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"Markus Lanz" mit Hendrick Streeck: Vorsichtig optimistisch über möglichen Corona-Impfstoff

Virologe Hendrick Streeck bei Markus Lanz : „Es funktioniert nur, wenn wir alle an Bord haben“

Der Bonner Virologe äußert sich bei Markus Lanz im ZDF „vorsichtig optimistisch“ zum möglichen Corona-Impfstoff. Michael Müller bereitet in Berlin Impfzentren vor. In Washington hofft John Bolton auf die Einsicht von Donald Trump.

Die Gäste

  • Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, SPD
  • Prof. Hendrik Streeck, Virologe
  • Dr. Carola Holzner, Ärztin am Universitätsklinikum Essen
  • Johannes Hano, New-York-Korrespondent des ZDF
  • John Bolton, Ex-Sicherheitsberater von Donald Trump

Darum ging es

Markus Lanz wirft am Abend im ZDF eine Menge wichtiger Fragen in die Runde: Wie gut ist der mögliche Corona-Impfstoff? Ist der November-Lockdown wirklich nötig? Welche Tür bleibt für Donald Trump offen? Antworten geben ihm ein Virologe, ein Politiker, eine Notfallmedizinerin, ein Journalist in New York und - kein geringerer als Trumps ehemaliger Sicherheitsberater.

Der Talkverlauf

Am Vortag hatte das Mainzer Unternehmen Biontech gute Ergebnisse zu einem Corona-Impfstoff präsentiert und Markus Lanz fragt sich, ob ein globales Aufatmen angebracht ist.“Die Ergebnisse können einen vorsichtig optimistisch stimmen”, sagt Virologe Hendrik Streeck, wenngleich die Ergebnisse noch genau ausgewertet werden müssten. “Und wir wissen noch nicht, ob der Impfstoff vor der Infektion oder der Erkrankung schützt.” Auch andere Faktoren seien noch unklar, aber “es hat sich zum ersten Mal gezeigt, dass Impfstoff möglich sein kann gegen Covid 19 oder gegen die Infektion”, und zwar mit neuer Technik, die noch nie zuvor zu einem Impfstoff geführt hat. Dann gibt er einen Schnellkurs in Impfkunde für Laien und erklärt wie die RNA mit genetischen Bestandteilen des Virus gegeben wird. “Der Zelle wird quasi ein Kochrezept gegeben: produzier diese Proteine mal, koch mal diese Proteine nach. Das macht die Zelle ganz brav.”

Das Immunsystem entwickele daraufhin eine Abwehr, was geschickt sei, weil die nötigen Proteine nicht mehr kompliziert erst entwickelt werden müssten. Weiterer Vorteil: die Produktion würde unheimlich schnell gehen. Der Nachteil: man braucht eine Kühlkette, da die RNA-Wirkstoffe bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden müssen. Zudem haben, erinnert Streck, auch eine ganze Reihe anderer Impfstoffe gute Ergebnisse gezeigt, “so dass man schon vorsichtig optimistisch sein kann”, auch da man nicht nur von dem einen Impfstoff abhänge.

Vorsichtige Begeisterung auch bei Berlins Regierendem Bürgermeister: “Ich finde atemberaubend, wie schnell die Wissenschaft ist, und wie gut da zusammengearbeitet wird”, sagt Michael Müller (SPD). Bereits im Dezember werde es in Berlin eine entsprechende Infrastruktur geben, so dass pro Tag 20.000 Menschen geimpft werden können, dazu seien auch mehrere dezentrale Impfzentren geplant.

Müller kündigt an, die Impfvergabe zunächst gezielt zu steuern: “Wir planen im Moment mit denen, die besonders gefährdet sind: Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen oder Berufsgruppen aus der Medizin.” Zudem müssten Polizei und Feuerwehr und andere, die die Menschen schützen, Impfangebote bekommen: “Da wird es eine Prioritätenliste geben.”

Aus dem Uniklinikum Essen ist Notfallmedizinerin Carola Holzner zu Gast, die zuletzt auf Facebook ihrem Unverständnis über Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen Luft gemacht hat und auch im Studio ihr 
“absolutes Unverständnis” gegenüber Corona-Leugnern äußert: “Wir arbeiten an der Gesundung der Erkrankten, arbeiten daran, dass sich möglichst wenig Leute infizieren”, sagt sie und fragt sich wie es sein könne, dass es zugleich immer noch Menschen gebe, “die bewusst in Kauf nehmen sich selbst und andere anzustecken, und Maßnahmen die wir alles durch führen sollten mit Füßen treten.” Derzeit beobachte sie in Essen wie vor allem 40- bis 60-Jährige aufgenommen werden und erinnert daran, dass man viele Langzeitfolgen von Covid-19-Erkrankungen noch nicht beurteilen kann.

„Wie geht es uns nach einer Woche im leichten Lockdow?“, fragt Lanz auch Müller, der zugibt: mit Blick auf Kultur und Gastronomie “kann man den ganzen Tag heulen.” Andererseits sei das jetzt schlicht notwendig. “In diesem System robben wir uns immer wieder an Lösungen heran”, sagt Müller, der auch die Corona-App gerne besser genutzt sähe.

Auch Streeck sagt: “Der Lockdown war jetzt gut und richtig, er war das einzige Mittel, das wir in der Situation hatten.” Zugleich wünscht sich der Virologe, dass mehr über Langzeitstrategien nachgedacht werde, darüber “wie man auch im nächsten Jahr damit umgehen kann.”

Unabhängig vom Lockdown habe aber auch die Einsicht der Bürger dazu beigetragen, dass die R-Werte besser werden, meint Streeck: “Die Menschen haben schon mitbekommen, dass es wieder ernster wurde, haben sich zurückgenommen”. Das persönliche Verhalten sei in der Pandemie entscheidend. “Es funktioniert nur wenn wir alle an Bord haben, wenn jeder von uns auch sagt, okay, ich möchte dazu beitragen, möchte dass die Infektionen gestoppt werden.” Das erreicht man Streecks Ansicht nach “besser langfristig über Gebote als über Verbote und Verordnungen.”

Um Einsicht - oder eher deren Mangel - geht es auch als Lanz einen Blick in die USA wirft. Für “wirklich gefährlich” hält der New Yorker ZDF-Korrespondent Johannes Hano die Situation seit Donald Trumps Weigerung das Wahlergebnis anzuerkennen. Er sieht das Risiko eines “Staatsstreichs von oben” und kann schwer nachvollziehen, dass republikanische Senatoren den Amtsinhaber bei seiner derzeitigen Kampagne noch unterstützen. “Da gibt es zum Teil keine rationale Zugänglichkeit mehr,” sagt Hano.

John Bolton, Trumps ehemaliger Sicherheitsberater und einer der laut Lanz “88 Prozent gefeuerten Trump Mitarbeitern”, sieht das etwas anders. Auch er ist nicht ganz sicher, wer Trump am Ende wird überzeugen können, die Wahrheit zu akzeptieren. “Er wird Dolchstoss-Legenden konstruieren, sagen dass er betrogen worden ist, und wird weiterhin versuchen, auf die amerikanische Politik Einfluss zu nehmen”, so der Ex-Sicherheitsberater. Bolton hat aber keinen Zweifel daran, dass die Verfassungsinstitutionen und demokratischen Gerichte der USA garantieren können, “dass am Ende alles seine Ordnung hat.” Und dann werde Biden seine Präsidentschaft antreten können.