Klagen über Blair wurden unterdrückt und ignoriert: "NYT"-Skandal: Viele wussten lange Bescheid

Klagen über Blair wurden unterdrückt und ignoriert : "NYT"-Skandal: Viele wussten lange Bescheid

New York (rpo). Das Flaggschiff des seriösen US-Journalismus, die "New York Times" ist durch den Skandal mit ihrem Lügenreporter Jayson Blair schwer ins Schlingern geraten. Dabei wussten viele in den Redaktionen schon lange Bescheid, dass mit Blair etwas faul war. Vielleicht, so spekuliert ein Medienexperte, durfte er so lange weitermachen, weil er Afroamerikaner ist.

Die traurige Zeremonie fand im Heiligtum der "New York Times" statt. "Dieser Tag bricht mir das Herz", erklärte Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. im Newsroom, dem journalistischen Herzen dieser weltweit angesehenen Zeitung. Fünf Wochen nachdem die "Times" einen Fälschungsskandal in den eigenen Reihen eingestand, nahmen Chefredakteur Howell Raines und sein Stellvertreter Gerald Boyd am Donnerstag den Hut.

Sulzberger würdigte ihr Opfer für "eine Zeitung, die wir alle lieben" und rief die Redaktion auf, sich wieder an die Arbeit zu machen. "Unsere Leser verdienen nichts Geringeres." Es war der Versuch, den Schlussstrich unter einen Skandal zu ziehen, der das Flaggschiff der seriösen US-Medien ins Schlingern brachte und Fragen nach der Integrität des Journalismus aufwarf.

Die E-Mail einer Provinzzeitung hatte den Stein Ende April ins Rollen gebracht. Die "San Antonio Express-News" beschwerte sich, dass der "Times"-Star-Reporter Jayson Blair ihre Story über die Mutter eines im Irak-Krieg gefallenen Soldaten weitgehend abgeschrieben habe. Plötzlich kamen lange unterdrückte Klagen über den 27-jährigen aus der eigenen Redaktion hoch. Fragen nach den Gründen für Dutzende Berichtigungen von Blair-Artikeln, zu denen sich die "Times"- Redaktion über Jahre gezwungen sah, wurden nun auch in der Chefetage wahrgenommen.

Am 1. Mai wurde Blair gefeuert. Am 11. Mai, dem schwärzesten Tag in der 152-jährigen Geschichte der "New York Times", berichtete die Zeitung auf vier Seiten, wie die Leser des mit Pulitzer-Preisen überhäuften Blattes systematisch von Blair betrogen worden waren. Die hausinterne Prüfung hatte in 36 von 73 seiner Geschichten Plagiate, erfundene Schilderungen und Zitate sowie fehlerhafte Darstellungen zu Tage gebracht. Blair hatte gnadenlos Regionalblätter für angebliche Exklusiv-Berichte ausgeschlachtet, vieles hinzu gedichtet und sich Interviews ausgedacht.

Genüsslich zitierten US-Blätter ein Interview Blairs für die Wochenzeitung "New York Observer": "Ich habe einige der brillantesten Köpfe des Journalismus hinters Licht geführt." An Beschwerden über Blairs Berichte hatte es nie gefehlt - weder von Lesern oder direkt Betroffenen noch innerhalb der Redaktion. "Wir müssen Jayson daran hindern, für die Times zu schreiben", hatte ein Kollege in einer hausinternen E-Mail gefordert.

Bei der Diskussion über die tieferen Ursachen des Skandals kamen Probleme der amerikanischen Gesellschaft zu Tage, von denen nicht nur die "Times" betroffen ist. In US-Konzernen ist der Führungsstil verglichen mit Europa eher diktatorisch. In einem Land, dessen Opposition traditionell in Kriegszeiten vor dem jeweiligen Präsidenten kuscht, konnte auch ein "Times"-Chefredakteur jede Kritik mit einer Handbewegung vom Tisch fegen. Hinzu kommt ein latenter Rassismus oder besser: der oft krampfhaft anmutende Versuch, ihn zu überwinden.

Blair ist Afroamerikaner. Er konnte sein Lügenspiel nach Meinung vieler, die jetzt ihre Stimme erheben, auch deshalb so lange betreiben, weil sich die "New York Times" als die große liberale Verteidigerin von Minderheitenrechten gibt. Howard Kurtz, Medienkritiker der "Washington Post", fragte, "ob auch ein weißer Schreiberling" so lange hätte weiterlügen dürfen.

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