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"Maischberger" mit Lauterbach: "Wir müssen diesmal den Kindern mehr Priorität geben"

Karl Lauterbach bei Maischberger : “Wir müssen diesmal den Kindern mehr Priorität geben“

Nach kurzer Sommerpause holt Maischberger weit aus - und bekommt reichlich Rat: Lauterbach nennt Gespräche über Fussballstadien „völlig frivol“, Boris Palmer rät zu Verhältnismäßigkeit und Günter Wallraff zu verdeckten Ermittlern in Schlachthöfen.

Darum ging es

Nach den Corona-Protesten in Berlin und anderen Städten bittet Sandra Maischberger ihre Gäste um Meinungen zu den Demonstrationen. Über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie spricht sie in “Maischberger - Die Woche” mit Karl Lauterbach und Boris Palmer. Und auch die Fleischindustrie ist wieder dran.

Die Gäste

  • Karl Lauterbach, Epidemiologe, SPD
  • Boris Palmer, Tübinger Oberbürgermeister, Bündnis 90/Die Grünen
  • Rainer Hank, Wirtschaftsjournalist, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
  • Düzen Tekkal, Journalistin und Autorin
  • Günter Wallraff, Investigativ-Reporter

Der Talkverlauf

Zum Gewinner der Woche kürt Journalist Hank zum Auftakt Markus Söder: das sei mal ein Bayer, der sich mit “law and order” sogar beliebt mache. Sogar seine linken Freunde in Frankfurt könnten Söder derzeit etwas abgewinnen. Zu dessen eigener Überraschung stimmt ihm da sogar Günter Wallraff zu: Söder schaffe Vertrauen und sei derzeit “durchaus vernunftgeleitet”. Als Bundeskanzler möchte er ihn sich dennoch nicht vorstellen.

Für Düzen Tekkal ist die Gewinnerin der Woche klar die Meinungsfreiheit: Sie freue sich in einem Land zu leben, in dem auch Corona-Leugner auf die Straße gehen können und eröffnet damit die Einschätzung der Demonstration in Berlin. Sie beunruhigt “Die um sich greifende Lust auf Unwahrheit” beunruhigt sie, aber sie mag die Demonstranten nicht alle über einen Kamm scheren oder sie „Covidioten“ nennen, wie das Saskia Esken in einem Twitter getan hat.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="de" dir="ltr">&quot;Das ist mir zu apokalyptisch!&quot; Was <a href="https://twitter.com/ob_palmer?ref_src=twsrc%5Etfw">@ob_palmer</a> an den öffentlichen <a href="https://twitter.com/hashtag/ZweiteWelle?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#ZweiteWelle</a>-Warnungen von <a href="https://twitter.com/Karl_Lauterbach?ref_src=twsrc%5Etfw">@Karl_Lauterbach</a> stört – und warum er nicht nach einer &quot;Methode Lauterbach&quot; leben will. <a href="https://twitter.com/DasErste?ref_src=twsrc%5Etfw">@DasErste</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/maischberger?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#maischberger</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Palmer?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Palmer</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Lauterbach?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Lauterbach</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Corona?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Corona</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Covid19?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Covid19</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Shutdown?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Shutdown</a> <a href="https://t.co/Ed1ApqMMoz">pic.twitter.com/Ed1ApqMMoz</a></p>&mdash; Maischberger (@maischberger) <a href="https://twitter.com/maischberger/status/1291124953174224896?ref_src=twsrc%5Etfw">August 5, 2020</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Auch Wallraff rät Politikern, die Protestierenden ernst zu nehmen. Er sieht “ein Konglomerat von Verängstigten, Verwirrten und Verhetzten”, geleitet würden die allerdings von Verschwörungstheoretikern, von Hass, von Antisemiten und Antidemokraten. Für die “Masse der Mitläufer” hat er ein Rezept parat: “Denen muss man kostenlose Zeitungsabos geben.”

Einander gegenüber sitzen sich Karl Lauterbach und Boris Palmer, die Strategien für eine mögliche zweite Cornavirus-Welle diskutieren sollen. Für den SPD-Politiker ist eindeutig. “Wir sind am Anfang der zweiten Welle.” Jetzt müsse man überlegen, wie man damit umgehen solle. Mit einem Blick auf Entwicklungen in Japan oder Israel warnt er: “Wir können in wenigen Wochen wieder da sein, wo wir im März waren.” Rückblickend findet er, man hätte die Maskenpflicht früher als Schlüsselelement erkennen müssen. Dass über Bussgeld nachgedacht wird, hält er für richtig: “Wenn wir Andere gefährden, sind drastische Strafen gerechtfertigt.”

Auch Palmer sieht Masken als das kleinere Übel, in Tübinger Bussen regele man das Problem, indem der Bus nicht weiterfahre, wenn jemand ohne Maske einsteigen wolle. Abends und in “Partybussen” unterstützten Sicherheitsleute die Busfahrer. Weniger behagen ihm Lauterbachs Ansichten zu steigenden Infektionszahlen “Ich bin nicht sicher, dass wir vor einer zweiten Welle stehen”, sagt der Grünen-Politiker. Vor allem ist ihm Lauterbachs Warnton zu “apokalyptisch und zu apodiktisch”. “Ich finde das demoralisierend”, sagt er. Bei ihm sei von den Ansagen des Epidemiologen vor allem hängen geblieben: “In den nächsten 18 Monaten muss nach der Methode Lauterbach gelebt werden mit viel Shutdown.”

Er hätte sich gewünscht, dass er auch mal eingeräumt hätte, er habe sich geirrt - etwa als Lauterbach im Mai noch zwei Monate Shutdown angekündigt habe, die von ihm prognostizierte zweite Welle im Mai oder Juni dann aber nicht kam. Immerhin stimmt er Lauterbach in einer Warnung zu: “Heute bin ich bei Ihnen, wir müssen jetzt vorsichtig sein, wir sind zu nachlässig geworden.” Lauterbach will von der Apokalypse nichts wissen und schimpft: “Es gibt keine Methode Lauterbach!”

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="de" dir="ltr">&quot;Vollkommen frivol und unangemessen!&quot; Deutliche Worte von <a href="https://twitter.com/Karl_Lauterbach?ref_src=twsrc%5Etfw">@Karl_Lauterbach</a> über die Pläne der <a href="https://twitter.com/hashtag/DFL?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#DFL</a>, schon bald wieder vor gefüllten Rängen zu spielen. Warum dies der denkbar unpassendste Zeitpunkt für solche Vorstöße ist. <a href="https://twitter.com/DasErste?ref_src=twsrc%5Etfw">@DasErste</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/maischberger?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#maischberger</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Bundesliga?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Bundesliga</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Corona?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Corona</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Geisterspiele?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#Geisterspiele</a> <a href="https://t.co/jQc5eHYD7z">pic.twitter.com/jQc5eHYD7z</a></p>&mdash; Maischberger (@maischberger) <a href="https://twitter.com/maischberger/status/1291127962021048321?ref_src=twsrc%5Etfw">August 5, 2020</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Er habe stets nach bestem Wissen und Gewissen im Konsens mit vielen Wissenschaftlern aus vielen Disziplinen gesprochen. Auch habe nie von einer zweiten Welle Mai gewarnt, sondern nur vorgeschlagen, den Lockdown etwas länger auszudehnen. Bei den künftigen Maßnahmen gehe es vor allem um Fragen der Verhältnismäßigkeit - Der leichte Anstieg der Infektionszahlen sei da, noch lägen sie unter Tausend mit einem R-Wert knapp über 1. “Wenn man das acht Wochen nach vorne rechnet, wären wir wieder da wo wir im März waren”, warnt er. Die Cluster-Strategie, über die Christian Drosten in der “Zeit” geschrieben habe, sei auf jeden Fall wert, verfolgt zu werden.

Dringend notwendig ist Lauterbach zufolge vor allem, dass Kinder unterrichtet werden, auch wenn man sich dafür vielleicht bei Festen und Feiern etwas einschränken müsse. Nur im Notfall solle der Schulbesuch mit Maske ablaufen müssen. Palmer sagt: “Infektionsketten sind beherrschbarer wenn wir die Zahl der Kinder die gleichzeitig anwesend sind limitieren.” Idealerweise wären die Klassen klein, und Anwesenheit gemischt mit Videounterricht.

Als Sandra Maischberger die Fussballsaison ins Gespräch bringt, platzt Lauterbach der Kragen: Über Fussball in Stadien zu sprechen, sei “zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht angemessen”, wettert er, es gelte jetzt mal, andere Prioritäten zu setzen. Sich vor Beginn einer zweiten Welle Gedanken zu machen, ob man vor 25.000 Leuten Fussball spielt, disqualifiziert er als “unmögliches Konzept”. “Das finde ich vollkommen frivol und unangemessen.” In den nächsten Monaten werde die Öffnung der Schulen konkurrieren mit der Öffnung der Wirtschaft oder auch mit Fussballveranstaltungen. In seinen Augen ist klar, wer Vorrang haben soll: “Wir müssen diesmal den Kindern mehr Priorität geben als in der ersten Welle.”

Palmer stimmt ihm einerseits zu: Ja, Kinder und Familien hätten eine große Last getragen. Zugleich mahnt er, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen abzuwägen. Für arme Kinder, das habe ein Unicef-Bericht bestätigt, sei die Bekämpfung von Corona schlimmer als die Krankheit selbst. Ein weiterer kompletter Lockdown müsse unbedingt vermieden werden. Der Grüne setzt auf zielgerichtete Maßnahmen wie er sie in Tübingen erprobt: Dort dürften alte Menschen gratis Taxi fahren, um sie in Bussen nicht zu gefährden, Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen werde regelmäßig getestet.

Lauterbach will sich auf Schuldzuweisungen und Kritik an Schutzmaßnahmen nicht einlassen: “Kinder die jetzt an Hunger sterben, werden nicht ‘geopfert’, sondern sie sterben aus dem Chaos heraus in Ländern, wo die Krankheit wütet.” Und es werde durchaus versucht, das zu verhindern. Dann wird der Epidemiologe noch einmal grundsätzlich: “Wenn wir jetzt nichts täten, wenn wir diese Krankheit laufen ließen, dann würden in kurzer Zeit alleine in Europa 500.000 Menschen sterben.”
Zuletzt darf Günter Wallraff noch zur Situation in Deutschlands Schlachthöfen im Allgemeinen und bei Tönnies im Besonderen ausholen: Mit Werkverträgen würde der Unternehmer seine Verantwortung auf Subunternehmer verlagern. Die holten dann Landsleute aus Rumänien und Bulgarien und ließen sie “unter unvorstellbaren Bedingungen Fronarbeit” leisten. Dass Leiharbeit abgeschafft werde, sei längst überfällig, denn da werde täglich gegen den Artikel 1 des Grundgesetzes “Die Würde des Menschen ist unantastbar”” verstoßen. Nun sollten neue Gesetze das verhindern, doch Wallraff fürchtet, dass der Unternehmer die umgeht und rät zum Verfassungsschutz: “Da bräuchte es fast verdeckte Ermittler.”