem Modell?

So will Precht beispielsweise wissen, welcher der Kanzlerkandidaten am ehesten zu Kinnerts Begriff von „konservativ“ passe. Sie findet, es müsste ein Politiker sein, der sich nicht als Hoheitsfigur inszeniere, sondern als Teamplayer verstehe. Der Auftritt von Laschet und Spahn als Volkspartei-Team sei ihr sympathischer als ein Kandidat, der sage: „Es gibt Orientierungslosigkeit, aber ich hole euch eure Zwänge zurück.“

Precht dekliniert verschiedene Aspekte durch, die seine Vorstellung vom Konservativen prägen: ein Fokus auf Traditionen, auf Familie und – besonders auf Kinnerts Partei gemünzt – ein Glaubensbekenntnis, eine Abneigung gegen Veränderung. Schließlich bringe technische Innovation immer auch neue Werte und einen gesellschaftlichen Wandel mit sich. Da kommt das berühmte Beispiel der Dampfmaschine, die von der Agrar- zur Industriegesellschaft und von der Aristokratie zum bürgerlichen Liberalismus geführt hat – und „Konservative waren da eigentlich immer dagegen“, so Precht. Das Konzept „Laptop und Lederhose“ möge vielleicht in Bayern funktionieren. Aber wie in Tech-Kreisen fragt Precht nun nach „scale“ – und bezweifelt, dass sich die Verbindung von Innovationsfreude und Kulturkonservatismus auf ganz Deutschland oder gar die Weltbühne heben ließe.

Kinnert spaltet an diesem Punkt die konservative Welt in Reaktionäre, Traditionalisten und Konservative auf. Eine Leitkultur sei für sie nicht konservativ. „Das einzig inhaltlich Bewahrenswerte ist das Vertrauen in ein Morgen“, so Kinnert. Ihrer Definition nach orientiert sich das Konservative an dem, was ist. Und das sei Wandel, zum Beispiel Digitalisierung oder Klimawandel, und eine Offenheit für „neue soziale Horte“ wie etwa die Graswurzelbewegung „Fridays for Future“.

Nun fällt bei Precht der Groschen. Den Widerspruch zum Konservativen, den er bei Kinnerts Äußerungen empfindet, könne er auflösen - wenn er das Wort „konservativ“ durch „vernünftig“ ersetze.