Kritik an Berichterstattung: ARD räumt Versäumnisse zu Notre-Dame-Brand ein

Nachrichtenkanal gefordert : ARD räumt Versäumnisse bei Notre-Dame-Brand-Berichterstattung ein

An der Berichterstattung von ARD und ZDF rund um den Brand in der Notre-Dame kam massive Kritik auf. Jetzt hat sich der ARD-Vorsitzende geäußert.

Die ARD hat Versäumnisse bei der Berichterstattung über den Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris eingeräumt. Es wäre sinnvoll gewesen, um 21 Uhr eine zusätzliche „Tagesschau“-Ausgabe anzubieten, sagte der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm am Mittwoch nach einer Intendanten-Konferenz in Hamburg. Unterdessen ging die von Ulrich Deppendorf und weiteren früheren ARD-Journalisten angestoßene Diskussion über einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal weiter (hier mehr über die Kritik des ehemaligen Chefredakteurs der ARD nachlesen). Sie hatten eine unzureichende Berichterstattung der Sender über die brennende Kathedrale kritisiert.

Wilhelm erklärte, dass die „Tagesschau“ um 20 Uhr mit der Anklage gegen den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn und nicht mit dem Brand begonnen habe, sei keine redaktionelle Wertung gewesen. Der Beitrag aus Paris sei nach einer Aktualisierung erst um 19.59 Uhr fertig gewesen.

ARD-Programmdirektor Volker Herres verteidigte die Entscheidung, keinen „Brennpunkt“ nach der „Tagesschau“ zu senden. Es habe zu diesem Zeitpunkt keine zusätzlichen Informationen gegeben, die einen Mehrwert gegenüber der „Tagesschau“ gebracht hätten: „Im Ergebnis hätten wir eine brennende Kirche zeigen können.“ Es sei auch nicht Aufgabe der ARD, Gerüchten und Verschwörungstheorien nachzugehen, die bereits frühzeitig im Netz kursierten. Die Frage, ob ein Laufband mit aktuellen Nachrichten eingeblendet werde, entscheide die Redaktion von ARD-aktuell eigenständig.

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm. Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Ein öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal wäre nach Ansicht des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) ein sinnvoller Beitrag zur Weiterentwicklung des Rundfunksystems. Für ein solches Angebot hatte sich angesichts der Berichterstattung über den Brand in Paris der frühere ARD-Chefredakteur Ulrich Deppendorf ausgesprochen. Der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall sagte am Mittwoch in Berlin, er wolle sich keiner Kollegenschelte anschließen, fordere aber, aus der Senderstruktur konstruktive Konsequenzen zu ziehen.

Schnelle Informationen und Interviews mit sachkundigen Gesprächspartnern seien nur von internationalen Sendern wie CNN geboten worden, nicht jedoch von der ARD, hatten der frühere ARD-Chefredakteur Deppendorf und weitere renommierte Journalisten erklärt. Dem „Tagesspiegel“ (Online) sagte Deppendorf, die Intendanten müssten entscheiden, dass bei solchen Ereignissen Information absoluten Vorrang habe, und dann aber auch im Ersten die Möglichkeit dazu schaffen. Deppendorf sprach sich zugleich für einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal aus.

Der DJV-Vorsitzende erklärte, wie schnell und in welchem Umfang über herausragende zeitgeschichtliche Ereignisse berichtet werde, dürfe nicht davon abhängen, ob und wie schnell Intendanten und Chefredakteure der ARD-Anstalten Konsens erzielten: „Mit solchen Strukturen lässt sich Erzählfernsehen betreiben, aber nicht ein interessantes und aktuelles Nachrichtenangebot liefern“, kritisierte Überall.

Für einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal seien der politische Wille der Intendanten und eine hinreichende Finanz- und Personalausstattung erforderlich. „An gut ausgebildeten und leistungswilligen Journalistinnen und Journalisten besteht kein Mangel. Entscheidend ist der Wille der Verantwortlichen, die Anstalten fitzumachen für den Medienwettbewerb in der digitalen Welt“, unterstrich Überall.

Der ARD-Vorsitzende Wilhelm sagte vor Journalisten in Hamburg zum Thema öffentlich-rechtlicher Nachrichtensender, er würde sich ja gerne dafür starkmachen, aber leider zögen die Bundesländer nicht mit. Ohne Auftrag der Politik könne er da nichts machen, sagte Wilhelm.

(mja/epd)
Mehr von RP ONLINE