Maybrit Illner: Pflege-Experten nehmen Jens Spahn in die Mangel

„Maybrit Illner spezial“ zur Pflegepolitik : Praxis-Experten nehmen Spahn in die Mangel

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in den vergangenen Monaten schon viel über die Herausforderungen in der Pflegepolitik gesprochen. Er will einiges verändern und vieles verbessern. Im ZDF-Talk wurde er indes mit der Realität konfrontiert.

Darum ging’s

Maybrit Illner widmete der Pflegepolitik eine „Spezial“-Ausgabe ihres Talks. Diskutiert wurde nicht wie üblich in der Runde, vielmehr stellten sich zwei Politiker den Fragen und Anregungen von insgesamt acht Bürgern, die aus unterschiedlichen Gründen zu Experten in der Pflege geworden sind. Gemeinsam diskutierten sie über die Situation in Altenheimen und Pflegediensten.

Die Gäste

  • Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister
  • Katja Kipping (Die Linke), Parteichefin und sozialpolitische Sprecherin ihrer Fraktion
  • Alexander Jorde, Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger
  • Kornelia Schmid, pflegt MS-kranken Ehemann
  • Ilse Biberti, unterbrach für Pflege der Eltern ihre Berufstätigkeit
  • Renata Föry, vermittelt osteuropäische Pflegekräfte
  • Martin Bollinger, Pflegeethik Initiative Deutschland e.V.
  • Bettina Michel, pflegt ihren demenzkranken Vater Rudi Assauer
  • Christiane Moll, ihr demenzkranker Vater lebt in einem Pflegeheim nach dem sogenannten Hausgemeinschaftkonzept
  • Walter Keil, seine Mutter war auch im Heim auf seine Hilfe angewiesen

Frontverlauf

Maybrit Illner ließ nicht alle Gäste gleichzeitig auf Jens Spahn und Katja Knipping los. Sie unterteilte ihre Sendung in mehrere Themenschwerpunkte, von der häuslichen Pflege über die Situation in Altenheimen und Krankenhäusern bis zur Situation osteuropäischer Pflegekräfte.

Vor allem Spahn war in keiner angenehmen Situation: Er ist noch nicht lange mit der Aufgabe betraut, die Pflege in Deutschland zu reformieren. Er hat bereits vollmundig verkündet, dass er vieles verbessern will. Ab und an fand er im ZDF-Talk damit auch die Zustimmung seiner Gegenüber. Zumeist musste er sich jedoch jener bitteren Realität stellen, die Illners Gäste schilderten.

„Ich fühle mich von der Politik alleine gelassen. Bei all der Bürokratie haben wir einen Pflege-Dschungel, der undurchschaubar ist. Ich bräuchte viel mehr Hilfe“, sagte Kornelia Schmid, die 2014 ihren Beruf aufgab, um sich ganz ihrem MS-kranken Mann widmen zu können. Sie forderte Spahn auf, nicht nur an Verbesserungen in Heimen und Krankenhäusern zu denken, sondern ebenso an die vielen Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen.

Schmid forderte Spahn außerdem auf, nicht immer nur den Spitzensatz an möglicher Unterstützung im höchsten Pflegegrad 5 zu nennen. „Das bezieht sich nur auf einen ganz geringenTeil der pflegenden Angehörigen. Damit vermitteln Sie ein falsches Bild.“ Es war nur eine von vielen Situationen, in denen am Donnerstagabend zwei Welten aufeinanderprallten: Auf der einen Seite der Minister, der nicht müde wurde zu betonen, wie viel sich in den vergangenen Jahren schon verbessert habe. Auf der anderen Seite die Experten aus dem Alltag, die eindringlich darauf hinwiesen, dass dies alles bei weitem nicht ausreicht.

„Wir stehen auf einer Stufe mit den Ärzten und nicht unter ihnen“

Ob bei der Pflege daheim, Pflegediensten oder Krankenhäusern immer drehte es sich um dieselben Probleme: zu wenig Geld, zu wenige Pflegekräfte, zu wenig Unterstützung. „Ich war schockiert, dass im Heim meiner Mutter in der Nachtschicht eine Pflegekraft für 50 Bewohner zuständig ist. Das macht bei einer Zehn-Stunden-Schicht zwölf Minuten pro Bewohner“, sagte Walter Keil. Martin Bollinger, der selbst ausgebildeter Krankenpfleger ist, nannte nicht die schlechte Bezahlung als größtes Übel. „Die Auszubildenden lernen in der Schule die menschenwürdige Pflege. Das hat dann aber nichts damit zu tun, was draußen wirklich abgeht, weil viel zu wenig Personal vorhanden ist.“

Und Alexander Jorde fügte hinzu: „Das Bild der Pflege muss verändert werden, denn wir stehen auf einer Stufe mit den Ärzten und nicht unter ihnen.“ Als Spahn die Situation mit weiteren Zahlen erklären wollte, griff der Azubi den Minister deutlich an: „Sie werfen alles durcheinander.“

Katja Kipping war da als Oppositionspolitikerin in einer besseren Situation, sie nahm die Ansätze der übrigen Gäste gerne auf und stellte ihrerseits Forderungen an Spahn: „Es gibt im Bereich der Pflege seit Jahren eine negative Dynamik, und es ist an der Zeit, für eine Gegendynamik zu sorgen. Dazu gehört, den Beruf deutlich attraktiver zu machen für junge Menschen. Damit dürfen wir nicht warten.“ Sie hatte auch einen ganz persönlichen Appell an Spahn: „Sie sind ansonsten so angriffslustig. Ich hoffe, dass Sie auch in diesem Punkt angriffslustig sind und sich auch mit Ihrem Finanzminister anlegen.“

Erkenntnis

Das Format, viele Menschen aus der Praxis zu Wort kommen zu lassen, war für das Thema Pflegepolitik prädestiniert. Denn es zeigte das ganze Dilemma auf, das Spahn auch nicht wegdiskutieren wollte: „Ich mache lieber verlässliche Zusagen als haltlose Versprechen. Wir werden den persönlichen Schicksalsschlag, wenn ein Familienangehöriger pflegebedürftig wird, nie völlig wegreformieren können.“