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Uli Hoeneß und Co. beim ZDF-Talk: Krise 2.0 mit Maybrit Illner

Uli Hoeneß und Co. beim ZDF-Talk : Krise 2.0 mit Maybrit Illner

Düsseldorf (RPO). Noch eine Talkshow über die Krise? Braucht man die wirklich? Bei Maybrit Illner ruhte der Daumen jederzeit abschaltbereit auf der Fernbedienung. Doch plötzlich war der einstündige ZDF-Talk mit Uli Hoeneß und Co. vorbei. Das Gerät lief noch und eingeatmet hatte man eine Art Krise 2.0.

Neben dem Bayern-Manager Uli Hoeneß durfte sich sein Lieblingsfeind Oskar Lafontaine (Die Linke) ereifern, gegenüber fochten Wirtschaftsminister zu Guttenberg (CSU), Bestseller-Autor Richard David Precht ("Wer bin ich - und wenn ja wie viele") sowie Hans-Ulrich Jörges aus der Chefredaktion des "Stern" mit dem Florett der Worte.

Fussball 1. Bundesliga 13. Spieltag, Borussia Moenchengladbach - FC Bayern Muenchen, Samstag (15.11.08), Stadion im Borussia-Park, Moenchengladbach: Bayerns Manager Uli Hoeness. Das Spiel endete 2:2. Achtung Bildredaktionen: Die Verwendung der Bilder fuer die gedruckten Ausgaben der Zeitungen und andere Print-Medien ist ohne Einschraenkungen moeglich. Die DFL erlaubt ausserdem die Publikation und Weiterverwertung von maximal sechs Bildern pro Spiel im Internet. Eine Weiterverwertung im IPTV, Mobilfunk und durch sonstige neue Technologien ist erst 2 Stunden nach Spielende der jeweiligen Wettbewerbsspiele der Bundesliga und 2. Bundesliga erlaubt ! Foto: ddp, ddp

"Berlin-Mitte" stand in Anlehnung an das Hoeneß-Zitat der Vorwoche unter dem Titel "Vater Staat als Mutter Teresa?". Man dachte ja, man hätte alles zur Krise gehört: Gierige Manager, verlotterte Moral, gesellschaftliche Verwerfungen — kurz: der Untergang des Abendlandes und so. Aber es kam anders. Die Runde eröffnete neue Horizonte, rhetorisch streckenweise so brillant und amüsant, dass es ein Genuss war zuzuhören und selbst der ewige Populist und Selbstdarsteller Oskar Lafontaine zum Schweigen gebracht werden konnte.

Dank Richard David Precht erfuhr man, dass es möglich wäre, die Krise aus dem Wahlgezänk herauszuhalten: "Der Bundespräsident müsste den Vorschlag machen, die Wahl um zwei Jahre zu verschieben", zauberte der Erfolgsautor einen Vorschlag aus dem Hut, der die Runde kurz staunen ließ. Dann sei endlich Ruhe und die Kräfte könnten wieder gebündelt werden. Vermutlich sprach Precht dem Wahlvolk aus dem Herzen, das gegenwärtig erleben muss, wie die Gewerkschaften aus Sorge um die Arbeitsplätze erst die SPD, dann die CDU und schließlich Kanzlerin Merkel vor sich hertreibt und dabei gnadenlos den Umstand der bevorstehenden Wahlen ausnutzt.

Dank Hans-Ulrich Jörges erfuhr man, dass die Banken gegenwärtig ihr Geld dadurch verdienen, dass der Staat Schulden machen muss, indem sie dessen Anleihen kaufen. Das sei ebenso skandalös wie die Tatsache, dass sich trotz aller gegenteiligen Beschwörungen noch nichts am Finanzsystem geändert hat: "Nach wie vor ist die Bankenaufsicht in Deutschland zweigeteilt und die Bafin ist wie gelähmt, wenn man von ihr die Herausgabe der Akten zur Hypo Real Estate verlangt", schimpfte der Stern-Chefredakteur.

Insolvenz-Faustpfand verteidigt

Dank Wirtschaftsminister zu Guttenberg erfuhr man, dass es eine wohldurchdachte Strategie sein kann, eine Opel-Insolvenz als Drohkulisse aufzubauen, um Druck auf mögliche Investoren und vor allem auf General Motors und die US-Finanzverantwortlichen auszuüben: "Ich bleibe dabei, dass diese Vorgehensweise ist, damit nicht auch noch unsere Steuergelder in die USA abfließen", parierte zu Guttenberg erfolgreich alle Angriffe von Oskar Lafonfainte. Überhaupt schien der CSU-Politiker nach dem nächtlichen Verhandlungsmarathon um Opel besonders gut in Form, denn mehr als einmal brachte er Lafontaine zur Raison.

Dank Lafontaine wiederum erfuhr man, dass es durchaus Möglichkeiten gebe, die sperrigen Banken zur verpflichten, ihre Zinsen zu senken, damit dringend benötigtes Kapital dem Wirtschaftskreislauf zugeführt wird: "Dann könnten die Unternehmen auch ihren Aufgaben wieder nachkommen", betonte der Linken-Chef und da traf er sogar auf Zustimmung seines Nachbarn Uli Hoeneß. Überhaupt förderte der Illner-Talk überraschend viele Übereinstimmungen der beiden verfeindeten Alpha-Tiere zutage.

Hoeneß attackiert Fußball-Despoten

Dank des weitsichtigen Bayern-Managers erfuhr man ferner, dass ein hausgemachtes Problem drohe, wenn die Wirtschaft tatsächlich wieder anspringe, den Betrieben jedoch die Kredite fehlten, um ihre Geschäfte vorzufinanzieren: "Schon jetzt fahren deswegen viele Unternehmen an die Wand. Das kann nicht sein", kritisierte Hoeneß. Der Fußball sei im übrigen ein Spiegel der Finanzkrise. Auch er werde inzwischen von von Spekulanten beherrscht, so Hoeneß. Allerdings werde die Bundesliga am Ende besser dastehen, weil genau jene Club-Despoten fehlten.

So verabschiedete Maybrit Illner trotz Oskar Lafontaine eine überraschend versöhnliche Runde in die Nacht. Und wer zuletzt ein bisschen Krisen-gelangweilt war, fühlte sich in politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und sogar in sportlicher Hinsicht wieder auf den neuesten Stand der Dinge gebracht.