„Polizeiruf 110“: Der Fall "Kinderwohl" ist nur Durchschnitt

„Polizeiruf 110“ : Wie wäre es mal mit Schnauze halten?

Der Rostocker „Polizeiruf“ widmet sich einem heißen Eisen: der Betreuung von Jugendlichen im Ausland. Der Fall gerät leider arg zäh – liefert aber immerhin einen großen Moment.

Keno (Junis Marlon) hat schon einiges hinter sich: Der erste Überfall mit sieben, es folgen Schulverweigerung, Diebstahl, Körperverletzung. Seine Mutter ist mit ihm überfordert, der Vater hat eine neue Freundin und mag sich sein junges Glück nicht zerstören. Und die Oma will ihn auch nicht. Also kommt er ins Heim und lebt als Teenager in einer Wohngruppe für schwierige Jugendliche. „Keno ist so ein schöner Name“, sagt seine Mutter, die sich in Therapie befindet. Der Name ist auch das einzig Schöne, für das sie im Leben ihres Kind gesorgt hat.

„Kindeswohl“ heißt der Fall des Rostocker „Polizeiruf“-Teams Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau), der sich um die Frage dreht, wie man mit solch einem Kind am besten umgeht. Kenos Betreuer schwanken zwischen Kuschelpädagogik und Null-Toleranz. In ihm steckt so viel Wut, dass er an einem Tag ausrastet und seinen Betreuer Stig erschießt. Mit dabei ist sein Freund Samuel, ausgerechnet Bukows Sohn. Die beiden Jugendlichen hauen nach der Tat ab, und Bukow schwankt zwischen dem Zorn auf seinen Sohn und der großen Angst um ihn.

Kenos Kumpel und Halbbruder werden in Polen betreut, Abenteuerpädagogik könnte man das nennen. Sie leben bei Familien, die kein Deutsch sprechen, die Jungen sprechen kein Polnisch. Sie sollen durch Feldarbeit zu sich finden, den Kontakt zu alten Milieus abbrechen. Bukow und König bekommen schnell spitz, dass die Jugendhilfe in Hand eines privaten Trägers ist, der mit dem deutschen Jugendamt gute Geschäfte macht.

Natürlich geht es um die Frage nach dem Sinn einer solchen Maßnahme – eine ehrliche Antwort gibt der Film nicht, weil er sich für eine zugespitzte Darstellung entscheidet. Die Kommissare verwenden so plakative Begriffe wie „Outsourcing nach Osteuropa“, der Heimbetreuer spricht von Keno als einem „Systemsprenger“. Eine sachliche Diskussion ist in einem Krimi vielleicht auch nicht zu erwarten, aber so wird der Film der Thematik nicht gerecht.

Der zweite Fokus des Films liegt auf der Beziehung zwischen Bukow und Sohn Samuel. Der ist ein Trennungskind und lebt in einer Wohngemeinschaft mit Vater und Opa. Der Kommissar fährt einen harten Kurs gegen seinen Sohn, zeigt ihn sogar bei der Polizei an. „Anders lernt er es ja nicht“, sagt er. Kommunikation gibt es kaum, und wenn doch, besteht sie aus Vorwürfen und Beschimpfungen.

Es gibt eine richtig starke Szene in diesem „Polizeiruf“, die deutlich macht, wie gut die Schauspieler Sarnau und Hübner sind und wie spannend ihre Figuren König und Bukow: Sie kommen bei der Suche nach Samuel und Keno nicht weiter, und als König ihre Nachrichten von einer Partnerbörse checkt, flippt erst Bukow aus, dann sie. Er schnauzt sie an, dass das ja wohl nicht der richtige Zeitpunkt sei, sie schnauft vor Wut, er äfft sie nach. Und dann bricht es aus ihr raus. „Wegen Leuten wie Ihnen sind wir hier! Immer schön harte Kante, immer schön drauf, was für eine qequirlte Scheiße!“, haut König ihm um die Ohren. „Wie wäre es mal mit zuhören? Oder mal mit Schnauze halten?“ Die beiden knallen mit einer Wucht aufeinander und kriegen sich dann noch mit einer gewissen Sanftheit füreinander wieder ein.

Es ist leider der einzige, große Moment in diesem Krimi. Rostock ist immer eine Bank für einen spannenden Fall, diesmal liefern Bukow und König nur Durchschnitt.

„Polizeiruf 110 – Kindeswohl“, ARD, So., 20.15 Uhr

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