1. Panorama
  2. Fernsehen

„Polizeiruf" aus Rostock - "Dunkler Zwilling": Das Monster von nebenan

Rostocker „Polizeiruf“ : Das Monster von nebenan

In der Rostocker „Polizeiruf 110“-Folge „Dunkler Zwilling“ ist ein Serienmörder unterwegs - ein Normalo mit einem Hass auf Frauen. Ein starker Fall.

Es ist eine verfahrene Angelegenheit zwischen Polizeikommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Die beiden harmonieren nicht, reden nicht mehr miteinander, zu tief ist das Misstrauen. König hat im vorletzten „Polizeiruf“-Fall „Für Janina“ Beweise gefälscht, um einem Mann, der nicht zum zweiten Mal desselben Verbrechens angeklagt werden darf, einen anderen Mord unterzuschieben, damit er ins Gefängnis kommt. Bukow war nicht eingeweiht, deckte ihre Aktion jedoch. Jetzt, in der neuen Ermittlung im Fall „Dunkler Zwilling“, kommen aber alte Gefühle hoch. „Sie haben alles kaputtgemacht“, fährt er sie an. Bukow fühlt sich im Stich gelassen, er vertraut seiner Kollegin nicht mehr. „Für Sie fange ich mir keine Kugel ein.“ Das sitzt.

Dabei leidet Katrin König wie ein Hund unter der Situation. Die Sprachlosigkeit, die Distanz zwischen ihnen, dazu kommen rasende Kopfschmerzen. Und dann geht es im neuen Rostocker Fall wieder um getötete Mädchen und junge Frauen. Ein Serienmörder scheint nach 15 Jahren sein schreckliches Tun wieder aufgenommen zu haben. Er ermordet seine Opfer, weidet sie zum Teil aus und platziert ihre Schuhe akkurat neben den Leichen. Die Ermittler ahnen: Der Mörder muss sich hinter einer bürgerlichen Fassade verstecken, sonst hätte er nicht so lange im Verborgenen bleiben können. „Das Bild des Soziopathen, der außerhalb der Gesellschaft lebt, trifft nicht zu“, sagt König. Und sie, die selbst so aus der Balance geraten ist, soll ein Profil des Täters erstellen.

Regisseur und Drehbuchautor Damir Lukacevic bietet dem Zuschauer zwei Verdächtige: Der alleinerziehende Umzugsunternehmer Frank Kern (sehenswert: Simon Schwarz) macht sich verdächtig, ebenso der Taxi fahrende Jura-Student Jan Hansen (Alexander Beyer), der von seiner älteren Ehefrau Elke der Taten bezichtigt wird. Gegen beide sprechen Indizien, beide werden aber immer wieder entlastet. König versucht, über Kerns Tochter Marla hinter die Fassade ihres Vaters zu blicken. Hinzu kommen die vielen Hinweise aus der Bevölkerung, die nach einer Pressekonferenz eintrudeln. Und da führt der Rostocker „Polizeiruf“, der oft für seine wenig gesetzeskonforme Polizeiarbeit gescholten wird, auf schöne Weise vor, welch abstruse Anschuldigungen bei den Ermittlern auflaufen. Da wird anonym der Nachbar bezichtigt, 30 Leichen in seinem Garten vergraben zu haben, ein anderer soll mit einer Einkaufstüte voller Schamhaare durch die Gegend laufen. Hilfreich ist das nicht.

In diesem Fall wohnt das Monster nebenan, in einem Haus mit Garage, umgeben von einer spießigen Hecke, ein Normalo mit einem Hass auf Frauen. Regisseur Lukacevic, geboren in Kroatien und geprägt durch den Jugoslawien-Krieg, wollte genau das zeigen. „Ich habe selbst erlebt, dass Menschen quasi über Nacht zu Mördern werden können und plötzlich ganz anders handeln, wenn sich der gesellschaftliche Rahmen verändert“, sagt er. Auch Serienmörder zeigten diese zwei Gesichter. „In meiner Beschäftigung mit solchen Tätern ergab sich ein bestimmtes Bild, nämlich, dass diese Menschen durchaus dazu in der Lage sind, ihre Frauen und Töchter zu lieben, während sie gleichzeitig andere Frauen in deren Alter brutalst quälen und umbringen.“ Dieses Doppelleben wird schlüssig dargestellt. Der Täter kann seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen, auch weil sein Umfeld das Offensichtliche nicht sehen will.

  • Die Kommissare setzen dem Verdächtigen zu
    „Polizeiruf“-Nachlese : Gerechtigkeit statt Recht und Gesetz
  • Guido Wachs (Peter Trabner, l.) ist
    „Polizeiruf 110: Für Janina“ : Selbstgerechte Kommissare
  • Es geht nicht darum, wer es
    „Polizeiruf 110“ : Wie wäre es mal mit Schnauze halten?

Für die Fans der Rostocker Ermittler aber viel wichtiger: König und Bukow finden wieder zueinander, ihre Anbahnung gipfelt in einem romantischen Dialog à la Rostock. „Sie riechen gut“, sagt sie. „Nach Schnaps und Schweiß“, entgegnet er. Sarnau und Hübner spielen diese Annäherung in mehreren Szenen so rührend, wie es selten in einem Krimi zu sehen ist. Die beiden Schauspieler verkörpern ihre rauen und zugleich sensiblen Rollen so authentisch, dass sie allein schon die Qualität des Rostocker „Polizeirufs“ ausmachen. Man sollte diesen Fall nicht verpassen.

„Polizeiruf 110 – Dunkler Zwilling“, Das Erste, So., 20.15 Uhr