Münchner "Tatort: Unklare Lage": 14 Stunden Ausnahmezustand

Münchner „Tatort“ über eine Amoklage : 14 Stunden Ausnahmezustand

Zeugen, die Widersprüchliches berichten. Schaulustige, die Videos und Theorien verbreiten. Medien, die die Stimmung anheizen. Im „Tatort“ geht es um eine Amoklage – beklemmend.

Am Anfang ist alles schwarz. Man hört nur Schreie panischer Menschen und einen Notruf bei der Polizei. Dann sieht man, was passiert ist: Ein Kontrolleur wurde in einem Bus voller Passagiere erschossen, die Leiche liegt im Gang. Schnell ist die Polizei mit Spezialkräften vor Ort. Die Zeugen werden befragt, und deren Beschreibungen vom geflohenen Täter unterscheiden sich sowohl im Alter als auch bei der Bekleidung. Und auf die Frage, ob es mehrere Täter gewesen seien, gibt es auch keine eindeutige Antwort.

Das ist die Ausgangssituation im neuen Münchner „Tatort“-Fall „Unklare Lage“. Der Film zeigt quasi in Echtzeit, wie die Polizei versucht, einer Amoklage Herr zu werden. Der Täter wird zunächst in einem leerstehenden Gebäude gesichtet und beim Zugriff durch die Polizei getötet. Doch er hatte ein Funkgerät bei sich, und die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayer (Udo Wachtveitl) rätseln, wofür er das brauchte. Hatte er einen Komplizen, oder wollte er nur den Polizeifunk abhören? Alles deutet auf einen Komplizen hin, ein Amoklauf an einer Schule kann nicht ausgeschlossen werden. Später steht ein Anschlag mit einer Nagelbombe zu befürchten – und das alles in einer Millionen-Metropole. Menschen verfallen in Panik, Straßen sind wie leergefegt. „Ich will hier kein zweites OEZ“, sagt der Einsatzleiter in der Kommandozentrale.

OEZ steht für Olympia-Einkaufszentrum, wo ein Teenager vor fast vier Jahren neun Menschen erschoss. Regisseurin Pia Strietmann orientiert sich an der damaligen Stimmung, die sich in Münchens Gedächtnis eingebrannt hat. Die „Tatort“-Debütantin stellt dar, vor welchen Problemen die Polizei steht, wenn sie mit Zeugenaussagen überschwemmt wird und jeder mit Kapuzenpullover und schwarzem Rucksack verdächtig wirkt. Strietmann zeigt aber auch, was solch eine Amoklage mit Menschen macht: Im Positiven teilen sie sich mit und sagen ihren Lieben, dass sie in Sicherheit sind. Im Negativen stehen sie auf Balkonen und hinter Absperrbändern und filmen die Polizei – und ignorieren dabei auch, dass sie sich in Gefahr begeben.

Die Stärke dieses Films, der den Zuschauer die meiste Zeit mit sich zieht und dem am Ende nur ein wenig die Puste ausgeht, liegt darin, dass Strietmann den Täter nicht ausblendet. Eine der rührendsten Szenen ist die, in der eine Mutter erkennt, dass es ihr Sohn ist, den die Polizei erschossen hat und dessen Identität sie klären will, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Sie steht unter Schock, weil ihr Kind tot ist und ein Amokläufer gewesen sein soll – ihre Welt bricht zusammen. Und dann stehen Batic und Leitmayer vor ihr, drängen nach Informationen, weil sie unter dem großen Druck stehen, weitere Tote und Verletzte zu verhindern.

Es ist ein rasanter, beklemmender „Tatort“, weil sich jeder an seine eigenen Gefühle erinnert, die er im Juli 2016 angesichts der Nachrichten und Bilder aus München empfunden hat. Und er gibt Einblicke in die Arbeit der Polizei und weckt Verständnis für die Beamten, die sich mit über Twitter verbreiteten Schein-Wahrheiten konfrontiert sehen und doch erst selbst das wenig Richtige vom vielen Falschen trennen müssen. Dass dieser Krimi mitunter auch wie eine Leistungsschau der bayerischen Polizei anmutet, ist daher gut zu verschmerzen.

„Tatort: Unklare Lage“, Das Erste, So., 20.15 Uhr