Maybrit Illner TV-Kritik: Totalausfall mit Kathrin Oertel

TV-Kritik Maybrit Illner : Totalausfall mit Kathrin Oertel

Ex-"Pegida"-Frau Kathrin Oertel redet wirres Zeug, Yasmin Fahimi entgleist das Gesicht, Kolumnist Jakob Augstein leidet körperlich und AfD-Chef Bernd Lucke erkennt kurz vor dem Abspann, dass Illner ihr Thema verfehlt hat. Auf solche Sendungen kann die Demokratie in Deutschland gerne verzichten.

Was für eine Talkshow. Maybrit Illner widmete sich am Donnerstagabend dem Thema "Wutbürger, Parteien, Populisten — wer spricht für das Volk?" Das klingt so zugespitzt, wie für solche Formate wohl nicht anders geht. Immerhin klingt eine Frage an. Sie lenkt das Interesse auf das akute Problem von Nichtwählern, den Rückzug von breiten Teilen der Gesellschaft aus der demokratischen Teilhabe.

Illner hätte die Frage auch weglassen können. Statt einer auch nur halbwegs analytischen Diskussion wurde der Zuschauer Zeuge einer Debatte voller Absurditäten, wie man sie im Dauerfeuer des deutschen Talkshow-Fernsehens schon lange nicht mehr erlebt hat.

Noch im Einstieg wies Illner darauf hin, warum sich in Deutschland so viele Menschen vom politischen Prozess entfremden: Parteien, die sich nur mit sich selbst befassen und nicht mehr mit den Problemen der Menschen.

Unmittelbar befasste sie sich aber intensiv mit dem Innenleben der von Machtkämpfern zerrütteten AfD und nahm Partei-Chef Bernd Lucke ins Kreuzverhör. Warum er denn versuche mit seinem "Weckruf" eine Partei in der Partei zu gründen. Ob er als Vorsitzender gescheitert sei. Warum er denn seine Kritiker Frauke Petry oder Alexander Gauland in die rechte Ecke stelle.

Professor Lucke verliert fast die Contenance. "Sorry, aber Frau Illner!", entgegnet er. "Ich glaube Sie stellen die gerade in die rechte Ecke. Ich hab das doch gar nicht gemacht." Er selbst habe nie so etwas gesagt, sondern immer versucht über Inhalte zu sprechen. Und so geht es in einer Tour weiter. Ganz egal ob SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, CDU-Amtskollege Peter Tauber oder Verleger Jakob Augstein schon tausendfach gehörte Vorwürfe gegen ihn formulieren — immer weist Lucke das als unbegründete Behauptung, Ressentiment oder gemeines Vorurteil zurück.

Ein Gespräch, so wird schon früh deutlich, will hier offensichtlich niemand führen. Bisweilen erinnert die Diskussion ernsthaft an das Gezänk von Vierjährigen im Kindergarten. Mit Tauber streitet Lucke um die Frage, wer in den vergangenen Monaten gemeiner zu anderen war. "Nicht wir haben Sie herabgewürdigt, sondern Sie haben doch uns herabgewürdigt", ereifert sich Lucke.

Politikverdrossenheit? Bitteschön. Parteienverdrossenheit? Bei Illner mit Extrazuschlag. Kein einziger bedauernswerter Wutbürger konnte hier verstehen, was diese Diskussion über parteipolitische Abgrenzungen mit ihm zu tun haben sollte. Doch es kam noch schlimmer. Die ehemalige "Pegida"-Frau Kathrin Oertel durfte als Repräsentantin des Wutbürgertums sprechen. Sie hätte besser geschwiegen. In einem kruden Mix aus Anti-Amerikanismus und Lügenpresse-Rhetorik verbreitete sie ihre neu gewonnenen Ansichten. Das ist bisweilen so wirr, dass man es gar nicht mehr zuordnen kann.

Zitate:

"Es gibt eindeutig zu viel Propaganda in Deutschland."

"Das ist teilweise so verwirrend, dass die Leute gar nicht mehr wissen, wie sie zwischen gut und böse zu unterscheiden haben."

"Sicherlich ist Goebbels tot, aber wer glaubt, dass die Propaganda mit ihm gestorben ist, dem muss ich leider diese Illusion nehmen."

"Die Nato-Propaganda ist sehr gefährlich, die Nato stürzt mit ihrer Propaganda Menschen in den Krieg. Dadurch kommen viele, viele Streitigkeiten auf, zum Beispiel die über den Islam und den bösen Moslem."

Es folgen weitere Erkenntnisse Oertels, zusammenhanglos vorgetragen. Seit 9/11 schreibe die Propaganda den Moslems die Schuld zu. Über die wahren Ursachen der Flucht von Tausenden aus Afrika würden dem Volk fortwährend Lügen vorgesetzt: nämlich die unfairen Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, das Wiesenhof-Hähnchen in Afrika zu billigeren Preisen verschleudere, als sie ein einheimischer Produzent anbieten könne. Darüber aber würde in Deutschland nie gesprochen.

Fassungslosigkeit in der Runde. Fahimi fällt das Gesicht auf den Tisch. Jakob Augstein leidet sichtlich körperliche Qualen, verzieht und knetet seinen Mund. Bei Illner stürzen Welten ein. "Irgendetwas stimmt hier nicht", sagt Augstein mit unüberhörbarem Sarkasmus. "Sie sind nicht gegen Moslems und Herr Lucke ist nicht rechts." Fahimi erklärt wenig später in schlichter Offenheit, dass sie ja versuche, die Antriebsgründe von "Pegida" zu verstehen, aber damit bei Frau Oertel gerade gescheitert sei.

Tauber ist es, der in einem klugen Moment darauf hinweist, dass Demokratie eben anstrengend ist und unvermeidlich auch Ausdruck von Meinungsvielfalt. Auch wenn das einfache Lösungen und Erklärungsmuster oftmals ausschließt. Mit Oertel spricht er in diesem Moment wie mit einer Achtjährigen.

Die Lage überfordert offenbar auch Illner, die ungewöhnliche sieben Minuten überzieht. Der erste Anlauf, das Schlusswort zu sprechen scheitert, weil sie sich das Wort von Lucke entreißen lässt. Das Thema der Sendung sei doch "Wer spricht für das Volk?" gewesen. Besser wäre ja noch die Frage "Wie spricht das Volk für sich selbst?" gewesen, aber auch das sei ja erst jetzt ganz zum Schluss im Zusammenhang mit direkter Demokratie angeklungen.

Irgendwie bleibt einem nach dem Abspann noch ein Satz von Jakob Augstein im Ohr hängen. Auf die Frage, warum denn alternative Antworten zum bestehenden Politik- und Parteiensystem so schwierig zu finden seien, sagt er: "Weil es so viel einfacher ist, Unsinn zu reden, als einen intelligenten Gedanken zu formulieren."

Hier geht es zur Aufzeichnung der Sendung auf der Website von "Illner".

(pst)