Maischberger: Wird Martin Schulz Angela Merkel gefährlich?

TV-Talk mit Maischberger : Wird Martin Schulz der Kanzlerin gefährlich?

Was bringt der neue SPD-Chef für Deutschland, Europa und die Welt? Das wollte Sandra Maischberger von zwei Journalisten, drei Politikern und einer Putzfrau wissen. Einig wurden die sich logischerweise nicht.

Darum ging's

Ein brillanter Befreiungsschlag oder die Verzweiflungstat einer schwächelnden Volkspartei? Maischberger wollte von ihren Gästen hören, wie sie den Rückzug Gabriels und die Nominierung von Martin Schulz zum neuen Parteichef werten. Taugt er als Herausforderer der Kanzlerin? Geht es um politische Überzeugungen oder um Umfragezahlen? Kann der Europapolitiker die SPD aus dem 20-Prozent-Tief holen?

Darum ging's wirklich

Eine Annäherung an den Politiker Schulz, den viele nur aus dem Europa-Kontext kennen. Die Gäste debattierten, ob der frischen Wind bringt und der SPD in Deutschland neuen Auftrieb geben kann, sie gar zurück zu ihren Wurzeln als Arbeitnehmerpartei führen könne oder wolle. Die Runde besprach auch mögliche Koalitionen, und fragte sich, wie sehr Merkel und die CDU zittern müssen. Die Gäste diskutierten "humane Flüchtlingspolitik", und wie der neue SPD-Chef zur Zuwanderung steht.

Die Gäste

  • Malu Dreyer, Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz, SPD
  • Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende, Die Linke
  • Andreas Scheuer, Generalsekretär der CSU
  • Susanne Neumann, Putzfrau und SPD-Mitglied
  • Hans-Ulrich Jörges, "Stern"
  • Dirk Schümer, Europakorrespondent der "Welt"

Frontverlauf

Wer wusste wann was…? Erst mussten Unmut und Rätseln über Taktik, Zeitpunkt, Stil des Führungswechsels vom Tisch, ehe politische Inhalte besprochen werden konnten. Hans-Ulrich Jörges sagte, der "Stern" habe seit Monaten ein Gabriel-Interview vorbereitet, das sei "redaktionell sehr kompliziert" gewesen, aber zuletzt seien halt am Wochenende der Gabriel-Rückzug und Schulz' Kandidatur "durchgesickert".

Ministerpräsidentin Dreyer aus Rheinland-Pfalz wusste von der Umbesetzung offenbar nichts, fand das aber letztlich sekundär. Gewerkschafterin Susanne Neumann, die als "Deutschlands berühmteste Putzfrau" Schlagzeilen gemacht hatte, war schon erschrocken. Sie fühle sich von den Ereignissen überrumpelt, ziehe aber den Hut vor Gabriel und hoffe, dass die SPD sich an ihre Wurzeln als Arbeiterpartei erinnere. Dafür muss nach ihrer Ansicht "das Führungspersonal ausgewechselt werden". Neumann selbst allerdings würde mit ihrer Mannschaft nicht so umgehen, sagte sie.

Dirk Schümer von der "Welt" gefällt nicht, dass die Wähler kein Mitspracherecht hatten, ihnen jetzt aber ein Schulz präsentiert werde, der nicht die Innenpolitik der letzten Jahre geprägt habe. "Die SPD hatte schon immer Probleme mit demokratischen Wahlen", findet der Journalist.

Dass Gabriel als möglicher künftiger Außenminister eine gute Figur machen würde, wie Dreyer findet, sieht CSU-Mann Andreas Scheuer so gar nicht ein. In einer weltpolitisch angespannten Lage einen Außenminister zu haben, der sich mehr Zeit für die Familie wünsche, sei kaum optimal. "Als wären wir jetzt hier eine Therapeutenrunde für Sigmar Gabriel", stichelt Scheuer und versteckt seine Schadenfreude nicht: "Die SPD-Fraktion am Dienstag, das war wie ein Hühnerhaufen in Panik und Chaos!" Dreyer steigt nicht darauf ein, lobt sich stattdessen selbst und gibt ihrem künftigen Wunschkanzler Rückendeckung, sie sieht "ein gutes Programm mit einem starken Kandidaten." Wie links der eigentlich ist, mag im Verlauf des Abends weder sie noch ein anderer Gast recht beantworten.

Soziale Gerechtigkeit mit Schulz

Maischberger will wissen, ob Schulz' gute Ergebnisse in Meinungsumfragen nun vor allem von der Euphorie für "den Neuen" getragen werden, oder ob Schulz wirklich der SPD mit mehr sozialer Gerechtigkeit in Deutschland Auftrieb geben könne. Dreyer hält ihn, nicht überraschend, für einen "guten Kandidaten, der die Partei mit Stärke führen kann". Wagenknecht glaubt nicht daran: "Die SPD muss ihren Grundkurs verändern, denn die SPD ist ja nicht im Keller, weil Sigmar Gabriel unzufrieden ist." Dass soziale Gerechtigkeit weit oben in Schulz' Programm stehen sollte, findet nicht nur Susi Neumann. Auch Sahra Wagenknecht wünscht sich, endlich mal wieder Unterschiede zwischen den großen Parteien zu sehen.

Wie gut ist ein Europaprofi für Deutschland?

Andi Scheurer wiederholt ein paar Mal, dass Schulz ohnehin nur in einem Rot-Rot-Grünen Bündnis Chancen habe Kanzler zu werden - in seinen Augen logischerweise keine schöne Vision — und erinnert daran, dass man nichts über die Befähigung des SPD-Manns als Kanzler für Deutschland wisse: Innenpolitisch habe Schulz keine Kompetenz, "weil er da eine weiße Leinwand ist." Wagenknecht findet bedenklich, wie gut der Europa-Veteran mit rechten Führern in Europa klar gekommen sei. Eindeutig Auslegungssache: Was für die Linke von einem Mangel an Glaubwürdigkeit zeugt, ist für Dreyer staatsmännische Erfahrung.

"Welt"-Journalist Schümer ist da skeptisch "Schulz ist in Brüssel nicht durchgekommen mit seinen Ideen und versucht es jetzt in Berlin", analysiert der Korrespondent, der den mehrprachigen Schulz lieber weiterhin in Brüssel gesehen hätte. "Das ist für ihn schade und ein Schritt zurück."

Autokratenbarometer

In drei Etappen, so "Stern"-Mann Jörges, werde sich dieses Jahr zeigen, ob Populisten und Autokraten oder eher die Besonnenheit gewinnt: und zwar während der Wahlen in Holland, Frankreich und Deutschland. Jörges ist sicher, dass die Populisten verlieren, gerade angesichts der Weltereignisse um Trump, die vielen die Augen öffneten. Und er wünscht sich natürlich einen interessanten Wahlkampf: Er hofft "dass wir echte inhaltliche Auseinandersetzungen zwischen den großen Parteien bekommen und nicht der AfD in die Karten spielen." Susi Neumann hingegen hat doch etwas "Schiss, dass die AFD profitiert", hofft aber auf Schulz als starke Figur.

Dreyer bringt es auf eine menschliche Formel: "Es geht doch um die schlichte Frage: Wem vertrauen die Menschen?" Ihre Hoffnung: "für ein freies, offenes Europa zu kämpfen", denn dafür stehe die SPD. Susi Neumann hält auch nichts von großen Koalitionen, sie hat zum Schluss noch einen pragmatischen Rat für den neuen Parteivorsitzenden parat: Er soll halt keine gemeinsame Sache mit "mit den Schwatten" machen.

Fazit

Eine herzhafte Diskussion. Vielleicht behält Hans-Ulrich Jörges recht, wenn er hofft, dass mit Martin Schulz gegen Angela Merkel der Wahlkampf richtig spannend werden kann.

Hier können Sie die gesamte Sendung online sehen.

(juju)
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