Münchner "Polizeiruf": Eine Herausforderung, die sich lohnt

Münchner „Polizeiruf“ : Sensenmann, geh du voran

Bei der Münchner Polizei liegt einiges im Argen, wie der neue „Polizeiruf“ zeigt. Der Film ist für den Zuschauer zwar eine Herausforderung. Aber wer durchhält, sitzt am Ende beeindruckt auf der Couch.

Am Anfang fliegen dem Zuschauer die vielen Namen nur so um die Ohren. Zu dem umfangreichen Personal, das bei einem wilden Kostümfest schon nicht mehr zu erkennen ist, kommen noch verschiedene Zeitsprünge mit Rückblenden. Außerdem sind es keine alten Bekannten, diese Figuren im Münchner „Polizeiruf 110“. Der Krimi „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ ist erst der zweite Fall des Teams von Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger). Nach rund 20 Minuten fragt man sich: Was soll das? Und bin ich der einzige, der da nicht mitkommt?

Diesen Punkt wird vermutlich jeder erreichen – an dem muss man stark sein und sich durchwurschteln, weil es sich am Ende lohnt. Regisseur Dominik Graf und Drehbuchautor Günter Schütter, beide Grimmepreisträger, entwickeln einen Krimi, der immer mehr fasziniert, je länger man ihn schaut.

Im Mittelpunkt stehen diesmal die Polizisten. Bessies Team soll ein Unternehmen überwachen, das im Verdacht steht, illegalen Insiderhandel an der Börse zu betreiben. Doch die Versuchung, aus dem Abgehörten selbst Profit zu schlagen, ist zu groß für die Kollegen. Sie kaufen Aktien – der eine stiehlt dafür Geld aus der Asservatenkammer, einer beleiht sein Haus, ein anderer nimmt sein Erbe: Alle träumen vom großen Gewinn. Man ahnt schon, das geht nicht gut. Dann wird der Handel ausgesetzt, die Börsenaufsicht schöpft Verdacht und entsendet einen Ermittler. Lukas Posse (der Düsseldorfer Wolf Danny Homann) soll mit Bessie gegen die Kollegen ermitteln. Der Druck wird enorm, alle sorgen sich um ihre Existenz. Es werden Zweifel und Misstrauen gesät. Die Gruppe droht zu zerreißen. Wolfi (Andreas Bittl) versucht alles, damit er und die Kollegen der Suspendierung entgehen. Nicht nur bei ihm spielen sich persönliche Dramen ab. Die Polizisten sind getrieben von Sehnsüchten, enttäuschter Liebe und Gier.

Bessie lässt sich auf eine Affäre mit dem Finanzinspektor ein, die in der wohl kuriosesten Sex-Praktik der Sonntagabend-Unterhaltung endet. Der Fall wimmelt von witzigen Dialogen, skurrilen Szenen und Bildern und transportiert doch eine tiefe menschliche Wärme für seine Figuren. Dominik Graf sagte, Drehbuchautor Schütter treibe ihn mit seinen Ideen und szenischen Überraschungen jedes Mal wieder an „wie ein Torpedo-Treibsatz“, dazu tolle Dialoge wie dieser: „Du klingst so melancholisch“, sagt Lukas. „Das ist München bei Nacht“, antwortet Bessie. „Das muss man wegschnapsen.“ Und der Zuschauer denkt sich: Wegschnapsen, was für eine schöne Erfindung. Dieses Wort muss man sich merken für eine persönliche Wegschnaps-Situation.

Am Ende gibt es noch eine überraschende Wendung und viel Traurigkeit. Würde der Film im Kino laufen, bliebe man beim Abspann länger sitzen, um das alles zu verdauen. So aber erkennt man auf der Couch: Es hat sich gelohnt.

„Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, Das Erste, So., 20.15 Uhr