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ZDF-Talk zur Loveparade: Maybrit Illner und die Lehre von Duisburg

ZDF-Talk zur Loveparade : Maybrit Illner und die Lehre von Duisburg

Düsseldorf (RPO). Weil die Hauptverantwortlichen für das Loveparade-Desaster fehlten, geriet Fritz Pleitgen im ZDF-Talk am Donnerstagabend in die Defensive. Der Ruhr2010-Chef fühlte sich bei Maybrit Illner sichtlich unwohl, doch immerhin tat er das, was die Duisburger Spitze nicht tat: Er stellte sich.

Sei ein Scheitern verboten worden, fragte Illner den ehemaligen ARD-Vorsitzenden: "Haben Sie Druck auf die Stadt ausgeübt?" Pleitgen, der im Vorfeld eine gewisse moralische Mitverantwortung für das Scheitern der Loveparade und damit den Tod von 21 Menschen eingestanden hatte, kniff die Lippen zusammen: "Wir haben nur gesagt, dass wir uns im Ruhrgebiet auch jungen Menschen zuwenden müssen. Deshalb habe ich gesagt, es wäre gut, wenn wir eine solche Veranstaltung in Duisburg haben würden", räumte Pleitgen ein. Aber er fügte hinzu: "Deswegen bin nicht davon ausgegangen, dass ein Stadtoberer die Sache ohne Rücksicht auf die Sicherheit durchzieht."

Da war er: Der "Stadtobere". Um ihn sollte sich an diesem Abend viel drehen. Duisburgs OB Adolf Sauerland stand im Kreuzfeuer.

Politische Verantwortung

Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses, legte seinem Parteikollegen den Rücktritt nahe: "Ob ich eine Verfügung unterschrieben habe oder nicht, ist völlig zweitrangig. Ein politisches Amt ist nicht nur mit Würde, sondern gelegentlich auch mit einer Bürde verbunden", sagte Bosbach. Deswegen trage Sauerland die politische Verantwortung und hafte damit auch für mögliche Fehler seiner Mitarbeiter.

Neben Pleitgen und Bosbach waren Polizeigewerkschafter Rainer Wendt, Star-DJ Paul van Dyk und der Überlebende Manuel Lippka (30) zusammengekommen. Die Duisburger Verantwortlichen blieben dem Talk fern. Dafür erhoben Wendt und van Dyk schwere Vorwürfe. Rainer Wendt, stimmte Bosbach in der Sendung zu: "Wo kommen wir überhaupt hin, wenn nicht 21 Tote Anlass dafür sind, politische Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten?" Wendt griff auch Pleitgen an ("wir haben vorher gewarnt"). Paul van Dyk attackierte den Veranstalter Rainer Schaller, indem er von einem "nicht erprobten Konzept an ständig wechselnden Orten" für eine solche Mega-Veranstaltung sprach.

Illner schlecht vorbereitet

Unnötigerweise geriet Maybrit Illner in diesen Momenten ins Rutschen. Sie zeigte sich schlecht vorbereitet. Mit einem Abstand von fünf Tagen gibt es mittlerweile so viele Dokumente und Beweisstücke, die belegen, was abgelaufen ist in den verschiedenen Sitzungen im Duisburger Rathaus oder beim Veranstalter Lopevent. Und in der Tat gab es im Vorfeld auch Warnungen, im Internet war sogar von Toten die Rede gewesen. Da ließ die ZDF-Redaktion Maybrit Illner im Stich.

Man hätte sich den "Faktencheck" des in der Sommerpause befindlichen Frank Plasberg gewünscht, um der breiten Öffentlichkeit die Augen zu öffnen, die in diesen Tagen geradezu nach der Wahrheit lechzt. Stattdessen dürfte sich als "Experte" ein Ausrichter von Großveranstaltungen äußern, der mit Geschehen vom Samstag eigentlich nichts zu tun hatte.

Einen positiven Ausklang nahm der TV-Abend dennoch. Immer wieder prangerte vor allem der DJ Paul van Dyk massiv den Kardinalfehler an, dass Politiker anstelle von Polizei und Feuerwehr nach Gutsherrenart über ein solches Event entscheiden könnten. Gemeinsam erarbeitete die Runde die wichtigste Lehre aus dem Desaster von Duisburg: "Für die Zukunft wird es wichtig sein, dass diejenigen das letzte Wort behalten, die Sicherheitsbedenken haben." Dieses weise Schlusswort durfte Fritz Pleitgen formulieren. Für die 21 Toten der Loveparade kommt diese Erkenntnis zu spät.

Alle Artikel, Bilder und Videos rund um das Loveparade-Desaster sehen Sie hier.

(RPO)