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"Markus Lanz“-Talk zu Hochwasser: "Wir müssen mit der Natur bauen, nicht gegen die Natur"

Hochwasser-Thema bei „Lanz“ : „Wir müssen mit der Natur bauen, nicht gegen die Natur“

Extrem lange Sendung, zurückhaltender Moderator: Bei „Markus Lanz“ sprechen die Gäste ausführlich über Wetter, Klima und Hochwasser. Dabei schiebt sich eines in den Vordergrund: langfristige Lösungen.

Am Dienstagabend gab es bei „Markus Lanz“ gleich zwei Runden zum Thema Hochwasser. Wir haben uns dabei auf die Fachleute aus Wissenschaft und Technik konzentriert.

 Die Gäste:

  • Sven Plöger, Meteorologe
  • Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin
  • Beate Ratter, Geografin
  • Dirk Steffens, Wissenschaftsjournalist
  • Axel Bojanowski, Wissenschaftsjournalist
  • Wolfram Leibe, Oberbürgermeister von Trier
  • Andreas Geron, Bürgermeister von Sinzig
  • Matthias Berger, Oberbürgermeister von Grimma
  • Tina Rass, Flutopfer aus Rösrath

 Darum ging’s:

Um den Zusammenhang von Wetter und Klima, um technische und ökologische Schutzmaßnahmen gegen Klimawandelfolgen und um die Grenzen der Vorstellungskraft.

 Die Kernthemen im Talkverlauf:

Im ersten Teil der Sendung geht es zunächst um die Frage, wieso das Hochwasser so viele Menschen eher überrascht hat. Der Meteorologe Sven Plöger verweist darauf, dass er im Wetterbericht in der ARD durchaus vor bis zu 200 Litern Regen pro Quadratmeter gewarnt hat. Allerdings räumt er ein, dass die genauen Formulierungen immer eine schwierige Abwägung seien, weil der Wetterbericht nicht in Alarmismus verfallen solle. So sei die Litermenge zwar eine „solide, präzise Prognose“ gewesen, aber die Dramatik habe sie nicht erfasst. „Dass alles so gleichzeitig kommt, hätte ich nicht erwartet“, sagt Plöger.

Später im Gespräch klärt der Meteorologe das Gerangel um Klima versus Wetter mit einer glasklaren Definition. Klima und Wetter seien verbunden, „weil Klima die Statistik des Wetters ist“. Die Geografin Beate Ratter verweist darauf, dass die Debatte um Klima oder Wetter als Ursache in einem Punkt letztlich einerlei sei: „Es braucht einen Schutz gegen Extremereignisse.“

Ratter wirft die Frage auf, wie weit die Menschen bereit sind, auf Warnungen vor Überschwemmungen zu hören. Auch vor der Sturmflut in Hamburg 1962 sei gewarnt worden, aber das kam in der Bevölkerung nicht an. Würden Meteorologen wie Plöger etwa vor Überschwemmungen durch Flüsse warnten, hätten viele Menschen nicht im Sinn, dass aus dem kleinen Bach nebenan durch starken Regen ein reißender Fluss werden könne.

Ein Risikobewusstsein beruhe auf Erfahrungen – und eine solche Erfahrung habe man in den jetzigen Hochwassergebieten noch nicht gesammelt. „Das ist ein klassischer schwarzer Schwan“, sagt Ratter. Dieses Ereignis könne man sich nicht vorstellen, es sei aber trotzdem möglich. „Seit 15 Jahren spricht man darüber: Der Klimawandel manifestiert sich über Extremereignisse. Das ist jetzt das Extremereignis, über das wir gesprochen haben.“ Ratter empfiehlt, nach dem Vorbild von Küstenregionen das kollektive Gedächtnis lebendig zu halten – und in den Gemeinden immer wieder von Naturkatastrophenerfahrungen zu erzählen. „Es wäre keine Naturkatastrophe geworden, wenn es nicht auf ein vulnerables Gesellschaftssystem getroffen wäre“, sagt die Geografin.

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Auch der Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski spricht davon, dass den betroffenen Landkreisen ein Gedächtnis für Naturkatastrophen fehle. Er wünscht sich „ritualisiert klare Ansagen bei den Öffentlich-Rechtlichen“ für solche Fälle. Moderator Markus Lanz wundert sich, warum sich diese Kritik allein auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen bezieht. Wie seine eigene Zeitung, „Die Welt“ ihre Warnungen vor den Unwettern gestaltete, habe er gar nicht untersucht, räumt Bojanowski ein.

Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens greift unterdessen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet an. Er habe den Ausbau der Windenergie und den Ausstieg aus der Kohle verzögert, sich gegen jedes Tempolimit gestemmt und noch vor Kurzem die Klimakrise relativiert. „Man muss leider sagen, dass Herr Laschet nicht besonders positiv in Erscheinung getreten ist dabei, Umweltpolitik nach vorne zu treiben. Sondern da wird bisher tagespopulistisch reagiert, wenn mal was passiert.“ In diesem Punkt störe ihn nicht Laschet als Person, sondern die Art der Politik. Steffens sagt ebenso deutlich, was er als Alternative sieht. Dabei spielen nicht nur eine veränderte Land- und Forstwirtschaft eine Rolle. „Naturmanagement zusammen mit Ingenieurskunst sind die Maßnahmen, die in wenigen Jahren zu Schutz führen können.“

Solche Maßnahmen konkretisiert die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker. Die Lösungsansätze reichen von einer „Schwammstadt“ in der Straßen und andere Flächen das Regenwasser durchlassen oder speichern, über die Verstärkung von Gebäuden oder die Aufgabe von Kellerräumen als Nutzräumen bis zur Bewaldung mit Laub- statt Nadelbäumen. So wie Brücken heute gesperrt werden müssen, weil bei ihrem Bau von einer ganz anderen Verkehrslast ausgegangen worden war, müsse man sich auch an die veränderten Umweltbedingungen anpassen. „Wir haben neue Lasten, die wir berücksichtigen müssen“, sagt Messari-Becker. Ihre Zusammenfassung: „Wir müssen mit der Natur bauen, nicht gegen die Natur.“