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Martin Schulz bei Anne Will: Ein paar Kanten und viel Gefühl

SPD-Kanzlerkandidat bei Anne Will : Martin Schulz — ein paar Kanten und ganz viel Gefühl

Die Kanzlerin hatte schon mehrere Solo-Auftritte bei Anne Will, jetzt durfte Angela Merkels künftiger Herausforderer Martin Schulz auf dem Ledersessel Platz nehmen. Als Vorbereitung auf den Wahlkampf ging es um ein Psychogramm des Herrn Schulz und seiner SPD.

Die TV-Zuschauer sahen am Sonntagabend einen launigen Talk in der ARD. Sie habe sich vorgenommen, ein "ganz kritisches Interview" mit Martin Schulz zu führen, eröffnet Anne Will ihrem Gesprächspartner schon zu Beginn der einstündigen Sendung. Und tatsächlich bemerkt Schulz etwa zur Halbzeit, dass es Anne Will und er ja nicht leicht miteinander hätten an diesem Abend. "Echt? Ich empfinde das gar nicht so", entgegnet Will.

Martin Schulz bei Anne Will: Ein paar Kanten und viel Gefühl
Foto: dpa

Kurz danach lässt sie einen Film abspielen. Darin hält die Fachkraft Maurike Maaßen aus Essen Schulz vor, dass sich die Sozialdemokraten von den Menschen entfernt hätten. Die SPD sei nicht mehr die Partei des kleinen Mannes, sagt Maaßen, die nur etwas mehr als 1000 Euro netto trotz Tariflohns verdiene. Was gedenke Schulz, dagegen tun zu wollen?

Wofür steht der Würselener wirklich?

Es ist der Moment der Wahrheit. Anne Will spricht aus, was viele Menschen in Deutschland denken: Ja, Martin Schulz mag vielleicht beliebter sein als Noch-SPD-Chef Sigmar Gabriel. Aber wofür steht der langjährige Bürgermeister der Kleinstadt Würselen und spätere EU-Parlamentspräsident eigentlich? Sind es nicht genau dieselben Themen, mit denen Gabriel bereits erfolglos versuchte zu punkten? Mehr noch: Die auch Angela Merkel nahezu wortgleich anspricht? Warum also sollten die Menschen ausgerechnet die SPD wählen?

Martin Schulz war in die Sendung gekommen, um darauf eine Antwort zu geben. Er wolle sich um die Alltagssorgen der Menschen kümmern, setze auf mehr soziale Gerechtigkeit, ohne die SPD "kernsainieren" zu wollen. Maurike Maaßen erfährt von Schulz, dass er beispielsweise die Tariflöhne für zu niedrig hält und den Mindestlohn auch. Auf wieviel er den erhöhen wolle, sagt er dann wiederum nicht. "Nageln Sie mich nicht auf eine Zahl fest", bittet Schulz vergeblich.

Anne Will hakt nach, Schulz verweist auf stufenweise Anpassungen und mögliche Koalitionsgespräche in der Zukunft. Vorher könne er nichts sagen, sonst würde er möglicherweise Vertrauen verspielen, sagt er. Und so bleibt Schulz bei den Inhalten mehr im Vagen als im Konkreten, auch wenn er sich bei den Themen von innerer Sicherheit bis zur Bildungspolitik breit aufgestellt hat. Die Sendung plätschert an dieser Stelle vor sich hin, ohne weiterzuführen. Schulz betont jedoch immer wieder, dass ihm Empathie und das Gefühl der Politiker für die Sorgen und Nöte der Menschen zu kurz kämen in der Politik. Er sei da anders.

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Eine klare, einfache Sprache

Deutlich eingängiger, und aus Schulz' Sicht zum derzeitigen Zeitpunkt vielleicht auch viel wichtiger, waren konsequenterweise die Passagen zu ihm als Person. Wie er als Kanzler mit Donald Trump zu dessen heftig umstrittenen Einwanderungsbestimmungen gesprochen hätte, möchte Anne Will wissen. Schulz verweist auf die Grundrechtecharta, die auch für US-Präsidenten gelte und dass Trump ja gerade mit der Abrissbirne durch die westliche Wertegemeinschaft laufe. Das sei inakzeptabel.

Schulz formuliert also schärfer als Merkel, resümiert Will. Und tatsächlich findet Schulz die Sendung über eine klare, einfache Sprache. Er hört aufmerksam zu, streut charmante Spitzen ein, beharrt auf Punkten, wenn sie ihm wichtig sind. Da bemüht sich einer um einen neuen Stil, um einen nahbaren Stil, so der Eindruck.

"Ich bin gefühlt der bessere Kandidat"

Besonders lebendig wirkt Schulz aber bei Fragen, ob er wirklich Kanzler könne. "Ich bin gefühlt und faktisch der bessere Kandidat", sagt Schulz. Er wolle der nächste Bundeskanzler werden, die SPD habe den Anspruch stärkste Kraft zu werden. Beide Sätze wirken so, als müsse sich Schulz erst selbst noch von ihnen überzeugen.

Später sagt er, er habe sich schon gefragt, was nach diesem "Höllenritt" passieren würde, wenn er verlöre. Dennoch wird klar: Hier will einer Kanzler werden. Und er schätzt die Chancen tatsächlich als realistisch ein, Merkel schlagen zu können. Anne Will fragt: Selbstüberschätzung? Er habe doch schließlich noch gar keine Regierungserfahrung gesammelt? Keineswegs, bügelt Schulz die Moderatorin ab. "Das Schicksal teile ich mit Barack Obama. Der hatte auch keine Regierungserfahrung, als er Präsident der Vereinigten Staaten wurde", sagt der 61-Jährige.

Die gesamte Sendung können Sie hier online ansehen.

(jd)