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Markus Lanz mit Lucas Vogelsang: Kniefall der Uefa vor Viktor Orban

Sportjournalist Vogelsang bei Markus Lanz : „Das ist ein klassisches Shit-Sandwich“

Gehört Politik in die Stadien und Orbáns Weihnachtskarte in den Müll? Bei Markus Lanz kommt am Abend keine Langeweile auf - auch nicht, als es um das Wahlprogramm der CDU geht.

Darum ging es

Die Abneigung der Uefa zu Regenbogenfarben, Viktor Orbán, volle Stadien während einer Pandemie und die Schulen im Herbst - Markus Lanz hatte am Abend im ZDF ein ein volles Programm. Zuletzt wollte er auch noch das Wahlprogramm der CDU diskutieren.

Die Gäste

  • Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlandes, CDU
  • Robin Alexander, stellvertretender "Welt"-Chefredakteur
  • Lucas Vogelsang, Sportjournalist, Podcast “Fussball MML”
  • Christina Berndt, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Biochemikerin

Der Talkverlauf

“Total schade” findet Tobias Hans, dass das Münchener Stadion nicht in Regenbogefarben leuchten wird, und auch Markus Lanz’ übrige Gäste sind sich einig, dass sie die bunte Botschaft als Solidarisierung mit der LGBTQ-Bewegung gern gesehen hätten. Fussball sei politischer geworden “weil die Politik Ideen in den Fussball getragen hat, die gut sind”, sagt Podcaster Lucas Vogelsang und findet: “Man hätte sich einen großen Gefallen getan, wenn man an allen drei Spieltagen den Regenbogen gegeben hätte.”

Robin Alexander allerdings fürchtet, dass die Aktion für Orbán kein Schlag ins Kontor sondern eine Steilvorlage wird. In Richtung CDU kritisiert er, die Ehe für alle sei in Deutschland auch erst vier Jahre alt: “Jetzt kommt es mir bisschen so vor, als seien die Leute, die sich anfangs sehr schwer getan haben dafür die Hand zu heben, jetzt sehr schnell damit sind, mit dem Finger auf andere zu zeigen.”

Journalistin Berndt verteidigt die Kritik an Ungarn, wo Information und Aufklärung über Homosexualität per neuem Gesetz verboten werden soll. “Da ist von einer Entwicklung nichts zu sehen, das sind drastische Diskriminierungsschritte”.

Auch Hans verteidigt sich: Es sei großer Unterschied, ob man mit Gleichstellungsgesetzen etwas länger brauche, oder ob existierende Rechte eingeschränkt würden. Er habe Orbáns Weihnachtskarte in den Müll geworfen. Damit bringt er Alexander erst recht in Wallungen, er kritisiert den Saarländer für “Schaufenster-Politik”. In der Außenpolitik dürfe man solche Leute nicht umarmen, aber man dürfe auch keine Gesten machen, die Verachtung ausdrücken. Er fürchtet: “Das reisst die Menschen auseinander.”

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Hans stimmt ihm zu, nur durch Freundschaften könne Verbesserung erreicht werden. Aber “man kann nicht Mitglied der Europäischen Union sein und erwarten, dass derlei nicht kommentiert wird.”

Vogelsang findet vor allem gut, dass diese Debatte überhaupt geführt wird: “Wann denn sonst wenn nicht jetzt” solle über solche Werte diskutiert werden. “Das ist doch ein gutes Beiprodukt eines solchen Turniers.” Schließlich sei das Gesetz gegen die Rechte der Homosexuellen “ja nicht zufällig” mitten in diesem Turnier verabschiedet worden. Die Entscheidung der Uefa gegen die Regenbogen bezeichnet er als “Kniefall vor Orbán”: Ein Kniefall vor jemandem, den die Uefa immer als Verbündeten sieht”, kritisiert Vogelsang. “So wie er damals Zäune gebaut hat, macht er jetzt die Grenzen für die Uefa auf, um die Stadien voll zumachen.”

Ihm ist das Gesamtbild wichtig: Gesehen werden müsse nicht nur die Entwicklung in Ungarn und die Position des europäischen Fussballverbandes, sondern auch die Rolle der WM 2018 in Russland und die anstehende Weltmeisterschaft in Quatar: “Das ist das ist ein klassisches Shit-Sandwich”, wettert er. Damit müsse man umgehen und es debattieren “weil es viel über den Zustand des modernen Fussballs aussagt“. Als “bigott” an der Debatte kritisiert er, weshalb es erst eine Frage nach Regenbogen im Stadion brauche, ehe darüber gesprochen werde. “Wir wissen seit Monaten, dass wir gegen Ungarn spielen. Seit zehn Jahren wissen wir, wir spielen in Quatar, warum wachen wir erst auf, wenn wir mitten drin sind?”

Die “unfassbare Diskrepanz” der vollen Stadien einerseits und Zweifeln am Präsenzunterricht in den Schulen nach der Ferien andererseits bringt Berndt ins Gespräch: Zu Schulen falle einem immer nur Angst ein, wenngleich die Daten das nicht belegen, zugleich sehe man die Bilder aus voll besetzte Stadien und einem möglichen Endspiel in London, wo die Inzidenz um 100 liege. Das mache den Politikern offenbar weniger Sorgen als die Schulen. Sie warnt vor den Auswirkungen der Deltavariante, die “unangenehme Eigenschaften hat, und vor allem viel ansteckender ist”: Wenn sich Tausende ohne Masken bei Spielen in die Arme fallen, brüllen und jubeln würden sich ganz zweifellos Leute anstecken. “Das ist ein Feuer für die Pandemie.” Sie plädiert vehement dafür, im Herbst nicht erneut vor allem wieder die Kinder und Eltern durch Schulschließungen leiden zu lassen: “So kann es einfach nicht weitergehen. Ab jetzt müssen wir bitte die schützen, die krank werden und besonders unter Corona leiden.“

Auch Vogelsang sieht das Problem der vollen Stadien und erinnert an das “Spiel Null” der Championsleague zwischen Bergamo und Valencia in Mailand, nach dem die Infektionszahlen explodierten. Zur Wahl zwischen einem Endspiel in Wembley mit 60.000 Zuschauern oder einem in Budapest mit niedrigerer Inzidenz sagt der Journalist: “Ist das nicht Entscheidung zwischen Pest und Cholera?”

Zuletzt darf “Welt”-Journalist Alexander den Saarländer Hans noch zum Wahlprogramm der CDU rüffeln: Einerseits habe der sich doch so vehement für die Regenbogenstadien ausgesprochen, nun finde er aber kein Wort etwa zum Adoptionsrecht für Homosexuelle im Wahlprogramm der CDU. Auch zu Verbrennungsmotor und CO2-Preis fehlen dem Journalisten klare Ansagen und nennt es “ein Wahlprogramm, das niemandem wehtut”. Hans verteidigt die Union als “Volkspartei für eine große Mehrheit der Gesellschaft, die eine Partei möchte, die sich um wesentliche Themen kümmert”, etwa die Sicherung des Landes als Industriestandort. Natürlich gehe es auch darum klimaneutral zu werden, aber man “wolle nicht alles auf den Kopf stellen” und gehe eben einen anderen Weg als die Grünen.  

Für enorme Heiterkeit sorgt Vogelsangs “kühne These” zu dem Thema: Hat die CDU das Wahlprogram vielleicht gar zur EM-Zeit vorgestellt, weil das Interesse vieler Menschen derzeit anderswo ist? Alexander und Lanz können sich vor Lachen kaum halten und probieren ihre eigene “kühne These”:  “Wenn’s keiner liest tut es erst recht keinem weh.”

(juju)