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"Markus Lanz" mit Anton Hofreiter: Moment der Wahrheit für die Fleischbranche?

TV-Nachlese zu „Markus Lanz“ : Moment der Wahrheit für die Fleischindustrie?

Der Corona-Skandal im Schlachtbetrieb Tönnies ist der Aufhänger der Talkshow am Dienstag. Der Grünen-Politiker und Biologe Anton Hofreiter hat einen Systemwandel für die Branche im Sinn.

Schweinelendchen und Schweine-Elend: Die Art der Tierhaltung ist nur ein Punkt unter vielen in einer Runde über die Fleischwirtschaft bei „Markus Lanz“ am Dienstagabend. Dabei treten selbst die Coronavirus-Fälle in NRW ein wenig in den Hintergrund.

Die Gäste:

  • Anton Hofreiter (Grüne), Fraktionschef
  • Theo Mettenborg, Bürgermeister von Rheda-Wiedenbrück
  • Martin Stürmer, Virologe
  • Anette Dowideit, Journalistin
  • Sven Becker, Journalist

Darum ging’s:

Von Fleischpreisdruckketten bis zum Agrarlobbyismus diskutieren vor allem Anton Hofreiter und Anette Dowideit. Das Coronavirus bringt dabei vieles ans Licht – auch scheinheilige Argumente.

Der Talkverlauf:

Anton Hofreiter isst gerne Fleisch. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen gibt unumwunden zu, dass er es sich mit seinem Gehalt leisten könne, dabei auf Qualität zu pochen. Aber er findet es unglaublich, dass „total unsoziale Zustände sozial gerechtfertigt werden“. Will heißen: Ein für alle bezahlbares Stück Fleisch soll als Argument gegen eine Verbesserung der unzumutbaren Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen herhalten. Dass das eine schiefe Argumentation ist, sieht auch Moderator Markus Lanz ein.

„Das Virus lenkt ein grelles Licht darauf, wo wir in unserer Gesellschaft unhaltbare Zustände haben“, sagt Hofreiter und weist kurz über den Thementellerrand hinaus nach Göttingen. Dort hatte eine Häufung von Coronavirus-Fällen prekäre Wohnbedingungen in einem Hochhaus zutage gefördert. Aber bei „Markus Lanz“ geht es im größten Teil der Sendung um die Infektionen im Fleischbetrieb Tönnies. In der Sendung schälen vor allem Hofreiter und die Journalistin Anette Dowideit drei Kernprobleme heraus, die die Fleischindustrie prägen: Subunternehmerkonstruktionen, Preisdruck und Lobbyismus.

Dowideit erklärt, dass die wenigsten Arbeiter in Zerlegebetrieben festangestellt und nach Tarif bezahlt werden. Stattdessen heuern Subunternehmer sie in Osteuropa an, zahlen Mindestlohn und ziehen davon noch Abgaben etwa – illegalerweise - für Arbeitskleidung ab, während ein Sub-Subunternehmen die oft unzumutbaren Unterkünfte stellt und dafür ebenfalls abkassiert.

Deshalb fordert Hofreiter zwei gesetzliche Regelungen: Er möchte Werksverträge verbieten und eine Generalunternehmerhaftung für den Arbeitsschutz einführen. Eine solche Generalhaftung sei nicht völlig neu; sie sichere bislang die Zahlung von Sozialabgaben. „Aber im Kern müsste man das ganze System ändern“, sagt Hofreiter.

Jenes „System“ ist seiner Ansicht nach darauf angelegt, Preise zu drücken, und es reicht bis nach Südamerika. Dort werden laut Hofreiter Kleinbauern von Futtermittelkonzernen vertrieben oder sogar ermordet. Landwirte in Europa stünden wegen des Preisdrucks „mit dem Rücken zur Wand“ und griffen in der Tierhaltung zu drastischen Mitteln, um durch immer größere Mengen noch ein Auskommen zu haben. In den Fleischbetrieben würden dann schließlich Menschen ausgebeutet. „Wir haben es mit einem vom Beginn der Kette bis zum Schluss kaputten Wirtschaftszweig zu tun“, sagt Hofreiter.

Lanz lenkt zurück zu den Corona-Fällen in Fleischbetrieben und findet es „so erstaunlich wie eklig“, dass Schweine, die nun plötzlich nicht „verarbeitet“ werden, im Nu ein Problem für die Massentierhaltung darstellen – weil sie mit nur wenig Gewichtszunahme nicht mehr in ihre Box passen. Zulieferbetriebe, die nicht wissen, wohin mit den Schweinen, könnten Dowideit zufolge ein Grund für ein seltsames Verhalten unter Politikern sein. Diese hätten schließlich trotz ihres Wissens um die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie jene zu Beginn der Corona-Krise nicht etwa zur Gefahrenzone erklärt und die Produktion herunterfahren lassen – sondern die Branche explizit als systemrelevant erklärt.

Mit Blick auf die politische Entscheidung räumt Dowideit ein, dass Betriebe wie Marktführer Tönnies viel Gewerbesteuer zahlen. Um Arbeitsplätze könne es in der Argumentation allerdings nicht gehen. Schließlich würden Großschlachtereien für sich reklamieren, sie bräuchten Werksverträge, weil sie keine Arbeiter in Deutschland fänden. „Wenn also bei einer Systemänderung keine Arbeitsplätze wegfallen, wo ist das Problem?“, fragt Dowideit.

Hofreiter hat die Antwort parat: „Das Problem ist die Agrarlobby.“ Bei diesem Thema will Lanz Namen hören, und die bekommt er auch; Dowideit nennt etwa den CSU-Politiker Straubinger. Allerdings lässt Hofreiter einen Satz fallen, der enthüllt, wie wenig sensationell solche Namen sind. „Schauen Sie auf die Personen im Agrarausschuss und welche Rollen sie in der Agrarlobby hatten“, empfiehlt er. „Die CDU/CSU im Agrarausschuss ist der parlamentarische Arm der Agrarindustrie.“