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Münsters Oberbürgermeister bei "Lanz": „Unsere größten Feinde sind Leichtsinn und Hochmut“

Münsteraner Oberbürgermeister bei „Lanz“ : „Unsere größten Feinde sind Leichtsinn und Hochmut“

Die geringen Ansteckungszahlen in Münster sind auch dem Talkmaster aufgefallen. Nun will Markus Lanz von dessen Oberbürgermeister Markus Lewe wissen, was seine Stadt richtig gemacht zu haben scheint.

Bei „Markus Lanz“ geht es am Dienstagabend erst einmal auf die Gewässer der Weltmeere. Danach ist der Dauerbrenner „Corona“ an der Reihe. Wir haben beobachtet, was der Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe dazu beitrug.

Die Gäste:

  • Markus Lewe (CDU), Oberbürgermeister von Münster
  • Diana Zimmermann, Journalistin
  • Timo Ulrichs, Epidemiologe
  • Tanja Brunnert, Ärztin
  • Boris Herrmann, Profisegler

Darum ging’s:

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt im westfälischen Münster deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 73. Markus Lanz will wissen, woran das liegt.

Der Talkverlauf:

Mit dem vielzitierten Bild einer Welle wendet Moderator Markus Lanz seine Talkshow von den Berichten des Profiseglers Boris Herrmann weg und hin zur Pandemie. In der Runde, in der neben der aus London zugeschalteten Journalistin Diana Zimmerman auch die Ärztin Tanja Brunnert und der Epidemiologe Timo Ulrichs sprechen, soll der Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe Einblicke in seinen Umgang mit dem Coronavirus liefern. Lanz zeigt sich begeistert, nach dem vielbeachteten Auftritt des Rostocker Bürgermeisters in der vergangenen Woche abermals einen Bürgermeister dazu befragen zu können, wie er sich die Erfolge seiner Stadt erklärt. „Sie haben eine Inzidenz von 24!“, sagt Lanz.

Doch Lewe relativiert gleich erst einmal die Zahl, für die Lanz die Stadt Münster so lobt. Wegen des starken Schneefalls kämen weniger Menschen in die Testzentren, sagt Lewe. Der wahre Wert läge sicher höher. Lewe zeigt sich zwar stolz auf die dennoch vergleichsweise niedrige Inzidenz in seiner Stadt, sieht diese Zahlen aber mit einer gewissen Demut: Das könne sich schnell wieder ändern.

Aus fast einem Jahr Erfahrung im Umgang mit dem Coronavirus hat Lewe noch eine weitere Lehre gezogen: „Unsere größten Feinde sind Leichtsinn und Hochmut“, sagt er und fügt der Liste rasch noch die neuen Virusmutationen hinzu. Seinen Erfolg macht er an zwei Faktoren fest: Erstens handelt seine Stadtverwaltung nach dem Prinzip „vor den Ereignissen herlaufen“. So hatte Münster bereits im Februar 2020 einen Krisenstab einberufen. „Selbst wenn es übertrieben ist, dann haben wir eine gute Übung“, habe er damals gesagt, so Lewe. Münster hat auch frühzeitig eine Maskenpflicht eingeführt und deren Einhaltung konsequent kontrolliert. Beim Impfen konzentrierte die Stadt sich zunächst auf Alten- und Pflegeheime.

Zweitens stimme der Rahmen in der Bevölkerung: Nach Erfahrungen mit Krisen wie Hochwasserkatastrophen oder dem Umgang mit geflüchteten Menschen seien die Bürger „sehr auf Selbstachtung und Fremdachtung gepolt“. Sie würden aufeinander zugehen und helfen. Hinzu käme eine klare Kommunikation von Seiten der Stadt. Der Bürgermeister und sein Team hätten sich „intensiv informiert“ und seien offen mit Unklarheiten umgegangen. Lewes Rat lautet entsprechend: „Informieren und mit der nötigen Ruhe kommunizieren, aber auch ehrlich sagen, was wir nicht wissen.“

Nun will Lanz wissen, ob Lewe auch in Bezug auf die Masken im vergangenen Frühjahr so ehrlich war, den Münsteranern zu sagen: „Masken würden wir euch empfehlen, aber leider haben wir keine“. Konkret beantwortet Lewe die Frage nicht. Er sagt, es sei in diese Richtung gegangen, und bleibt bei seinem Plädoyer für Ehrlichkeit. „Man kann sich einmal so einen Fauxpas leisten“, so Lewe. „Aber wenn man das wiederholt und nicht offen und ehrlich auch mit unangenehmen Botschaften umgeht, dann verlieren die Menschen das Vertrauen.“

Das Interview verweilt noch ein wenig bei den Masken. Frühzeitig hatte Münster eine Maskenpflicht eingeführt – als zweite deutsche Stadt nach Jena. Dieses Gebot sei auch stark kontrolliert worden, erklärt Lewe. Heute sei das Maskentragen in Münster selbstverständlich geworden. Lanz sucht nach einem passenden Oberbegriff: „Sozial erwünscht?“ – „Es ist eine bürgerschaftliche Verantwortung“, sagt Lewe.

Diese Verantwortung bestehe nicht nur im Tragen einer Maske, sondern auch in der Hilfe untereinander. Als Beispiel nennt er Studierende, die ältere Menschen bei Alltagsbesorgungen unterstützen. Ein „derbes Stück Erleichterung“ verschaffe ihm zudem die Gewissheit, seit drei Wochen sämtliche Menschen in Alten- und Pflegeheimen geimpft zu haben, die meisten schon zum zweiten Mal. Nun nimmt Lewe dabei Lehr- und Erziehungspersonal ins Visier.

Kritisch sieht der Bürgermeister, dass Datenschutz „so hoch aufgehängt“ sei, dass es die Kontaktnachverfolgung erschwere – während gleichzeitig Grundrechte eingeschränkt würden. In der jetzigen Situation sieht Lewe eines als entscheidend an: Perspektiven. Für Kinder und Jugendliche, für die Kulturszene, für die Wirtschaft bräuchte es jetzt schon Konzepte für spätere Schritte – und auch für die Zeit nach der Corona-Krise.