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Kita-Mangel war Thema bei Günther Jauch: Peinliches Wettkrabbeln um einen Kita-Platz

Kita-Mangel war Thema bei Günther Jauch : Peinliches Wettkrabbeln um einen Kita-Platz

"Was wird aus dem Kita-Versprechen?" fragte Günther Jauch am Sonntagabend. Um die Antwort stritten vor allem Kristina Schröder und Hannelore Kraft. Aber die eigentliche Frage war: In welcher Welt lebt Norbert Blüm?

Nutzwertig wurde die Sendung ganz zum Schluss: Eine Fachanwältin gab konkrete Rechtstipps. Die gut 50 Minuten zuvor waren eine weitestgehend sachlich geführte Diskussion: Um das Thema "Kein Platz für Kinder - was wird aus dem Kita-Versprechen?" ging es bei Günther Jauch am späten Sonntagabend.

Ab August steht jedem Kind in Deutschland ein Kindertagesstättenplatz zu - laut einem Gesetz aus dem Jahr 2008. Allein - dieser Rechtsanspruch wird sich kaum erfüllen lassen. Noch immer hinkt die Zahl der verfügbaren Plätze der der eigentlich benötigten stark hinterher.

250 Bewerbungen auf 25 Plätze

Es ergeben sich zweifelhafte bis erschreckende Zustände, die Jauchs Redaktion gleich zu Beginn zu schildern wusste: Die verzweifelte Kölner Mutter, die für ihren kleinen Sohn keinen Kita-Platz bekam und eine Bürgerinitiative gründete, war da der harmloseste Fall.

Bestürzt musste sein, wer von dem Münchner Familienvater erfuhr, der einen Kita-Platz für seinen kleinen Sohn gewann - in einem Wettbewerb, den ein Radiosender gemeinsam mit einer privaten Kita in München veranstaltete. Die Männer mussten in Babykleidung einen Hindernisparcours aus Kinderspielzeug entlangkrabbeln. Wer den Krabbelwettbewerb für sich entschied, erhielt einen Kita-Platz - für ein Jahr.

Eine Konstanzer Mutter, die gerne wieder arbeiten gehen würde, konnte außerdem berichten, dass in ihrer Stadt auf 25 Kita-Plätze 250 Bewerbungen kommen. Sie werde kaum eine Chance haben, bald wieder als Verkäuferin zu arbeiten. Nicht wegen fehlender Arbeitsplätze am Bodensee - sondern, weil sie zu Hause bleiben und ihren Sohn betreuen müsse. Einen privaten Betreuungsplatz, der mitunter rund 1000 Euro im Monat kosten kann, kann sich die Familie nicht leisten.

Was also wird aus dem Versprechen der Bundesregierung, ab August jedem Kind einen Kita-Platz zur Verfügung zu stellen? Bundesfamilienministerin Schröder (CDU) war die erste auf dem Podium, der Jauch das Wort erteilte. Sie versuchte, Zuversicht zu verbreiten: "Wenn alle Ebenen sich an ihre Zusagen halten, können wir es schaffen. Es wird schwer, aber wir können es schaffen." Sie bekräftigte auch, dass der Rechtsanspruch auf jeden Fall Gültigkeit bekommen werde: "Er wird auf keinen Fall verschoben", sagte die Ministerin.

"Hier wird Schindluder getrieben"

Das hielt Stefan Sell, Professor für Sozialwissenschaften an der FH Remagen in Rheinland-Pfalz, für unmöglich. Bis August werde man es sicherlich nicht schaffen, genügend Plätze zur Verfügung zu stellen, sagte der eloquente Wissenschaftler. Allein schon, weil es an qualifiziertem Fachpersonal fehle. Ein großer Teil junger Erzieherinnen, legte Sell im weiteren Verlauf der Sendung dar, verlasse den Beruf noch in der Ausbildung - zugunsten eines Jobs im Lebensmitteleinzelhandel. "Da können sie einfach mehr verdienen." Niedrige Gehälter und ein oftmals ebenso niedriges gesellschaftliches Ansehen gefährdeten die Nachwuchsausbildung und damit auch die Qualität der Kinderbetreuung. "Hier wird Schindluder getrieben an den Kleinsten", sagte Sell unter dem Beifall des Publikums.

In diese Kerbe hieb auch Simin Compani, die Frau aus der Praxis. Sie leitet in Frankfurt eine private Kindertagesstätte und fragte sich öffentlich in der Sendung: "Wie soll ich Leute anwerben?" Die Arbeitsbedingungen würden immer schwieriger, weil die zu betreuenden Gruppen größer würden, aber weder Gehalt noch gesellschaftliche Achtung für ihren Beruf wüchsen. 284 Kinder stünden auf ihrer Warteliste. Den allermeisten Eltern müsse sie absagen. Schon beim ersten Gespräch bemühe sie sich, gar keine Hoffnung aufkommen zu lassen.

Blüm: "Alles kommt unter die Fuchtel der Wirtschaft"

"Kein Kind zurücklassen" wollte Hannelore Kraft (SPD) in ihrem Wahlkampf. Jetzt kämpft die NRW-Ministerpräsidentin mit diesem Versprechen. 9500 Kitas gebe es in Nordrhein-Westfalen, berichtete die Landesmutter. In allen Städten und Gemeinden bemühe man sich, die versprochenen Kita-Plätze zur Verfügung zu stellen - durch Anbauten, Pavillons, Container oder auch durch den Umbau eines Rheinschiffes wie in Köln. "Die Städte sind da sehr erfindungsreich", sagte Kraft.

Die Kommunen ermittelten zurzeit den konkreten Bedarf. Am 15. März könne man genaue Zahlen vorlegen darüber, wieviele Eltern in NRW einen Kita-Platz für ihr Kind in Anspruch nehmen wollten. Auf eine Quote von 35 Prozent ist das Gesetz ausgerichtet. "Wir stellen fest, dass diese Quoten heute nicht mehr Realität sind", stellte Kraft fest. Weitaus mehr Plätze würden benötigt.

Kraft war - neben der Bundesfamilienministerin - die dominierende Stimme des Abends. Nur zwischendurch versuchte sich Alt-Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) einzumischen - mit teilweise schrägen Beiträgen. Seine Klage über die "Verwirtschaftlichung der Familie" war da noch schlüssig und nachvollziehbar: Viele Eltern seien befristet beschäftigt, arbeiteten in Schichten und am Wochenende. Wegen geringer Einkommen müssten beide Elternteile arbeiten. "Wie soll da noch Raum für die Familie bleiben?" fragte der CDU-Politiker. "Alles kommt unter die Fuchtel der Wirtschaft."

Seine Tirade gegen angebliche Wochen-Kitas, aus denen die Kinder fünf Tage lang nicht abgeholt würden und die Zunahme der Zahl von 24-Stunden-Kitas, die Eltern eine Betreuungsmöglichkeit bieten, die in Nachtschichten arbeiten, wurde dann aber von Sozialwissenschaftler Sell abgewürgt: Die Eltern gingen seiner Erkenntnis nach sehr verantwortungsvoll mit der Betreuungsfrage um. 24-Stunden-Kitas seien die absolute Ausnahme: "Freiwillig macht das mit Sicherheit keiner."

Auch weit entfernte Kita-Plätze müssen angenommen werden

Jauch leitete zum Schluss in einen kurzen praktischen Teil über und befragte eine Fachanwältin für Familienrecht nach den konkreten rechtlichen Möglichkeiten, die Eltern haben, wenn die Kitaplatz-Garantie erst einmal da ist.

Die Kurzfassung:

- Wenn die Kommune statt eines Kita-Platzes die Betreuung durch eine Tagesmutter anbietet, muss diese Möglichkeit auch angenommen werden.

- Wer Verdienstausfall wegen der Betreuung seines Kindes nachweisen kann, hat mitunter ein Recht auf Schadenersatz.

- Auch wer mangels eines öffentlichen Kita-Platzes auf einen teuren privaten Platz ausweichen muss, hat unter Umständen ein Recht auf Erstattung der Kosten.

- Bietet die Kommune einen Kita-Platz an, der weit entfernt, womöglich am anderen Ende der Stadt, liegt, muss dieser auch angenommen werden. Ein Recht auf einen nahen Kita-Platz gibt es nicht.

- Und: Die Kinder sollten so früh wie möglich angemeldet werden.

Insgesamt war die Diskussion bei Jauch eine Stunde relativ sachlicher Information über die Themen Kita-Plätze und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Themen, die unserer Gesellschaft definitiv unter den Nägeln brennen.

(RPO/nbe/csi)