TV-Nachlese zu „Illner“ „Peinlich für Präsident Putin“

Berlin · Zwei Drahtseilakte, eine tickende Uhr und jede Menge Peinlichkeiten: Bei „Illner“ soll es eigentlich um die Frühjahrsoffensive der Ukraine gehen. Die Fragen der Moderatorin lenken das Gespräch aber oft in eine andere Richtung.

Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ am 4. Mai 2023.

Die Talkrunde bei „Maybrit Illner“ am 4. Mai 2023.

Foto: ZDF

Das Motto bei „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend lautet „Große Offensive, große Zweifel – hat die Ukraine genug Unterstützung?

Die Gäste:

  • Jürgen Trittin (Grüne), Politiker
  • Jean Asselborn, Außenminister von Luxemburg
  • Ben Hodges, ehemaliger US-Generalleutnant
  • Janka Oertel, Politikwissenschaftlerin
  • Katrin Eigendorf, Journalistin
  • Elmar Theveßen, Journalist

Darum ging’s:

Um Misstrauen. Um anstehende US-Wahlen. Um China. Ach, und um die Ukraine.

Der Talkverlauf:

Moderatorin Maybrit Illner beginnt die Talkshow über die Frühjahrsoffensive der Ukraine mit einem Blick auf die im Jahr 2024 anstehende Präsidentschaftswahl in den USA. Dabei erwähnt ein Einspieler auch die an die Öffentlichkeit gelangten Geheiminformationen aus dem Pentagon. Offenbar hatte ein 21-Jähriger Nationalgardist damit vor seinen Freunden angeben wollen.

„Das ist natürlich peinlich für die Vereinigten Staaten“, sagt der ehemalige US-Generalleutnant Ben Hodges. Den Schaden findet er aber minimal im Vergleich zu den bisherigen Leistungen der USA. Wie andere pensionierte Militärangehörige, die in Talkshows über die Ukraine eingeladen werden, kritisiert er die Zögerlichkeit von Regierungen in puncto Krieg.

Weder der US-Präsident noch der Bundeskanzler oder der britische Premier könnten sich dazu durchringen zu sagen, sie wollten, dass die Ukraine gewinne. In Militärsprech: „Wir haben das strategische Ergebnis nicht definiert“, sagt der ehemaliger Oberkommandierender der US-Landstreitkräfte in Europa. „Und das Ergebnis sollte natürlich sein, dass die Ukraine gewinnen soll.“

Nun leben weder Amerikaner noch Briten und Deutsche in einem Land, in dem die Streitkräfte die Außenpolitik diktieren. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin betont den Schulterschluss der USA, Deutschlands und Europas. „Mit einer Ausnahme“, wirft der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn ein, „aber Orban ist eben Orban.“ Gemeint ist damit die Verweigerungshaltung des ungarischen Regierungschefs.

Trittin wiederholt, was in der Politik wie auch in vielen Talkshows konsensfähig ist: Man müsse die Ukraine unterstützen, ohne selbst in einen militärischen Konflikt mit Russland zu geraten. „Das ist der Drahtseilakt, der abgewogen wird“, sagt Trittin.

Illner versucht, eine Verbindung zwischen dem Verhalten der USA gegenüber der Ukraine und den anstehenden US-Wahlen herzustellen. „Müssen die Ukrainer sich jetzt nur wegen Trump beeilen?“, fragt sie etwa an Asselborn gewandt. „Oder tickt da auch in Europa eine Uhr?“ Ein Schelm, wer daraufhin denkt, als wäre es allein Bummelei, was Tod und Leid in der Ukraine verursacht.

„Es ist nicht unsere Aufgabe, der Ukraine mit dem Chronometer zu sagen, was sie machen soll“, entgegnet Asselborn. „Wir sollten auch ein wenig Vertrauen haben und den Ukrainern überlassen, wie sie ihr Land verteidigen.“ Asselborn glaubt, die Russen seien sehr nervös. „Die Essenz dieses Regimes Putin ist der Krieg“, sagt der dienstälteste Außenminister der EU. „Und wenn Putin den Krieg verliert, ist er weg. Solange er aber da ist, wird der Krieg weitergeführt werden.“

Angesichts von Beteuerungen, die Ukraine müsse den weiteren Verlauf selbst entscheiden, betont die Journalistin Katrin Eigendorf die Interessen des Westens. Es dürfe kein offener Konflikt im Kern Europas bleiben. „Dann haben wir im Prinzip Nahost-Verhältnisse, wenn wir uns praktisch Ruhe erkaufen für falsche Kompromisse.“

Ein weiteres Leitmotiv in Illners Fragen ist Misstrauen – etwa gegenüber den Siegchancen der Ukraine oder zwischen den Verbündeten. Der aus Washington zugeschaltete Journalist Elmar Theveßen dreht dem spalterischen Framing den Saft ab, das Pentagon-Leak habe die Ukraine überrumpelt und damit zu Spannungen mit den USA geführt. Das Weiße Haus habe ebenfalls aus der Zeitung erfahren, welche Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangt seien, stellt Theveßen klar.

Gleichzeitig sagt er, zuletzt habe es Anlass für Zweifel gegeben, ob die Regierung in Kiew alles unter Kontrolle habe. Als Beispiel nennt der US-Korrespondent den Tod der Tochter eines russischen Nationalisten durch eine Autobombe. Und schon reist die Talkrunde in die Grauzone der Spekulationen. „Da hat man das Gefühl, möglicherweise sind einige auf eigene Rechnung unterwegs“, sagt Theveßen. „Selenskyj weiß auch nicht, was jeder Teil seines Militärs, seines Geheimdienstes tut.“ Zudem könnten auch Mitglieder eines russischen Widerstands für Anschläge verantwortlich sein. Das sei aber alles pure Spekulation, betont Theveßen auch im Hinblick auf den angeblichen Drohnenangriff in Russland.

„Der Kreml ist wahrscheinlich die am besten gegen Raketen- und Drohnenangriffe geschützte Einrichtung des Planeten“, sagt Hodges zu den russischen Vorwürfen, es habe einen Drohnenangriff auf den Kreml gegeben. Der Ex-US-Generalleutnant sieht den Vorfall als Versuch Russlands, sich als Opfer darzustellen. Das Ganze findet er „peinlich für Präsident Putin“. Schon geht es hinab ins Reich der Spekulationen. Hodges denkt laut darüber nach, ob es ein „Inside Job“ im Auftrag eines politischen Rivalen Putins gewesen sein könnte.

Auch die Journalistin Eigendorf nimmt am Peinlichkeitsgipfel teil. „Was haben die Russen nicht alles versucht“, sagt sie mit Blick auf den Kriegsverlauf. „Und sie sind auf ganzer Linie gescheitert.“ Die für ihre Berichterstattung zum Ukraine-Krieg mit dem Deutschen Fernsehpreis 2022 ausgezeichnete TV-Journalistin erinnert aber auch an die ukrainische Zivilbevölkerung. Ihr Eindruck von Besuchen in der Ukraine sei, dass „die Bereitschaft, diese Opfer weiter so lange zu tragen, doch in gewissen Teilen der Bevölkerung abnimmt“.

Gespräche des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit dem chinesischen Regierungschef Xi Jinping will die Politikwissenschaftlerin Janka Oertel im Gegensatz zu Illner nicht als Spitze gegen die USA. Die China-Expertin erläutert, dass China ein langjähriger Handelspartner der Ukraine ist und die ukrainische Führung sich den Kontakt lange gewünscht habe. Zudem könne man der Ukraine nicht vorwerfen, sie habe irgendetwas unversucht gelassen.

Aus US-Sicht, ergänzt Theveßen und zitiert den US-Außenminister Anthony Blinken, wäre China als Vermittler akzeptabel, wenn es seinen Einfluss geltend mache, dass Russland Prinzipien wie die Einhaltung der Carta der Vereinten Nationen anerkenne, unter anderem die Unverletzlichkeit des Territoriums der Ukraine.

Auf der anderen Seite sieht Oertel eine komplizierte Rolle. „Es ist für China ein schwieriger Drahtseilakt, sich darzustellen, als würde man einen Frieden unterstützen, als möchte man Verhandlungen unterstützen, als möchte man, dass es zu einer Konfliktlösung kommt, und letzten Endes aber eigentlich recht fest an Moskaus Seite zu stehen.“

Oertel spricht auch von der langjährigen militärischen Zusammenarbeit von China und Russland. Von konkreten Waffenlieferungen wisse man nicht. Allerdings könne China – zumindest theoretisch – auch mit Halbleitern oder anderen Wirtschaftsgütern dazu beitragen, Russlands Militär und Wirtschaft zu stärken.

Ein weiterer Besuch im Reich der Spekulationen dreht sich um mögliche Strategien hinter der Frühjahrsoffensive. Der US-Generalleutnant a.D. Hodges glaubt, das Ziel sei die Krim zu isolieren und für die russischen Streitkräfte unhaltbar zu machen. Bei seinen Ausführungen kommt er bis zu einer Zeit nach Kriegsende: Niemand werde sich am Wiederaufbau der Ukraine beteiligen, wenn sie bald darauf wieder angegriffen werden könnte.

In diesem Punkt stimmt Trittin zu, dennoch spart er nicht mit Kritik. „Ich habe in diesem Krieg so viele Prognosen von Militärs und Menschen, die sich für Militärexperten gehalten haben, gehört, und man kann sagen, der große Teil war nicht zutreffend.“

Schließlich weist Eigendorf darauf hin, dass man in einem Nachkriegsszenario auch Russland bedenken müsse. Die Journalistin wiederholt die in Talkshows häufig geäußerte Einschätzung, Putin brauche einen Ausweg, bei dem er das Gesicht wahren könne und vor seiner Bevölkerung gut dastehe. „Das kann er ja sehr einfach“, sagt sie lachend, „denn Propaganda beherrscht Putin.“

(peng)
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