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US-Drama bei Sat.1: "Homeland" revolutioniert das Fernsehen

US-Drama bei Sat.1 : "Homeland" revolutioniert das Fernsehen

Das US-Drama ist bei Sat.1 erfolgreich gestartet. Deutsche Produktionen sind von der Qualität dieser Serie weit entfernt.

Die CIA-Agentin Carrie Mathison sitzt auf ihrer Couch und starrt auf den Monitor. Ist der Irak-Heimkehrer Nicolas Brody, der sich wimmernd auf dem Boden seines Schlafzimmers zusammenrollt, ein Kriegsheld — oder ein Terrorist? Szenenwechsel. Nach einer Scharfschützen-Attacke flieht der US-Vizepräsident mit seinen Vertrauten in einen Schutzraum. Zitternd steht Brody in der Menge, unter seiner Gala-Uniform trägt er einen Selbstmordgürtel. Wird er den Zünder betätigen — oder nicht?

"Beste Serie der Welt"

Carrie Mathison und Nicolas Brody sind die Hauptfiguren in "Homeland", einer vielfach ausgezeichneten US-Serie. Seit Anfang Februar ist sie im deutschen Fernsehen bei Sat.1 zu sehen (sonntags 23.15 Uhr). Der Geschäftsführer des Privatsenders, Nicolas Paalzow, freut sich so sehr über den Coup, dass er "Homeland" die "beste Serie der Welt" nennt. Und er hat Recht: "Homeland" revolutioniert das Fernsehen.

Die Serie setzt Maßstäbe für kluges, politisches Erzählfernsehen auf der Höhe unserer Zeit und unserer Ängste. Sie funktioniert im Prinzip wie ein klassischer Bildungsroman, transferiert ins digitale Zeitalter. Sie entwickelt komplexe und gebrochene Figuren; ein Geflecht aus Wechselwirkungen entsteht, das dem Zuschauer ständige Perspektivwechsel anbietet. Die Rahmenhandlung liefert der Krieg gegen den Terror, zehn Jahre nach dem 11.September. Es geht um die Fragen, die die westliche Welt seit dem Angriff auf die Twin-Towers, den Kriegen im Irak und Afghanistan und der Einrichtung des Terroristen-Gefängnisses Guantanamo beschäftigen: Was macht der Kampf gegen den Terror mit einer Gesellschaft? Was macht Folter mit denjenigen, die sie erleiden, und mit deren Angehörigen? Wem kann man noch trauen?

Kein "Gut" und "Böse"

Die manisch-depressive CIA-Agentin Mathison (Claire Danes) steht ihren Job als Jägerin des Al-Qaida-Terroristen Abu Nazir nur durch, weil sie sich täglich eine Handvoll Pillen gegen ihre Psychosen einwirft. Sie verdächtigt den Elite-Soldaten Brody (Damian Lewis), ein Schläfer zu sein. Acht Jahre lang war der US-Marine in irakischer Gefangenschaft. Er wurde isoliert, gefoltert — und schließlich von einer US-Spezialeinheit befreit. Als Held kehrt er in die USA zurück. Seine CIA-Gegenspielerin Mathison glaubt jedoch, dass er für Al Qaida arbeitet und einen Anschlag in der Heimat plant. In "Homeland" gibt es kein Gut und Böse, keine echten Helden — und damit auch keine eindimensionale Langeweile. Alle Protagonisten sind vielschichtige Figuren in einem vom Anti-Terror-Kampf traumatisierten Land.

Deutsche Serien hinken hinterher

In den USA sind sich die Kritiker einig: "Homeland" sei die beste Serie der 2010-er Jahre, ein würdiger Nachfolger von "The Sopranos", "The Wire" und "Breaking Bad". Bei der Golden-Globe-Verleihung 2013 gewann das Agenten-Drama triumphal in den Kategorien Beste Serie, Beste Serienhauptdarstellerin und Bester Serienhauptdarsteller. "Homeland" steht für eine TV-Qualität, die bei deutschen Produktionen derzeit nicht vorstellbar ist. Und das, obwohl ARD und ZDF mit dem Hinweis auf Qualität und kulturellen Auftrag jedes Jahr mehr als acht Milliarden Euro ausgeben. Wie banal, wie eindimensional wirkt ein deutscher TV-Krimi im Vergleich zu den großen Serien des US-Fernsehens. "Tatort" und "Homeland" — das ist wie Regionalliga und Champions League im Fußball.

Warum ist das so? Zuallererst ist die Antwort beim mutlosen Kleingeist der deutschen Programm-Macher zu suchen. Ein weiterer Grund liegt in der Besonderheit der US-Fernsehlandschaft. Neben den landesweit ausgestrahlten Sendern wie ABC, NBC oder FOX gibt es viele kleinere Pay-TV-Sender, die sich durch komplexe Serienformate ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet haben. Vorreiter war HBO mit den 1999 gestarteten "The Sopranos". Die Serie über das Leben eines Mafiabosses in New Jersey beschränkte sich nicht auf die typische Gangsterstory, sondern rückte die Beziehungen der Mafia-Familie in den Mittelpunkt. Wer sowohl "Sopranos" als auch "Homeland" kennt, erkennt die Muster des modernen Erzählfernsehens.

Und so hat sich in den USA ein TV-Publikum gebildet, dass Ansprüche an Qualität und Vielschichtigkeit stellt. In Deutschland muss dieses Publikum allzu oft noch auf DVDs ausweichen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist der Emmy-Gewinner "Homeland"

(RP/csi)