„Polizeiruf 110": Matthias Brandt in seinem vorletzten Fall

„Polizeiruf 110“ : Kommissar Meuffels versteht die Welt nicht mehr

In einem stellenweise arg überdrehten „Polizeiruf 110“ bekommt es Ermittler Meuffels mit Neonazis und dem Verfassungsschutz zu tun.

Ein Flüchtling wird von einer Gruppe Jugendlicher zu Tode geprügelt. 40 Mal treten die Täter auf ihr Opfer ein. Zuvor soll der Mann versucht haben, eine Freundin der Jungen zu vergewaltigen. Die Deutschen berufen sich auf Notwehr. Der Ausländer habe ein Messer dabei gehabt. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) glaubt diese Version des Tathergangs allerdings nicht. Doch ihm fehlen lange Zeit die Beweise, um die Jugendlichen wirklich unter Druck setzen zu können. Als er dann endlich weiterkommt, behindert der Verfassungsschutz seine Arbeit. Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Jan Bonny zeichnet in „Das Gespenst der Freiheit“ ein düsteres Bild von Deutschland im Sommer 2018.

Jugendliche Neonazis ziehen in großen Gruppen durch München, grölen „Sieg Heil“ und bedrohen Passanten. Sie prügeln sich durch Restaurants und ballern nachts an der Isar wild mit einer Polizeipistole um sich. Passanten tun so, als wäre das ganz normal und reagieren nicht. Zeugen ziehen ihre Aussagen zurück, weil sie um ihr Leben fürchten.

Von Meuffels gibt ihnen resigniert recht: Die Polizei könne tatsächlich keine Zeugen vor Neonazis beschützen, sagt er. Die bayerische Justiz macht keinen Hehl daraus, sich nicht sonderlich für rechte Gewalt zu interessieren. Im Gefängnis prügeln Beamte dafür mit Schlagstöcken auf ausländische Gefangene ein.

In geheimen Treffen versorgt ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes (glänzend gespielt von Joachim Król) die Gruppe mit Geld und einer Pistole. Mitten in diesem Chaos und allgemeinen Niedergang steht ein hilfloser Polizist von Meuffels, schaut traurig aus dem Fenster in die trübe Welt und zündet sich eine Zigarette an. Dies ist nicht mehr sein Land, scheint sein Blick dabei zu sagen.

Regisseur Bonny versucht zahlreiche aktuelle Bezüge in diesen knapp 90 Minuten Krimi unterzubringen. Einer der rechten Jugendlichen hat iranische Wurzeln und beteuert immer wieder, dass er auch Arier wie alle anderen sei. Ähnlich hatte sich der 18-jährige Schüler geäußert, der im Jahr 2016 in München bei einem Amoklauf neun Menschen erschossen und fünf weitere verletzt hatte. Alle Opfer von damals hatten einen Migrationshintergrund. Die Tat gilt als ausländerfeindlich motiviert. Das Verhalten des Verfassungsschutzes mit zwielichtigen V-Leuten und konspirativen Treffen erinnert den Zuschauer indes an die Ermittlungen im NSU-Skandal.

Trotz dieser aktuellen Bezüge lässt einen dieser „Polizeiruf“ über manche Strecken kalt. Dies liegt auch daran, dass einige Szenen arg überzeichnet wirken. Es wird geschrien und geprügelt und das oft minutenlang. Eine Szene, in der die Rechten eine Europaflagge verbrennen und mit glühenden Augen „Ode an die Freude“ singen, wirkt regelrecht albern. Gleiches gilt für eine Prügelszene im Gefängnis, die wie Slapstick aussieht. Immer wieder dürfte der Zuschauer leicht ungläubig mit dem Kopf schütteln.

Der vorletzte Fall für Matthias Brandt im „Polizeiruf“ ist alles in allem leider einer der schwächeren aus München. Seine Figur des aus der Zeit gefallenen von Meuffels, der sich seine Lederschuhe von Hand nähen lässt und wie selbstverständlich im Büro raucht, hat in den vergangenen Jahren viele Fans gewonnen. Diese dürfen hoffen, dass von Meuffels im Winter mit einem Highlight verabschiedet wird. „Das Gespenst der Freiheit“ war leider keines. Seine Nachfolgerin wird eine Österreicherin. Schauspielerin Verena Altenberger ermittelt ab 2019 im „Polizeiruf“. Ob auch sie im Büro rauchen darf, ist noch nicht bekannt.

„Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit“, Das Erste, So., 20.15 Uhr