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Polizeiruf "Hildes Erbe": Ein Mann, ein Rock

Neues „Polizeiruf“-Team in Frankfurt/Oder : Ein Mann, ein Rock

Der „Polizeiruf“ aus Frankfurt/Oder hat ein neu zusammengestelltes Duo: Es sind zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und gerade das macht den Reiz des Debüts aus.

Worum ging es? Student Bastian ist freundlich und so hilfsbereit, dass er dem neuen Nachbarn direkt einen Kontakt zum Dealer eine Etage drüber vermittelt. Doch dann liegt er Stunden später in einer Riesen-Blutlache tot in der Wohnung. Seine Angehörigen gehen mit seinem Tod ganz unterschiedlich um: Großmutter Hilde ist mit ihrer Luftnot beschäftigt und wittert überall Diebstahl, sodass sie Hunderttausende Euro in Plastiktüten in ihrem Haus versteckt. Bastians Schwester Emma leidet an Angststörungen und weiß gar nicht, wie sie ohne ihren Bruder klarkommen soll. Er war ihr einzige Stütze. Denn die Mutter der jungen Erwachsenen scheint seit Langem verschwunden, Vater Ulf ist alkoholkrank, obdachlos und hat sein Leben nicht mehr im Griff. Es ist das Psychogramm einer völlig zerstörten Familie, in der es kaum emotionale Bindungen gibt und in der Hildes dicke Geldbündel alle verrückt machen.

Worum ging es eigentlich? In „Hildes Erbe“ geht es um das Kennenlernen der neuen Kollegen. Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) bekommt es mit Vincent Ross (André Kaczmarczyk) zu tun – einem Mann, der Rock trägt, sich die Augen schminkt und zur Entspannung Ballettpirouetten dreht. Das ist für Motorradfahrer, Grillwurst-Fan und Teilzeit-Macho Raczek irritierend. Die Macher des „Polizeiruf“ haben den neuen Charakter bewusst genderfluid angelegt, Männerklischees werden in Frage gestellt.

Wie war es? Wirklich sehenswert. Das Spiel mit den Männerbildern war humorvoll, reflektiert und nicht platt. Lucas Gregorowicz und André Kaczmarczyk harmonieren gut, man spürt förmlich ihren Spaß bei der Arbeit. Die zwei Männer wissen in ihren unterschiedlichen Rollen beide zu berühren. Zum Beispiel, wenn man sieht, wie offen und nahbar Ermittler Ross auf andere zugeht, sich so gibt, wie er sich wohl fühlt, und auch von anderen akzeptiert wird. Und dann ist auf der anderen Seite Raczek, dem sein Leben entgleitet, der im Innern nach Hilfe schreit, aber nicht in der Lage ist, aus seinen Verhaltensmustern auszubrechen. „Fass mich nicht an, ich habe keinen Bock auf Privates, ich konzentriere mich auf den Fall“, bricht es einmal aus ihm heraus Wenn das nur so leicht wäre. Ein zweiter Pluspunkt des Films: Die Nebenrollen sind mit Tatja Seibt (Hilde) und Lars Rudolph (Ulf) grandios besetzt.

Der beste Dialog Emma behauptet, ihre Mutter lebe in Kanada. Schließlich finden die Polizisten heraus, dass sie schon vor langer Zeit bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. „Ich dachte, die Mutter ist bei den Indianern“, sagt Raczek. „Das heißt jetzt Indigene oder First Nations“, entgegnet Ross. „Das ist mir scheißegal.“ „Ja, leider.“

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Die beste Szene Die meiste Zeit des Films steht Raczek etwas neben sich, er schläft kaum, wirft Tabletten ein und wirkt, als entgleite ihm alles. Ross will ihn so nicht ans Steuer lassen, nimmt ihm den Schlüssel weg, setzt sich auf den Fahrersitz und fragt: „Rechts ist die Bremse, ne?“ Wenn Blicke töten könnten.

Wie geht es weiter? Adam Raczek hat wirklich ernst zu nehmende Probleme – das macht die letzte Szene mehr als deutlich. Aber vermutlich wird Ross den neuen Kollegen therapieren, einen Bachelor in Psychologie hat er ja schließlich.