Talk bei Markus Lanz „Alles ist über Jahrzehnte verbummelt worden“ – Habeck über Gasheizungen und den Fluch seiner Amtszeit

Hamburg · Nach der Einigung im Koalitionsausschuss beantwortet Robert Habeck einige, aber nicht alle Fragen über Heizungen und Wärmepumpen. Dabei korrigieren die Gäste Moderator Markus Lanz: Ein Gasheizungsverbot für alle gibt es nicht.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Talk bei „Markus Lanz“ am 28. März 2023.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Talk bei „Markus Lanz“ am 28. März 2023.

Foto: ZDF

Nach zweieinhalb Tagen Verhandlungen ist der Ampel-Koalitionsausschuss am Dienstagabend beendet – und schon ist Vizekanzler Robert Habeck bei „Markus Lanz“ zugeschaltet. Was sagt er zum Heizen?

Die Gäste

  • Robert Habeck (Grüne), Wirtschaftsminister und Vize-Kanzler
  • Ulrike Herrmann, Journalistin
  • Robin Alexander, Journalist

Der Talk über die Gasheizung

Der Moderator der Talkshow spricht sogleich eins der Ergebnisse des Koalitionstreffens an. Markus Lanz nennt es „Gasheizungsverbot“, dagegen legt Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) die Betonung darauf, dass „die erneuerbaren Energien kommen“. Der Minister spricht zudem von Übergangsfristen, Befreiungen und „Technologieoffenheit“, etwa gegenüber dem Heizen mit Holz oder zukünftig auch Wasserstoff. Die Energieträger könnten überall herkommen, solange sie „dekarbonisiert“ seien. „Das war alles schon vorgesehen, jetzt ist es mehr konkretisiert und ausformuliert worden“, sagt Habeck.

Wie schon Bundeskanzler Olaf Scholz vor dem Ende des Koalitionsausschuss-Marathons stellt der Vizekanzler die Auseinandersetzungen zwischen den drei Koalitionsparteien Grüne, FDP und SPD als hilfreich dar. „Es ist gut, voneinander zu lernen“, sagt Habeck. Auch die öffentliche Debatte fließe in die Überlegungen der Koalition ein, und dieses Verfahren dauere noch an. „Aber wir werden nicht weiter mit fossilen Energien heizen, außer in ganz wenigen Ausnahmefällen.“

Dabei weist Habeck auf bereits bestehende Vorgaben hin, nach denen Gas- und Ölheizungen nach 30 Jahren sowieso ausgetauscht werden müssen, sofern es sich nicht um selbst genutztes Wohneigentum handelt. Neu sei nun, dass an Stelle dieser alten Heizungen nicht wieder eine Gas- oder Ölheizung eingebaut werden dürfe.

Als Argument für die Machbarkeit der Umrüstung zieht Habeck Dänemark heran. Während in Deutschland 80 Prozent der Heizungen mit fossilen Brennstoffen betrieben würden, liege ihr Anteil in Dänemark bei 20 Prozent. „Nun ist Dänemark nicht dafür bekannt, wärmer als Deutschland zu sein, auch der Bestand der Gebäude entspricht ungefähr dem deutschen Markt“, sagt der Wirtschaftsminister. Mit einem frühzeitigen Umstieg habe Dänemark seine Bevölkerung vor einer Kostenfalle bewahrt und das Land vor Abhängigkeiten.

„Das Problem in Deutschland ist, und das ist der Fluch meiner Amtszeit: Alles ist über Jahrzehnte verbummelt worden“, sagt der Grünen-Politiker. Jetzt müsste die Bundesregierung versuchen, in kurzer Zeit das einzuholen, was andere Länder über lange Jahre erreicht hätten. „Aber es hilft ja nichts, das Problem einfach nur zu bestaunen.“

Zwischenzeitlich stellt die Journalistin Ulrike Herrmann klar, dass es stets nur um Heizungen gegangen sei, die wie von Habeck berichtet nach 30 Jahren oder wegen starker Schäden sowieso ausgetauscht werden müssten, und nicht um einen Zwangsaustausch sämtlicher Öl- und Gasheizungen, wie Lanz es fälschlicherweise wiederholt darstellt.

Zudem gehe ihrer Ansicht nach in der Diskussion unter, dass eine Wärmepumpe für ihre neuen Besitzer „ein super Geschäft“ sei, weil sie zwar in der Anschaffung teurer als eine Gasheizung, im Betrieb aber deutlich günstiger sei. Herrmann kritisiert allerdings, dass der soziale Ausgleich beim Austausch einer alten oder kaputten Öl- oder Gasheizung in eine Wärmepumpenheizung im Koalitionspapier allzu vage gehalten sei.

Ebenso vage bleibt Habeck in dieser Frage. Seine Begründung: Das Koalitionspapier halte den politischen Prozess fest, gehe aber nicht „in die Paragrafentiefe des Gesetzes rein“. Der Wirtschafts- und Klimaminister wiederholt mehrmals, wie viel an dem Papier noch gearbeitet werde, ehe es zum Gesetzestext werde - von Kommentaren und Korrekturen aus Verbänden bis zur Bundestagsdebatte. Konkretes sagt er indes nicht.

Lanz zählt daraufhin auf, was er als handfeste Probleme betrachtet: Wärmepumpen bräuchten Strom, der in Deutschland derzeit teuer sei, vielen Wohnungen fehle eine gute Dämmung, und Handwerker für den Umbau seien auch nicht zu bekommen. Wie so oft hält der Moderator mit seiner eigenen Meinung nicht hinterm Berg: „Das wird nicht funktionieren“, sagt Lanz.

Habeck weist darauf hin, dass sich der Fachkräftemangel ebenso auf den Einbau einer Öl- oder Gasheizung auswirke und entsprechend keinen Einfluss auf die Entscheidung für eine Umrüstung auf nicht-fossile Brennstoffe habe. Lanz hält dagegen: Viele Installateure würden sich mit Wärmepumpen nicht auskennen. Das hält Habeck für lösbar, er verweist dabei auf „unter Hochdruck“ laufende Ausbildungen.

Zudem sei besonders in Innenstädten nicht die Wärmepumpe, sondern die Fernwärme das effizienteste System, so Habeck. „Wenn die Kommunen solche Pläne haben und belegen können, dann werden die Verbraucherinnen und Verbraucher von der Pflicht entbunden, sofort zu dekarbonisieren“, sagt der Wirtschafts- und Klimaminister. Mit Blick auf die Stromversorgung erinnert er an die Sicherheitsfrage: „Strom produzieren wir hier, Gas und Öl importieren wir.“

Auf Lanz‘ Einwurf über Wärmedämmung entgegnet Habeck: „Es ist nicht richtig, dass man nur Passivhäuser oder sehr gut sanierte Häuser mit Wärmepumpen warm kriegt.“ Für den Fall der Fälle – etwa ungewöhnliche Kälte – seien zudem Lösungen vorgesehen, etwa eine Kombination mit einem kleinen Gasbrenner. Dabei liege der Anteil an erneuerbaren Energien immer noch bei 65 Prozent und damit im Rahmen der geplanten Vorgaben. „Ich bin maximal pragmatisch“, sagt Habeck.

Der Journalist Robin Alexander ist der Ansicht, auch eine andere Regierung hätte zu diesem Zeitpunkt für eine Veränderung sorgen müssen. Er betont, dass Habeck sich in puncto Heizen bereits zum dritten Mal durchgesetzt habe. „Das Kleingedruckte kennen wir noch nicht“, räumt Alexander ein. Sorgen macht ihm aber eher „die politische Versuchsanordnung“: Die meisten Menschen hätten von dem Problem erst durch den Streit in der Regierung erfahren, was einen Run auf Gasheizungen ausgelöst habe.

Dass die beiden großen Streitpunkte in der Koalition und auch in der Öffentlichkeit sich auf Veränderungen in den Bereichen Wohnen und Verkehr beziehen, findet Habeck nicht verwunderlich, weil sie so dicht an das individuelle Leben der Menschen heranrückten. „Da musst du im Grunde mit 80 Millionen Menschen verhandeln, und es gibt wahrscheinlich auch 80 Millionen verschiedene Fälle.“

Ihm sei klar, dass das schwierig werden würde und man sich damit nicht beliebt mache. Aber das Schwierige zur Seite zu legen, sei nicht sein Ding. „Diese Haltung hat uns doch in den Schlamassel gebracht, in dem wir uns befinden“, sagt Habeck. „Das Einzige, worin wir gut sind, ist große Pläne zu verkünden. Aber die Umsetzung … so ‚na ja‘, würde ich sagen.“

(peng)