„How to sell Drugs online (fast)“ - Bjarne Mädel im Interview

Interview Bjarne Mädel : „Ich bin Schauspieler, kein Komiker“

Der 51-Jährige spielt neuerdings in der Netflix-Serie „How to sell Drugs online (fast)“ einen Drogendealer. Ein Gespräch über Klischees und Bond-Bösewichte.

Als Bürodepp Ernie in „Stromberg“ wurde Bjarne Mädel (51) bekannt, danach spielte er Dorfpolizist Dietmar in „Mord mit Aussicht“ und einen prollig-charmanten Tatortreiniger in der gleichnamigen preisgekrönten Kammerspiel-Comedyserie. In der rasanten deutschen Netflix-Serie „How to sell Drugs online (fast)“ gibt er genüsslich einen unsympathischen Drogendealer. Zum Interview in einem Kölner Hotelzimmer erscheint er im dunklen Anzug, zu dem er türkise Socken mit Comic-Igeln trägt, und Zwölftagebart. Er wirkt selbstbewusster, lässiger als erwartet.

Erst schwärmt er von den US-Serien „Breaking Bad“ und „Better call Saul“, dann antwortet er so ausführlich und enthusiastisch auf die Fragen, dass der Interviewer kaum zum Fragen kommt. Das wiederum tut Bjarne Mädel dann so leid, dass er den Fragesteller später nochmal in Ruhe anruft.

In der Serie „Der kleine Mann“ haben Sie einen Normalo gespielt, der zum TV-Star wird. Sehen Sie Ihren eigenen Werdegang ähnlich?

Bjarne Mädel Ganz ehrlich: Nee (lacht). Ich war ja schon zehn Jahre Theaterschauspieler und als ich mit „Stromberg“ den Schritt ins Fernsehen gemacht habe, hab ich das auch sehr bewusst getan. Mir war klar: Ab jetzt bist du eine öffentliche Person. Manchmal unterschätze ich trotzdem, wie bekannt ich mittlerweile offenbar bin – aber wenn Leute tuscheln, bin ich ja zum Glück meistens schon weitergegangen.

Es sei denn, die Leute wollen ein Foto mit Ihnen machen.

Mädel Ja, auf der Straße, am Bahnhof oder nach einer Lesung. Das gehört einfach dazu, obwohl ich es selber absurd finde. Ich verstehe den Grund für diesen Selfie-Boom nicht. Ist das so ein Beute-Ding? Wenn ich zum Beispiel Sean Penn auf der Straße treffen würde, fände ich es total geil, mit ihm ein  kurzes Gespräch zu führen oder auch nur ein Blick oder ein Lächeln zu tauschen. Ein echter Kontakt wäre mir hundertmal lieber als ein Foto, das ja nur beweist, dass ich neben ihm gestanden habe, während er „höflich“ war.

Gibt es grundsätzliche Missverständnisse über Sie als Person, die Sie geraderücken möchten?

Mädel Zum Glück nicht mehr. Inzwischen haben die allermeisten Menschen begriffen, dass ich Schauspieler bin und kein Komiker, das ist ein anderer Beruf.

Was braucht ein Film- oder Serienprojekt, um Sie zu überzeugen?

Mädel Qualität! Beim Drehbuch, der Geschichte, den Kollegen oder der Regie.  Wenn mich Andreas Dresen anruft, sage ich blind zu. Für Andi spiele ich auch ’ne Leiche. Bei „25 km/h“ war das Sujet nicht wirklich neu: Zwei Brüder, die sich nach Jahrzehnten wieder zusammenraufen und einen Jugendtraum nachholen wollen– , aber mit Lars Eidinger als Gegenüber war ich dann sofort dabei. Ich hatte große Lust auf eine persönliche und emotionale Begegnung. Und die Dialoge fand ich toll, weil sie authentisch sind.

Nun spielen Sie in der Netflix-Serie „How to sell Drugs online (fast)“, die ab Freitag weltweit zu sehen ist. Was hat Sie daran angesprochen?

Mädel Das Tempo! Und der Humor. Und meine Figur, Buba.

Eigentlich ist doch Subtilität Ihr Ding. Buba ist ein dämlicher Dorfdealer mit miesen Tattoos und schlecht blondierten Haaren. Selbst seine Turnschuhe sind hässlich.

Mädel Das ist eine Figur an der Grenze zur Comicfigur, klar – aber warum auch nicht? Die äußerliche Verwandlung war für mich auch Teil des Vergnügens. Wir haben die Figur gemeinsam entwickelt, im Team mit den Regisseuren, den Maskenbildnern und dem Kostüm. Ich versuche, mit dem Klischee zu spielen, ein Stückweit auch dagegen anzuspielen. Seine Schuhe sind vielleicht hässlich, aber mein Spiel muss es ja nicht sein. Unter Bubas Brutalität schlummert ja z.B. noch anderes. Er kann knallhart sein – aber er hilft auch kleinen Mädchen behutsam vom Pferd. Für die Protagonisten, die sich viel in der virtuellen Welt bewegen, ist Buba eine echte Gefahr – ein Stück analoges Darknet.

Im tatsächlichen Darknet, dem gesetzlosen Teil des Internet, werden unter anderem Drogen, Bilder und Kinderpornos gehandelt. Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft?

Mädel Ich bin wie Buba auch eher ein analoger Typ, wenig im Netz unterwegs. Ich weiß, was Google ist und wie eine Mediathek funktioniert, war aber nie bei Facebook. Was die Zukunft angeht, bin ich zerrissen: Ich glaube an das Gute, aber sehe natürlich auch, was an Grausamkeiten in der Welt passiert. Den Erfolg der Grünen finde ich super, beim Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen wird mir schlecht. Aber ganz tief in mir drin bin ich ein positiv denkender Mensch.

Das zeigt sich auch in Ihren Rollen. Wann spielen Sie denn mal einen vollwertigen Schurken?

Mädel Ich hab schon oft gesagt, dass mich das reizen würde, aber in diese Richtung kommen wenige Angebote.

Ich würde mich über mehr ernstere Filme mit Ihnen freuen.

Mädel Dann empfehle ich Ihnen zum Beispiel „24 Wochen“, ein Drama über eine Spätabtreibung an der Seite der fantastischen Julia Jentsch. Oder auch den Film „1000 Arten Regen zu beschreiben“, in dem sich ein Jugendlicher der Welt verweigert und sich in seinem Zimmer einsperrt. Ich durfte dort neben Bibiana Beglau als Vater verzweifeln. Anfang des Jahres habe ich „Tage des letzten Schnees“ nach einem Roman von Jan Costin Wagner gedreht, definitiv auch keine „leichte Kost“.  Im Sommer drehen wir Siegfried Lenz’ Anti-Kriegsdrama „Der Überläufer“.

Meist geben Sie aber eine Variante des knuffigen Normalos.

Mädel Also, meine Rolle in „Mord mit Aussicht“ könnte ich vielleicht in die Kategorie „knuffig“ einordnen, auf viele andere Rollen, die ich in den letzten Jahren gespielt habe, trifft diese Bezeichnung für mich nicht zu. Mit „knuffig“ verbinde ich eine Art Gemütlichkeit, die ich meines Erachtens zum Beispiel bei der Rolle des „Tatortreinigers“ nicht verkörpert habe.

Wie steht es denn um eine Wiederbelebung des „Tatortreinigers“?

Mädel Schotty ist bei seinem letzten Auftritt sehr weit runtergefahren in seinem mysteriösen Fahrstuhl – ich glaube nicht, dass er noch mal den Weg nach oben findet. Wir haben gemeinsam entschieden, das Format zu beenden. Das war auch richtig so. Dass die Fans Schotty so vermissen, ist aber toll. Wenn eine Figur vermisst wird, hat man ja irgendwas richtig gemacht.

Haben Sie Angst, dass Sie den Höhepunkt schon hinter sich haben?

Mädel Körperlich?

Nee, karrieretechnisch.

Mädel Es ist ja eine Frage, wie man das definiert. Ich habe am Schauspielhaus Hamburg gespielt vor 1.100 Leuten. Eigentlich gibt es nichts, was darüber geht. Eigentlich. In einem Zimmertheater vor zwanzig Leuten zu spielen, kann aber  ja wieder eine ganz andere Herausforderung sein, vielleicht sogar eine größere, die einen als Schauspieler weiter bringt als ein ausverkauftes Haus. Um auf Ihre Frage zurückzukommen:  Ich bin im Moment sehr froh über meine privilegierte Arbeitssituation und hoffe, dass es noch lange so interessant weiter läuft.

Aber für ein Ende der Filmkarriere wären Sie jedenfalls gewappnet. Sie haben doch schon auf Baustellen und im Hafen gearbeitet und Autos nach Afrika überführt.

Mädel Nee nee, ich brauche noch viele Rollen! Ich habe noch nicht fürs Alter vorgesorgt und keinen Plan B. Handwerklich bin ich völlig unbegabt, kann also nichts aufbauen. Stattdessen baue ich darauf, dass ich weiter was zu spielen kriege. Gern auch Kleinkriminelle.

Oder Großverbrecher? Al Capone, Darth Vader, Hitler?

Mädel Immer her damit. Die Bösewichte bei James Bond sind doch auch oft Deutsche, oder? Ich kann übrigens ganz gut Englisch. Wenn Sie da Kontakte haben, machen Sie das klar!

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