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Im „Tatort“ wiederholt sich ein mysteriöser historischer Mord aus Rom in Berlin.

„Tatort: Das perfekte Verbrechen“ : Studenten begehen perfektes Verbrechen

Im „Tatort“ wiederholt sich ein mysteriöser historischer Mord aus Rom in Berlin. Mittendrin: elitäre Jung-Juristen.

Nichtsahnend radelt der blasse, dünne Junge durch das nächtliche Berlin, als ihn vier maskierte Gestalten vom Rennrad reißen, fesseln, knebeln, entführen. Die Aktion wirkt routiniert. Doch Profis würden ihr Entführungsopfer wohl kaum in einem protzigen amerikanischen Cabrio durch die Hauptstadt paradieren, jubelnd und feiernd. Am Ziel angekommen wird Benjamin Renz (Anton von Lucke) eröffnet, dass er sich mit einem Obdachlosen prügeln soll. Bis aufs Blut.

Trommeln dröhnen, Fackeln brennen, Adrenalin rauscht durch die Adern des hühnerbrüstigen Studenten. Teils raunen, teils brüllen ihm die Umstehenden das Motto der Geheimgesellschaft ins Ohr, zu deren Aufnahmeprüfung er gerade antritt: „Ich kann, weil ich will, was ich muss!“ Wer hat sich dieses gern Kant zugeschriebene Zitat zu eigen gemacht? Sind es Satanisten? Rocker? Schlimmer: Es ist eine elitäre Verbindung angehender Top-Juristen. Die schnöseligsten der Schnösel, die ein bisschen „Fight Club“ spielen wollen.

Benjamin hat kaum am gemeinsamen Schampus danach genippt, da wird er auf die zweite Probe gestellt. Er soll über Nacht einen rhetorisch brillanten Vortrag über eines von drei juristischen Problemen halten, die ihm in edlen Kuverts vor die Nase gehalten werden.

Er zieht, öffnet den im Corporate Design des Clubs edel gestalteten Umschlag und liest: „Das perfekte Verbrechen“. Und der geneigte Zuschauer ahnt, dass dieses nicht theoretisch bleiben wird.

„Es geht um einen geheimen Club, der nur einen Studenten pro Jahrgang aufnimmt“, schwärmt Benjamin ein paar Tage später seiner Freundin Luise (Paula Kroh) vor. „Das Netzwerk ist echt krass; der Hammer!“ Doch die ist mit ihren Gedanken anderswo. Einerseits schwer genervt von Benjamins neuen, mythenumrankten Freunden. Andererseits und vor allem trauert sie um ihre Freundin Mina, die gerade erschossen wurde, direkt vor ihren Augen, mitten auf dem Gendarmenmarkt, ohne offensichtliches Motiv. Ermittler Karow (Mark Waschke) ist berufsbedingt skeptisch: „Zur falschen Zeit am falschen Ort?“, fragt er ironisch.

Karow hat Benjamin auf dem Kieker, zumal der mit seinem Viertsemester-Wissen den ersten Versuch der Ermittler vereitelt hat, Luise zu befragen. Bei der Managerin der privaten Jura-Hochschule beißen Karow und Rubin (Meret Becker) erst recht auf Granit. „Hier herrschen Recht und Ordnung“, sagt sie mit herablassendem Lächeln, und: „Das Schöne an einem Rechtsstaat ist ja, dass auch die Polizei sich an Gesetze halten muss.“ Ohne ihre eigenen Anwälte sagt sie nix. Einfach aus Prinzip. Weil sie es kann. Rubin kann sich einen Konter nicht verkneifen: „25.000 Euro Studiengebühren pro Semester? Alter! Dafür kann man ja schon ein bisschen Diskretion erwarten.“

Zeitgleich macht die Spurensicherung einen wichtigen Fund – den Seminarraum der privaten Hochschule haben sie TV-tauglich schnell als Tatort identifiziert. Dort hat der Täter einen Speicherkarte platziert, die Benjamins Vortrag zeigt. Währenddessen gefriert den Verbindungsstudenten das zwischen Nobelhemd und Gelfrisur eingemeißelte ständige Amüsement – denn in ihrem Waffenschrank fehlt ein Jagdgewehr.

Wer hier mit wem spielt, ist die große Frage, und aus welchem Motiv: Selbstbesoffenheit? Langeweile? Intellektuelle Unterforderung? Machtdemonstration? Rache?

Obwohl das Drehbuch wenige Überraschungen bietet und die Story mit arg viel Lust am Klischee inszeniert ist – wie viel Sittenbild übrig bleibt, muss jeder für sich selbst entscheiden –, bleibt der Blick in diesen ganz besonderen Abgrund faszinierend.

Leider Gottes beruht dieser Film auf einem realen historischen Fall: Am 9. Mai 1997 wird die 22-jährige Jurastudentin Marta Russo auf dem Campus der römischen Universität „La Sapienza“ aus dem Hinterhalt erschossen. Es gibt keine brauchbaren Zeugen, kaum Spuren – und vor allem kein Motiv. Rund einen Monat später werden zwei junge Dozenten des Instituts für Rechtsphilosophie verhaftet, die von der Idee des perfekten Verbrechens fasziniert waren. Nach einem spektakulären Indizienprozess-Marathon werden sie zu vier und sieben Jahren Haft verurteilt. Das Gericht ist überzeugt: Die beiden wollten einander und der Welt beweisen, dass das perfekte Verbrechen möglich sei.

Dass sich ein gewisser Silvio Berlusconi nach seiner ersten Amtsperiode als Ministerpräsident vehement auf ihre Seite schlägt, bleibt am Ende folgenlos. Aber nur sehr knapp.

„Tatort: Das perfekte Verbrechen“, So., 20.15 Uhr, Das Erste