1. Panorama
  2. Fernsehen

Markus Lanz: Susanne Hennig-Wellsow nennt Kemmerich machtgeil

TV-Kritik zu Markus Lanz : „Es war reine Machtgeilheit“

Einen “erschütternden Tabubruch“ nennt Susanne Hennig-Wellsow den Eklat um die Wahl in Thüringen. Dann erzählt die Linke-Fraktionschefin bei Markus Lanz im ZDF, warum sie keine Sekunde bereut, dass sie Thomas Kemmerich ihre Blumen vor die Füße geworfen hat.

Am 5. Februar warf Susanne Hennig-Wellsow dem neugewählten Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich im Thüringer Landtag ihren Blumenstrauß vor die Füße. Für diese Geste werde sie ganz Deutschland in Erinnerung behalten, sagt Moderator Markus Lanz am Abend im ZDF und will wissen: Würde sie noch einmal so drastisch reagieren? Tut ihr die Aktion inzwischen leid?

“Nein, ich bereue das keine Sekunde”, sagt die Thüringer Linke-Fraktionschefin. Für sie sei die Wahl des Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD „nicht nur ein Fehler, der passiert ist, sondern ein Tabubruch, der die ganze Bundesrepublik erschüttert.” Dieser Dammbruch, fürchtet Hennig-Wellsow, werde jetzt auch andere Landtage erreichen.

Hennig-Wellsow erinnert an einen Moment, der erkläre, weshalb sie das politische Protokoll nicht eingehalten habe: „Wir haben am 27.10. im selben Thüringer Landtag mit KZ-Überlebenden dem Tag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht”, erinnert sie. Anwesend sei da auch ihr Freund, der 94-jährige Günter Pappenheim gewesen, der erzählt hatte, was sich damals in Deutschland abgespielt habe. Als nun das Wahlergebnis verkündet wurde und Kemmerich das Ergebnis annahm, sagt Hennig-Wellsow, habe sie „tiefe Verachtung und Schock gegenüber Herrn Kemmerich empfunden. Ich hatte im Kopf: Wie soll ich das meinem Freund Günter Pappenheim mit seinen 94 Jahren erklären, dass sich Faschisten hier ihren eigenen Ministerpräsidenten wählen?”

Auch auf die Frage, weshalb Kemmerich die Wahl - nach allem was zuvor in Parteien und Fraktionen besprochen und abgewogen worden war - trotzdem annahm , hat sie eine Antwort: „Ich glaube es war reine Machtgeilheit.” Politische Naivität jedenfalls könne man Kemmerich nicht unterstellen. Natürlich sei Kemmerich kein Faschist, aber er habe einkalkuliert, mit den Stimmen der Höcke-AfD gewählt zu werden. Dass er nun bedroht werde, sei schlimm, aber das gehe auch Abgeordneten anderer Parteien in Thüringen so, sagt die Linke-Politikerin und erzählt von jungen Politikern, die von AfD-Abgeordenten mit Methoden der Faschisten im Fahrstuhl eingeschüchtert würden. „Das ist keine bürgerliche Partei, das kann man wissen, wenn man Björn Höcke zuhört”, sagt sie.

Zuvor nahmen Alexander Graf Lamsdorff, der Vizevorsitzende der Bundestagsfraktion und der ehemalige CDU-Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) zu den Vorgängen in Thüringen Stellung. Lambsdorff gibt zu: „Das ganze ist natürlich ein Fiasko.” Die FDP in Thüringen habe sich verführen lassen. Als die Vertreter von CDU und FDP allerdings ausdiskutieren wollen, wer was wann gesagt habe, greift “Zeit”-Redakteur Martin Machowecz ein, der während der Woche im Erfurter Landtag recherchiert hatte: „Kemmerich ist da nicht reingestolpert, der wollte gewählt werden”, sagt er, „und der wusste, es gibt nur einen Weg gewählt zu werden, was das dann ja auch so passiert ist.”

Als Hennig-Wellsow erinnert, die Linke habe vom Wahltag an Gesprächsangebote gemacht, aber keine der anderen Parteien habe einen gemeinsamen Weg finden wollen, begibt sich Lambsdorff auf Ursachenforschung und wundert sich: „Warum ist das alles so verhärtet?” Es gebe da sicher „Sachen, die aus der alten ostdeutschen Zeit noch nachschwingen und die Gräben noch vertiefen.”

Für CDU-Politiker Vogel ist nicht die Wahl Kemmerichs der Tabubruch, sondern „die Tatsache, dass der die Wahl angenommen hat.” Mehrfach versucht er zu erklären, weshalb die CDU eben in den neuen Bundesländern mit der Linken nicht koalieren könne. Als er die Linke dabei als Verlierer einstuft wird Hennig-Wellsow ärgerlich: „Wollen Sie jetzt allen Ernstes behaupten, dass wir die Verlierer sind, mit 31 Prozent? Ich finde die Debatte total abstrus.”

Inzwischen, so die Politikerin, sei nicht mehr die CDU die Mitte: „Mittlerweile ist in Thüringen die Linke die Mitte.” Es helfe nicht weiter, „auch 30 Jahre nach der Wende kommunistische Reflexe zu pflegen“, wettert sie und fordert, man müsse „endlich mal darüber nachdenken, wie wir zu einer neuen Regierung kommen.” Da stimmt ihr das Publikum mit viel Applaus zu.

Journalist Machowecz, der aus Meißen stammt und aus Leipzig berichtet, diagnostiziert die Situation als „multiple Zerstörungslage”, in der auf vielen politischen Ebenen Schaden angerichtet werde. Als Kanzlerin Angela Merkel gesagt habe, die Wahl müsse man nun “rückgängig machen” habe das bei vielen Wählern im Osten “schlimme DDR-Assoziationen geweckt”. Der Bundesbeschluss der CDU passe einfach nicht in die ostdeutsche Realität sagt er und führt in einem Mini-Exkurs zum Thema „Erklär mir den Osten” au,.im Osten werde anders gewählt: “Das ist ein volatileres, wechselhafteres Wahlverhalten als im Westen.” Vieles was wir im Osten erleben, komme auch irgendwann im Westen an. Es könne nicht schaden wenn der Westen sich das genauer anschaue und vielleicht auch das ein oder andere lernen würde.