Netflix, Amazon, iTunes: So verändert Streaming das Kino

Streaming-Dienste und die Folgen : Wer hat denn noch Geduld fürs Kino?

Warum noch ins Kino gehen, wenn man doch bequem Film und Serien auf dem Sofa sehen kann. Dank Online-Angeboten unter anderem von Netflix, Amazon oder iTunes. Aber lohnt sich das neue Heim-Kino wirklich?

Derzeit läuft im US-Fernsehen die letzte Staffel der Fantasyserie „Game of Thrones“. Und Millionen Menschen weltweit schauen mit. Auch in Deutschland. Der Bezahlsender Sky bietet online die Folgen zeitgleich zur Ausstrahlung in den Vereinigten Staaten an – um etwa vier Uhr morgens. Bei Amazon und iTunes muss man dagegen knapp 24 Stunden warten, bis die neueste Episode zur Verfügung steht – im Streaming. Das heißt: Die Inhalte sind nicht zu Hause gespeichert oder auf einer Blu-ray-Disc oder DVD physisch vorhanden. Sie sind nur noch abrufbar übers Internet.

In den virtuellen Videotheken lassen sich viele Filme finden, die wenige Wochen bis Monate nach dem Kinostart verfügbar sind. Dazu kommen Inhalte diverser TV-Sender aus der ganzen Welt. Und einige Serien oder Filme gibt es nur exklusiv im Streaming: Netflix investiert in diesem Jahr mehr als 12 Milliarden US-Dollar in eigene Inhalte, bei Amazon werden es voraussichtlich „nur“ sieben Milliarden US-Dollar sein. Es ist ein wachsender Markt, in den Apple und auch Disney in den nächsten Monaten mit eigenen, neuen Online-Angeboten drängen werden.

Warum also noch ins Kino gehen, wenn doch so viel bequem vom Sofa aus verfügbar ist – im Heim-Kino, das indes nicht immer seinem Namen gerecht wird. Nachdem Ende April die dritte Episode von „Game of Thrones“ online zur Verfügung stand, kam Kritik an der Bildqualität auf. Insgesamt sei die Folge zu dunkel gewesen, so der Tenor. Man habe kaum etwas erkennen können bei der gezeigten Schlacht in der Nacht. Und teilweise war die Kritik berechtigt: Die Bild- und Tonqualität im Streaming kann von Anbieter zu Anbieter durchaus wechseln.

Ein anderer Grund lag bei einigen Nutzern der Online-Angebote selbst: Die Standard-Einstellungen der TV-Hersteller leisten zwar oft gute Arbeit bei der Darstellung. Sie versagen aber, wenn etwas nicht dem Durchschnitt folgt – so wie die besagte „Game of Thrones“-Folge. In der haben sich die Serienmacher einige künstlerische Freiheiten genommen. Unter anderem wollte man bewusst ein dunkleres Bild haben, das aber noch erkennbar sein sollte. Das stimmte aber in vielen Fällen nur, wenn man seine TV-Geräte richtig eingestellt hatte. Und das ist etwas, dass nur ambitionierte Nutzer zu Hause machen.

Kinos sind da im Vorteil. Es gibt Standards für die Bild- und Tonqualität. Zudem werden die Filme in einer definierten Umgebung gezeigt: einem sehr dunklen Saal. In den meisten Wohnzimmern dagegen brennt irgendwo meist noch ein Licht. Oder man schaut sich tagsüber Filme und Serien an – was einen störenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Bildes haben kann.

Also ist „Heim-Kino“ nur ein Schlagwort ohne Bedeutung? Nicht ganz. Die Online-Angebote haben unsere Erwartungshaltung verändert: Es fällt mittlerweile schwer, eine Woche auf eine neue Folge der Lieblingsserie zu warten – weil die Streaming-Dienste oft alle Episoden sofort anbieten. Man schaut einfach ohne Pause weiter, um den Fortgang zu erleben. Und eine große Filmreihe bekam die Folgen zu spüren: Star Wars. Als im Jahr 2017 die Episode VIII – „Die letzten Jedi“ – die Krieg-der-Sterne-Welt auf den Kopf stellte, jammerte und schimpfte eine große Gruppe von Fans – weil sie mit der Story nicht zufrieden waren. Und zwei Jahre auf den nächsten Film warten, auf die nächste Episode der Film-Serie, in der dann vielleicht vieles aufgelöst wird? Das scheint undenkbar in Zeiten von Streaming-Diensten. Alles muss sofort verfügbar sein. Wir haben keine Geduld mehr. So sind wir mittlerweile konditioniert.

Allerdings offenbart dieses Prinzip auch die Schwächen vieler Filme oder klassischer Serien: Netflix oder Amazon lassen ihren kreativen Teams für ihre exklusiven Produktionen und die erzählten Geschichten nicht nur viele Freiheiten. Sie setzen sogar darauf, dass Menschen mehrere Folgen einer Serie direkt hintereinander schauen: Die Episoden gleichen so Kapiteln eines Buches und müssen nicht mehr in sich abgeschlossen sein. Denn es kann nahtlos weitergehen. Und erst alle Folgen zusammen ergeben die gesamte Story – wie bei einem Spielfilm, der mehrere Stunden dauert. Charaktere und Geschichten sind damit komplexer und vielschichtiger geworden als in vielen teuren Kino-Produktionen.

In einigen Fällen gelingt den Serien sogar eine bessere Inszenierung als den Hollywood-Studios: Die Serie „Daredevil“ bei Netflix beispielsweise hat gezeigt, dass Action intensiver und mitreißender dargestellt werden kann, als wir es vom Kino gewohnt sind: Für die Serie drehte man bis zu zehn Minuten lange Sequenzen, die ohne jede Unterbrechung aufgenommen worden sind. Ohne hektische Schnitte oder zerstückelt durch Perspektivwechsel. In Hollywood werden dagegen meist nur sehr kurze Szenen mit Pausen dazwischen gedreht, die erst später zusammengefügt werden – weil das einfacher ist und weniger Vorbereitung benötigt. Das spart Zeit und Geld. „Daredevil“ hat gezeigt, dass es auch anders gehen kann. Zusätzlich bot Netflix – passend zum blinden Helden – eine Hörfilmfassung an, wenn auch nur auf Englisch. Die Selbstzufriedenheit und Arroganz großer Film-Studios wird so erschüttert, die mit ihren Produktionen langsam mehr bieten müssen als den gewohnten „kostengünstigen“ Standard – wenn sie mit den Streaming-Angeboten mithalten wollen.

Und die bieten zudem noch einen Vorteil: Ausländische Produktionen, die keine Chance in unseren Kinos haben, sind darüber verfügbar. Wer sich beispielsweise die Mühe macht und sich Filme aus Südkorea anschaut, wird von der Qualität und Intensität mancher asiatischer Filme überrascht sein – die man aber tatsächlich nur zu Hause im Heim-Kino erleben kann.

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