Wirtschaftsminister bei „Lanz“ Habeck würde die „One Love”-Binde bei der WM tragen

Hamburg · Von der „One Love“-Binde zur Gashamsterei: Moderator Markus Lanz hat viel zu sagen in seiner eigenen Talkshow. Der aus Berlin zugeschaltete Wirtschaftsminister Robert Habeck kommt zuweilen auch zu Wort.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei „Markus Lanz“ am 22. November 2022.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bei „Markus Lanz“ am 22. November 2022.

Foto: ZDF

Weil WM-Gastgeber Katar unter anderem wegen der Missachtung von Menschenrechtsstandards in der Kritik steht, gibt es auch in Talkshows viel zu diskutieren. Bei „Markus Lanz“ geht es am Dienstagabend zunächst einmal um die „One Love“-Armbinde: Mehrere europäische Nationalmannschaften wollten sie bei der WM als Symbol für Gleichberechtigung, Diskriminierungs- und Meinungsfreiheit tragen. Diese Entscheidung ist seit September bekannt. Doch erst am Montag kündigte die Fifa Strafmaßnahmen für das Tragen der Binde an.

Darüber spricht Moderator Markus Lanz zunächst mit der Journalistin Golineh Atai und dem Journalisten Thomas Kistner, und das Gespräch weitet sich auf die Fußball-WM allgemein und auf Katar aus, bis Robert Habeck aus Berlin zugeschaltet wird. Nun soll der Wirtschaftsminister mit Blick auf das arabische Land nicht etwa über Geld, Gas und Arbeitsbedingungen sprechen, sondern über die „One Love“-Armbinde.

Habeck betont zunächst mehrfach, er sei weder ein Sportler noch ein PR-Berater der Sportfunktionäre, sondern Politiker. Am Ende bekundet er, er würde die Armbinde trotz der angedrohten Fifa-Sanktionen tragen, wäre er an der Stelle von DFB-Kapitän Manuel Neuer.

Lanz will daraus sogleich ein „anarchisches Momentum“ vonseiten eines Vizekanzlers konstruieren, doch Habeck winkt ab. Er gebe nur seine Beobachtung der Diskussion wieder, betont der Minister.

Dabei interessieren ihn offenbar besonders die Protestformen. Habeck sagte, er erinnere sich an Proteste, die ikonisch geworden seien und etwas verändert hätten. Als Beispiel nennt er den Kniefall des damaligen US-Football-Profis Colin Kaepernick 2016 als Zeichen gegen Rassismus. Danach habe es breiter angelegte Proteste gegen Rassismus im Sport gegeben.

„Das Besondere ist doch, dass die WM in Katar anders als frühere Turniere politisch ist“, sagt Habeck. Es gebe in der Gesellschaft keine unpolitische Wirtschaft mehr, keine unpolitische Energiepolitik mehr, und nun auch keinen unpolitischen Sport mehr. „Dann fragt man sich natürlich auch, wie würde man in der Situation agieren.“ Zwar könne er nicht für andere sprechen, aber es sei klar, was nahe liege. „Ich wäre interessiert zu sehen, was der Schiedsrichter macht, wenn da einer mit der Binde rumkommt“, sagt der Grünen-Politiker.

Nach Habecks Verständnis wäre das Tragen der „One Love“-Binde „ein moderater Protest“. Für diese Einordnung findet er sogleich einen Vergleich. Es handele sich schließlich um eine Binde und nicht um eine „elaborierte“ Protestform wie etwa bei den Klimaaktivisten der Letzten Generation, sagt der Minister, der im Kabinett auch für den Klimaschutz zuständig ist.

Lanz klebt allerdings noch am Kniefall-Bild. Mit blitzenden Augen beschreibt der Moderator ein anderes Bild, an das er sich nach eigener Aussage nun erst erinnert fühlt, das die Redaktion der Sendung aber bereits parat hat und einblendet: Die Verbeugung des Wirtschaftsministers „vor dem Emir“. Mit dieser Formulierung bezieht sich der Moderator auf Habecks Besuch in Katar im Bemühen der Bundesregierung um Lieferquellen für Flüssiggas. „Wie gehen wir um mit diesen neuen Abhängigkeiten?“, fragt Lanz.

Habeck findet die Abhängigkeit gar nicht so neu. Er erinnert an die Ölkrise vor rund 50 Jahren, „als auch aus politischen Gründen die Energiezufuhr nach Europa gedrosselt und eingestellt wurde“. Daraus zieht der Grünen-Politiker den Schluss, Europa habe sich „nicht so richtig“ unabhängig von fossilen Energien gemacht.

Mit Blick auf die aktuelle Lage räumt Habeck ein: „Die Energiepreise sind immer noch zu hoch.“ Dennoch seien einige Dinge richtig gemacht worden – von der „kollektiven politischen Kraft, die dieses Land in der Lage ist, aufzubringen“. Doch als Habeck ein Gespräch über konkrete Maßnahmen anstimmt, stoppt ihn Lanz. Er wolle über die „Moral und Doppelmoral“ sprechen. Dabei wirft Lanz der EU „Gashamsterei auf dem Rücken des globalen Südens“ vor und hält eine Art Leitartikelrede.

Habeck versucht erst gar nicht, den Vorwurf abzuwehren. „Deutschland ist Auslöser dieser Krise gewesen, nicht alleiniger Auslöser, aber maßgeblicher“, sagt Habeck. Er erläutert, dass Deutschland die Hälfte der Gaslieferungen weggebrochen sei, während andere Länder der EU weitaus weniger von Lieferungen aus Russland abhängig waren. Dann beschreibt Habeck eher die Folgen, als Auswege aufzuzeigen. Mit den Gaseinkäufen habe man auch eine „Spekulationsblase“ verursacht, so der Grünen-Politiker. Nun sehe man am Stau der Gastanker vor der iberischen Küste, dass eigentlich genug Gas vorhanden wäre, um etwa asiatische Länder wie Bangladesh und Pakistan zu beliefern. „Die hohen Preise, die wir in Europa zu zahlen bereit sind, ziehen die Tanker an.“

Den Hunger nach Gas sieht Habeck auch in einem anderen Punkt kritisch. Er führe zur Erschließung neuer Gasfelder, und: „Wir müssen aufpassen, dass wir die Klimaziele nicht komplett schreddern durch das Erschließen von neuen Gasfeldern.“ Um die Energiepreise zu verringern, müsse der Markt wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden, so Habeck. Er äußert die Hoffnung, das Preisniveau werde sich mit dem Ende des Winters normalisieren.

In einem der auffällig langen Redebeiträge des Moderators, der früher vor allem Fragen stellte oder seine Gäste unterbrach, stehen Vorwürfe gegenüber der Subventionspolitik der US-Regierung im Mittelpunkt. „Jetzt rumzuheulen hat ja auch keinen Sinn“, sagt Habeck, als er zu Wort kommt. Der Wirtschaftsminister versucht, die drei Möglichkeiten der EU zum Gegensteuern zu beschreiben. Dabei betont Habeck, ein Handelskrieg mit den USA sei nach Möglichkeit zu vermeiden. Derweil wiederholt Lanz seine Kritik am Klima-Konjunkturpaket der USA.

Schließlich erklärt Habeck dem Moderator, das Geld sei gar nicht so entscheidend. Habeck vergleicht das 400-Milliarden-Dollar-Paket der US-Regierung mit dem Transformationsbudget seines Ministeriums, das 200 Milliarden Euro betrage – und nur ein EU-Land betreffe. „Aber wir brauchen echt lange, bis das Geld ausgegeben wird“, formuliert der Wirtschaftsminister seine eigene Kritik. Dafür seien unter anderem Prüfverfahren verantwortlich, die wiederum ihren Sinn hätten. Denn: In einem gemeinsamen Binnenmarkt dürften die einzelnen „Länder in unterschiedlichen Förderkulissen sich nicht gegenseitig die Industrie klauen und sozusagen wegsubventionieren“.

(peng)
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