1. Panorama
  2. Fernsehen

Markus Lanz mit Hendrik Streeck: "Man weiß es nicht genau"

Hendrik Streeck bei „Lanz“ : „Man weiß es nicht genau“

Gefährliche Mutanten? Gefährliche Gesellschaftsspaltung? In der Talkrunde versteigt sich der Virologe Hendrik Streeck gar zu einer brisanten Bemerkung über das Coronavirus – und rudert sofort zurück.

Wieder einmal ist das Coronavirus das einzige Thema bei „Markus Lanz“ am Mittwoch. Im Fokus steht dabei der Bonner Virologe Hendrik Streeck.

Die Gäste:

  • Christoph Röckerath, Journalist
  • Hendrik Streeck, Virologe
  • Vanessa Vu, Journalistin
  • Manfred Weber (CSU), Fraktionschef der EVP im Europaparlament
  • Claus Ruhe Madsen (parteilos), Oberbürgermeister von Rostock

Darum ging’s:

Mutanten und Immunsystem, mit dem Virus leben oder mutigere Politik: Das Coronavirus muss auch in Talkshows Varianten entwickeln.

Der Talkverlauf:

Nach einem Interview mit dem Brasilien-Korrespondenten Christoph Röckerath will Moderator Markus Lanz ein Detail klären: Das brasilianische Manaus habe mit „76 Prozent irgendwann einmal mit Corona infizierten Menschen“ bis dato als Beispiel für die Möglichkeit von Herdenimmunität gegolten. Wie sei nun dessen verheerende Corona-Welle zu erklären? „Man weiß es nicht“, sagt Hendrik Streeck.

Damit streift der Bonner Virologe ein Grundprinzip der Wissenschaft: Sie formuliert keine Gewissheiten, sondern Annahmen, und prüft dann, ob diese sich widerlegen lassen. Solche Hypothesen zählt Streeck auch für das brasilianische Rätsel auf, dann schwenkt er von der Wissenschaft zur Meinung. Dass eine Mutante eine solche Welle auslösen könne, mag Streeck nicht glauben.

Bei der Frage, ob eine der neuen Virusvarianten, eine so genannte „Fluchtmutation“, besonders gefährlich sei, pocht Streeck auf den größeren Kontext. Es gebe zwar eine Mutante, die offenbar eine Reaktion auf einen Abwehrmechanismus des Immunsystems sei, aber das Immunsystem arbeite bei einem Virusangriff mit mehreren Mitteln. „Damit wird nicht das ganze Immunsystem ausgeknockt und wir fangen wieder von vorne an“, sagt Streeck. Gleichwohl plädiert der Virologe dafür, die Varianten ernstzunehmen. Den Begriff „gefährlich“ im Zusammenhang mit neuen Virusvarianten lehnt Streeck indes ab. „Angst und Panik sind schlechte Ratgeber in einer Pandemie.“

Die Journalistin Vanessa Vu plädiert für eine differenziertere Betrachtung und trennt Wissenschaft von Politik, Detail von Handlungsgrundlage. Wissenschaftlich sei zwar noch nicht erforscht, um welches Maß genau die Mutanten ansteckender seien als die zuerst aufgetretene Form des Coronavirus. Doch es sollte schon genug Anlass zur Sorge geben zu wissen, dass sie mehr Menschen treffen können und sich entsprechend auch die Todeszahlen hochskalieren könnten. „Der Wissenschaft überlasse ich gern die Frage nach exakten Prozentzahlen, aber in der Politik muss man anders handeln“, sagt Vu.

Daraufhin argumentiert Streeck, eine Mutante lasse sich nur ganz am Anfang aufhalten, und das sei nicht geschehen, nun werde sie sich ausbreiten. Das Gute sei, dass gegen sie dieselben, bereits bekannten Maßnahmen helfen würden wie vorher auch. Doch Vu lehnt die Idee ab, man müsse mit dem Virus irgendwie leben. Vor Jahrhunderten hätte ein anderes Virus beinahe alle indigenen Völker Nordamerikas getötet, erinnert die Journalistin. „Heute haben wir das Wissen und die politischen Mittel, so etwas aufzuhalten.“

Leider geht Streeck nicht auf diesen Punkt ein, sondern er beißt sich am damaligen Todesvirus fest: den Masern. Dieses Virus sei aus vielen Gründen überhaupt nicht mit dem Coronavirus vergleichbar. Und plötzlich zieht er eine vage Behauptung aus dem Hut, bei der Lanz aufmerkt: Hat Streeck da etwa gerade angedeutet, ein Teil der Bevölkerung habe durch heimische Coronavirus-Arten schon eine gewisse Immunität? Der Virologe rudert sofort zurück. „Man weiß es nicht genau“, sagt er. Und leider hakt Lanz nicht nach, bis er eine klare Antwort bekommt, sondern lässt sich auf allgemeine Aussagen zur Saisonalität von Erkältungsviren ein.

Dann darf der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen seine Kritik an der Coronapolitik loswerden und der Europapolitiker Manfred Weber sich der Kritik an den Mängeln der Impfstofflieferungen stellen. Für den letzten Teil hat sich Lanz eine umstrittene Darstellung Streecks im „Spiegel“ aufbewahrt, die jenen auf eine Stufe mit Verschwörungstheoretikern stellt. Streeck kritisiert, die Zeitschrift habe ihn schon zuvor als Antihelden dargestellt. „Hier Gesellschaft absichtlich zu spalten, das sehe ich als gefährlich an.“

Auch Vu findet es problematisch, Streeck in diese Ecke zu stellen. Allerdings müsse es möglich sein, über die Faktenbasis von Aussagen zu sprechen, ohne gleich in eine Spaltungsdiskussion zu versinken. Es sei durchaus wichtig, verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen und Einzelmeinungen einzuordnen und zu schauen: Wer lag wo mit seinen Prognosen. „Das war bei Ihnen nun einmal nicht so rühmlich“, sagt Vu.

Zu seinem Beharren, der Fokus der Politik müsse auf dem Schutz von Altenheimen liegen, sagt Streeck: „Es war nicht ‚entweder Lockdown oder Altenheime schützen‘, sondern ein großes ‚Und‘.“ Nun ist es an der Journalistin Vu, an den nötigen Kontext zu erinnern. Selbst mit Massentests ließen sich Altenheime nicht hundertprozentig schützen, und Streecks Betonung dieser Maßnahme ließe es so aussehen, als könne der Rest der Bevölkerung dann mehr Freiheiten genießen. „Da fehlt der größere Kontext, und das kann man doch kritisieren“, sagt Vu. Doch obwohl Hypothesen im wissenschaftlichen Alltag häufig widerlegt werden und auf dieser Basis neue Erkenntnisse wachsen, scheint das Loslassen dem Virologen schwerzufallen. Er haben ganz oft gesagt, dass er den Lockdown richtig finde, sagt Streeck.