TV-Kritik "Circus HalliGalli": Joko und Klaas vergeigen auch den zweiten Versuch

TV-Kritik "Circus HalliGalli": Joko und Klaas vergeigen auch den zweiten Versuch

Es hätte ja so schön sein können. Da engagiert ein großer TV-Sender, in diesem Fall Pro Sieben, zwei junge Typen, die mit ihren Sendungen jahrelang versteckt im Musik- und Spartenfernsehen ordentliche Quoten erzielt haben, und plötzlich ist die Lücke geschlossen, die es in Deutschland schon seit Jahren gibt. Das Problem: Joko Winterscheidt (34) und Klaas Heufer-Umlauf (29) sind nicht die neuen deutschen Super-Moderatoren, zu denen sie erklärt worden sind. Zumindest noch nicht.

Dabei scheitern die ehemaligen Viva- und MTV- und ZDFneo-Moderatoren mit ihrer neuen Sendung "Circus HalliGalli" auch mit ihrer zweiten Sendung vor allem an den Erwartungen, die alle an sie richten. Diese beiden Lausbuben sollen also die Rettung des deutschen Moderatoren-Dilemmas sein? Das kann ja gar nicht gut gehen.

Kann es doch, aber sicher nicht in der ersten oder zweiten oder dritten oder vierten Sendung. Dafür sind Joko und Klaas noch zu unerfahren, was die große Bühne angeht. Dass einstudierte Gags im Studio nicht mehr ziehen, musste ja sogar der große Harald Schmidt irgendwann erfahren - und hört trotzdem nicht damit auf.

Einstudierte Gags ziehen nicht

Und seine Nachfolger machen den gleichen Fehler. Klaas zeigt ein Bild vom extrovertierten Ex-Basketball-Star Dennis Rodman, der Nordkoreas Führer Kim Jong Un besuchte. Joko: "Als ich das Bild zum ersten Mal sah, dachte ich: ,Ah, guck' mal, neue Bilder von Rush Hour 4.'" Lahm. Klaas: "In Nordkorea dachten die bei Rodmans Besuch bestimmt: ,Hat der Barack Obama die Haare ein bisschen anders.'" Auch lahm.

Die Moderation im Studio war aber ohnehin nie die Stärke des Duos. Das war sie nicht bei der Sendung "MTV Home", das war sie nicht bei "Neo Paradise", und das wird sie auch nicht bei "Circus HalliGalli". Dafür sind sie auch zu sehr gebunden an die Regeln, die die Gäste aufstellen. Auch Anke Engelke und Bjarne Mädel (der Ernie aus "Stromberg") wollen natürlich in erster Linie über ihr neues Projekt sprechen. Sie haben einen Film ("Sightseers") synchronisiert. Aber was fragt man da? "Steckt irgendwas von dieser Rolle auch in euch?" Weder für die Fragen noch für die Antworten interessiert sich irgendjemand - es geht ja auch nur darum, einem breiten Publikum in der werberelevanten Zielgruppe kurz mitzuteilen, dass sie doch bitte ins Kino gehen oder eine CD bestellen oder ein Buch kaufen sollen.

Die Sendungen von Joko und Klaas lebten immer schon von ihren Einspielern. Von dem Mist, den die beiden Jungs irgendwo verzapft haben. Von den Aktionen, die man selbst als Jugendlicher, in seinen Zwanzigern oder Anfang-Dreißigern gerissen hat. Davon, wie man dem Kumpel, den man ja eigentlich mag, noch etwas Gemeineres antut als es umgekehrt der Fall ist.

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"Die Ja-Sager" lässt zu wünschen übrig

Doch auch wenn "Die Ja-Sager" eine zwar nicht neue, aber hübsche Idee ist - so witzig, wie in den etlichen Vorschauen versprochen, war auch der zweite Teil des Spiels nicht: Klaas (verkleidet als Harry Potter) und Joko (verkleidet als irgendwas mit langen Haaren und Joggingjacke) müssen rund um den Kölner Rosenmontagszug alle Fragen, die ihnen gestellt werden, mit "Ja" beantworten - und ihren Worten Taten folgen lassen. Willst du noch kurz in den Haufen Hundescheiße treten? Willst du der Kioskbesitzerin 20 Euro für das Bier bezahlen? Willst du mit deiner Stirn so laut und oft es geht auf die große Trommel schlagen? Muss man vermutlich dabei gewesen sein, um es wirklich amüsant zu finden.

Natürlich erreichen die beiden damit aber niemanden, der sich eher zu den Erwachsenen zählt als in seinem Kopf noch ein 15-Jähriger ist. Immerhin nahmen sie diesen Vorwurf nach der ersten Sendung auf - und drehten in Berlin einen guten Einspieler. Die Frage an die Vertreter der Generation 50 plus: Wie fanden Sie die erste Sendung? Die intellektuell gestelzt ("Als wir das mit der Ketchup-Flasche gesehen haben, mussten wir sehr herzlich lachen. Ich habe zu meiner Freundin gleich gesagt, dass das eindeutig eine Metapher für die Wegwerfgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist. Sowas muss man sich im Fernsehen erstmal trauen!") oder jugendlich salopp ("Mich hat es fast vom Sessel gewemmst!") formulierten Antworten lasen die Senioren so offensichtlich von hinter der Kamera hochgehaltenen Tafeln ab, dass der Zuschauer zumindest schmunzelte. Gut gemacht.

Zwischen Videotext und Walrosskostüm

Die richtige Mischung zwischen dem Intellektuellen und dem Jugendlichen müssen Joko, Klaas und das Team hinter dem Duo in den kommenden Sendungen wiederfinden. Noch ist die Sendung entweder zu platt (da liegt einer minutenlang schreiend in einem Walrosskostüm und mit nacktem Hintern auf dem Boden, von dem man mutmaßt, dass es Oliver Pocher war) oder zu gerissen (für mehrere Sekunden wird die Pro-Sieben-Videotext-Startseite eingeblendet, ohne dass irgendwer etwas dazu sagt, sondern Anke Engelke und Bjarne Mädel weiter ihren Film anpreisen).

Sollte man also zwei Nachwuchs-Moderatoren nach zwei schwachen Sendungen bei einem großen TV-Sender verurteilen und ihnen nachsagen, dass sie es nicht bringen? Bitte nicht. Sollte man ihnen über eine längere Zeit die Chance geben, zurück zu ihrer Unbekümmertheit zu finden und sich erstmals mit diesem Showkonzept auf ein Millionenpublikum einzustellen? Bitte ja.

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Circus HalliGalli": Die ProSieben-Show mit Joko und Klaas

(spol)
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