Neuer "Tatort" aus Kiel: Borowski und die dritte Todsünde

Neuer „Tatort“ aus Kiel : Borowski und die dritte Todsünde

Im neuen „Tatort“ aus Kiel macht der Neid auf ihre reichen, schönen Nachbarn Kassiererin Peggy zur Mörderin. „Borowski und das Glück der Anderen“ ist kein klassischer Krimi, aber dennoch sehenswert.

Um es gleich vorab zu sagen: Dieser Kieler Fall ist keiner, der von der spannenden Suche nach dem Mörder lebt. Das ist aber auch nicht weiter schlimm – weil „Borowski und das Glück der Anderen“ als skurrile und tragikomische Sozialstudie durchaus funktioniert. Anders als die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg, wie immer wunderbar lakonisch) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) weiß der Zuschauer schon nach wenigen Minuten, dass Kassiererin Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) die Mörderin ist.

Sieben Schuss feuert sie auf Nachbar Thomas Dell (Volkram Zschiesche) ab, nachdem dieser sie in seinem edel eingerichteten Schlafzimmer erwischt hat. In Rückblenden wird dann erzählt, wie es so weit kommen konnte. Peggy wohnt gleich gegenüber, im schäbigsten Haus der Siedlung. Der Rasen ist nicht so akkurat gemäht wie vor der Villa der Eheleute Dell, die helle Fassade ist fleckig. Und vom Küchenfenster aus hat man die Nachbarn immer im Blick – und damit, so suggeriert es dieser „Tatort“, auch die eigenen Unzulänglichkeiten. Peggy sitzt Tag um Tag im Supermarkt an der Kasse, ihr Mann Micha (Aljoscha Stadelmann) arbeitet als Elektriker.

Doch Peggy will mehr – am liebsten den Lotto-Jackpot. Und auch der geht, wie sollte es anders sein, an die Nachbarn – glaubt zumindest Peggy. Die beobachtet die beiden just zum Zeitpunkt der Verkündung der Lottozahlen, wie sie vor dem Fernseher stehen und sich anschließend in den Arm fallen. Der Neid kommt hoch. „Wir haben doch alles, was wir brauchen, oder? Wir sind doch glücklich, oder?“, fragt sie ihren Mann Micha (Aljoscha Stadelmann).

Am nächsten Tag kauft Viktoria Dell (Sarah Hostettler) bei Peggy Pralinen und Champagner – und verzichtet auf die Treuepunkte des Supermarkts. Klarer Fall für Peggy: Sie bricht durchs Garagentor bei den Nachbarn ein, um den Lottoschein zu finden und selbst das große Glück abzuräumen. Stattdessen findet sie in der Nachttischschublade eine geladene Pistole – und Nachbar Dell erweist sich in der Extremsituation als wenig einfühlsam. Erst erkennt er die Nachbarin nicht und zückt dann das Smartphone, um ein Foto zu machen. Peggy, mit lila Putzhandschuhen an den Händen, gedemütigt, verspottet, drückt ab.

Der Fall ist aus Zuschauersicht geklärt, den Rest des „Tatorts“ schaut man den Kommissaren bei der Arbeit zu. Und das macht Spaß, denn Sahin und Borowski funktionieren als Team immer besser: sie impulsiv, er zurückhaltend. Der erste Verdacht fällt auf Viktoria Dell – eine „Eiskönigin“, sagt sogar der Makler der Dells. „Die Spannung entsteht nicht durch die Suche nach dem Mörder, sondern liegt in der Betrachtung des Umfelds und der menschlichen Schicksale“, beschreibt Regisseur Andreas Kleinert seinen Film.

Das gelingt: Viele der schrägen und im Detail überzeichneten Szenen funktionieren, auch dank der gut aufgelegten Darsteller. Wenn Peggy im neuen Designerkleid und knalligen Lippen mit dem Rasenmäher ihr scheußlich eingerichtetes Wohnzimmer inklusive billigem Flokatiteppich zerstört etwa oder Borowski und Gerichtsmedizinerin Dr. Kroll (Anja Antonowicz) in der Pathologie die Erschießungsszene nachstellen – während gleich daneben Dells Leiche liegt, jedes Einschussloch mit einem Stäbchen gekennzeichnet. Dieser „Tatort“ ist zwar kein richtiger Krimi, aber dennoch sehenswert.

„Tatort: Das Glück der Anderen“, Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr