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Polizeiruf "Hildes Erbe": Mit dem Genderstern am letzten Lagerfeuer

So wird der „Polizeiruf“ : Gendern am letzten Lagerfeuer

Der „Polizeiruf“ des RBB hat einen Neuen im Kommissar-Duo. Schauspieler André Kaczmarczyk bringt als Ermittler Vincent Ross einen ganz neuen Männertypus ins Krimi-Genre. Und das ist eine Bereicherung.

Der Neue hinterlässt einen bleibenden Eindruck: Die Augen sind geschminkt, zur Entspannung macht er Yogaübungen, die auch mal in Ballett-Pirouetten enden, und dann trägt er auch noch einen Rock. Adam Raczek (Lucas Gregorowicz), Kriminalhauptkommissar im „Polizeiruf“ aus Frankfurt an der Oder, wundert sich erst nur still und ist dann doch erstaunt, als sich der Mann mit Rock und Make-up als Vincent Ross (André Kaczmarczyk) entpuppt. Und dieser Kollege, frisch von der Polizeischule, denkt gar nicht dran, sich eine Hose anzuziehen, als es zum ersten Tatort geht. „Ne, warum?“

Ja, warum sollte ein Mann sich nicht anders kleiden können, als es die Mehrheitsgesellschaft von ihm erwartet? Kann er sicherlich, aber ein Kommissar in der deutsch-polnischen Provinz? Vincent Ross pfeift drauf. Auf Moderegeln, auf Geschlechterklischees und auf weit verbreitete Männerhobbys wie Grillen und Biertrinken. Der Nachfolger von Olga Lenski (Maria Simon) ist vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) bewusst als „genderfluide Person“ angelegt.

Auch das noch, werden viele aufjaulen. Muss das sein? Im Sonntagabend-Krimi im Ersten, dem letzten Lagerfeuer der Fernsehnation, wird jetzt auch noch gegendert,  über Gefühle geredet und in den Arm genommen. Lass es zu! Die Vorstellung des neuen Kollegen ist klug, hintergründig und amüsant, denn neben Ross sind es auch andere Polizisten, die von Sternchen und MörderInnen sprechen – nicht nur der neue Paradiesvogel im Team. Die Botschaft der Drehbuchautoren ist klar: Man muss kein Freak sein, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und ihnen Bedeutung beizumessen.

Der Fokus in Eoin Moores Film „Hildes Erbe“ liegt auf der Annäherung zwischen dem alten Haudegen Raczek und Frischling Ross. Raczek durchläuft eine persönliche Krise und knallt sein Testosteron am Anfang nur so durch die Gegend – und wird doch in kürzester Zeit analysiert und enttarnt. „Geschieden, kaum Kontakt zu den Kindern, wenig Freunde, nicht mehr der Jüngste, sexuell unausgelastet, müde im Job. Du schleppst ganz schön viel mit dir rum. Wie kanalisierst du denn den ganzen Schmerz?“, sagt ihm Ross mitten ins Gesicht. Raczek ist völlig überrumpelt und antwortet nur „Hä?“. Trotzdem bauen die beiden eine professionelle Beziehung zueinander auf, und dieses Herantasten ist wahrlich unterhaltsam, mit Wortwitz, überzeugendem Schauspiel und einigen Running Gags.

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André Kaczmarczyk, dem Theaterpublikum vom Schauspielhaus Düsseldorf bekannt, bringt eine neue Energie in den „Polizeiruf“, das Debüt des neuen Duos hebt Frankfurt/Oder in der Liste der spannenden Ermittlerteams um einige Plätze nach oben.

Gemordet wird natürlich auch. Den freundlichen Studenten Bastian erwischt es in seiner Wohnung, es ist eine sehr blutige Angelegenheit. Er stammt aus einer ziemlich kaputten Familie. Der Vater (Lars Rudolph) ist Alkoholiker und saß wegen eines Autounfalls im Gefängnis, bei dem seine Frau gestorben ist. Die Kinder Bastian und Emma wachsen bei Oma Hilde (Tatja Seibt) auf. Die ist sehr schwer lungenkrank und hortet ihr Geld in Plastiktüten im Haus. Die Ermittler Ross und Raczek vermuten einen Kampf ums Erbe, in dem auch noch Hildes Pflegerin eine Rolle spielt. Emma (Ada Philine Stappenbeck) ist seit dem Tod der Mutter und dem Absturz des Vaters völlig aus der Spur, sie leidet an Angststörungen und lebt in einer Scheinwelt. Aber zum Glück gibt es nun in Frankfurt Vincent Ross, der die Menschen zu lesen weiß und in der Lage ist, ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen. Auch wenn er nie wissen kann, wem er da sein Vertrauen schenkt.

Polizeiruf: Hildes Erbe“, Das Erste, So., 20.15 Uhr