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Markus Lanz: Israels Umgang mit Pandemie und Impfpass

TV-Talk : „Lanz“ nimmt Israels Impfstrategie unter die Lupe

Impfpass, Herdenimmunität, Inzidenzwerte: Die übliche Corona-Diskussion bringt Lanz mit einer Auslandsschalte auf die Frage, welche Lehren sich aus Israels Umgang mit der Pandemie ziehen lassen.

Am Dienstag dreht sich bei „Markus Lanz“ wieder einmal alles ums Coronavirus. Wir haben dabei im Auge behalten, wie die Talkrunde die israelische Strategie bewertet.

 Die Gäste:

 Das Thema Israel im Talkverlauf:

Gleich zu Beginn der Talkshow flimmert ein Foto über den Monitor im Hintergrund: Da wird jemand in einem Möbelhaus geimpft. Moderator Markus Lanz frohlockt, dass die Menschen in Israel längst nicht mehr nur ins Impfzentrum gehen. Der aus dem Land zugeschaltete Korrespondent Michael Bewerunge reagiert etwas verhaltener. Das sei ein „netter Gag“. Und auf jenen wird er später noch zurückkommen.

„So gut wie niemand hat uns gesagt, dass die Vorteile des grünen Passes der Grund für die Impfung ist“, erzählt Bewerunge von Interviews in einem israelischen Impfzentrum. Die Regierung des Landes vergibt nach der zweiten Impfung solche Impfpässe, mit denen unter anderem einen Besuch im Theater, Kino oder Hotel erlaubt ist. Dennoch seien auch für Geimpfte die Abstandsregeln und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Israel Pflicht. Auch seien Flughäfen und Landesgrenzen weiterhin geschlossen. „Die Angst vor Mutanten ist nach wie vor groß“, sagt Bewerunge.

Die großangelegte Impfkampagne Israels kann nach Angaben des Journalisten beachtliche Erfolge vorweisen: Unter den Über-50-Jährigen seien rund 90 Prozent zweimal geimpft, und die Folge sei ein dramatischer Einbruch bei den schweren Fällen. Das Ziel, Alte und Kranke zu schützen sei erreicht, auch die Krankenhäuser seien entlastet. Allerdings hält Bewerunge eine Herdenimmunität auch in Israel für kaum erreichbar, unter anderem, weil Kinder dort noch gar nicht geimpft würden.

„Diese Wurst vor der Nase, von dieser Vorstellung einer Herdenimmunität müssen wir uns lösen“, sagt auch der Virologe Alexander Kekulé. In einem Mix aus Impfungen und hohen Ansteckungszahlen passe ein Virus sich an. Und Israel beeindruckt nicht nur mit der Anzahl der Geimpften in der älteren Bevölkerungsgruppe, sondern auch mit der Anzahl der Ansteckungen. Bewerunge berichtet, die Inzidenz in Israel liege derzeit bei mehr als 200, es gebe „überproportional viele Neuinfektionen“. Nun will Moderator Markus Lanz wissen, ob das vielleicht den Inzidenzwert als Maß aller Dinge in Frage stellt. Aber wie so oft im Zusammenhang mit einer Pandemie: Es ist kompliziert.

Der Virologe Kekulé erklärt, dass sich nach Corona-Maßnahmen meist schnell zeige, welche Auswirkungen diese auf die Inzidenzzahlen habe. „Mit diesen Maßnahmen kommen wir nicht unter 60“, meint er, und für ein Ziel von 35 müsse Deutschland auf jeden Fall nachschärfen. Kekulé plädiert dafür, selektiv vorzugehen und mit einer Mischung aus Schnelltests und Schutzprogrammen bestimmte Bereiche anzugehen, etwa Schulen oder körpernahe Dienstleistungen. Doch von Versprechungen von Schnelltests für Schulen und deren mangelhafter Umsetzung kann die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe, ein Liedchen singen.

Die hohe Inzidenz in Israel erklärt Bewerunge damit, dass sich jüngere, ungeimpfte Israelis in „enormer Intensität“ anstecken, was möglicherweise Rückschlüsse auf die Eigenschaften der zuerst in Großbritannien entdeckten Virusvariante zulässt. Es führe aber auch dazu, dass es nun mehr schwerwiegende Krankheitsverläufe auch unter Jüngeren gebe – allein dadurch, dass es unter ihnen nun viel mehr Infektionen gebe. Ein Ende scheint nicht in Sicht.

„Gerade in dieser Gruppe macht sich leider Impfmüdigkeit breit“, so Bewerunge. Und daher rührten auch die Gags. Als Beispiel dafür nennt er nicht nur den impfmotivierenden Möbelladen, sondern auch Impfungen in Cocktailbars mit Drink nach dem kleinen Pieks. Dieses Vorgehen greift der Journalist Martin Knobbe später auf: Hinter solchen Maßnahmen stecke eine Tatkraft, die er in Deutschland vermisse.

Die israelische Regierung gibt der Bevölkerung allerdings nicht nur fernsehtaugliche Anreize. „Die Rhetorik wird schärfer“, sagt Bewerunge. Der israelische Gesundheitsminister hatte jüngst ominös damit gedroht, Ungeimpfte würden zurückgelassen. Für einen Teil der Bevölkerung bedeuten die Gefahren der Pandemie zudem oft ein Abwägen zwischen den Gesetzen ihres Staates und ihrer Religion – etwa bei jüdisch-orthodoxen Begräbniszeremonien oder bei muslimischen Gebetsriten.

Dennoch hat Kekulé sofort eine Antwort parat auf die Frage, was Deutschland von Israel lernen könne. Man solle alle Über-70-Jährigen konsequent mit mRNA-Impfstoffen impfen, meint der Virologe. „Weil wir damit das Sterben beenden.“