Harter, düsterer Berlin- "Tatort" - so wird "Der gute Weg"

Neuer „Tatort“-Fall aus Berlin : Düster, deprimierend, gut

„Der gute Weg“ ist ein hartes, düsteres Krimi-Drama mit Rubin und Karow im Berliner „Tatort“. Das Einschalten lohnt sich, auch wenn über den konkreten Fall in der Nachlese noch zu sprechen sein wird.

Der Wert von Praktika steht und fällt mit der Verantwortung, die der Neue auf dem unbekannten Terrain übernehmen darf. Kocht man bloß Kaffee und schlurft zum Kopierer – oder bekommt man einen echten Einblick in das Berufsfeld, das dazugehörige Berufsrisiko inklusive? Wer etwa in einer Schreinerei Holzspäne in die Heizung schippt, kann auch mal von einer bösen Staublawine überrascht werden. In seinem Praktikum bei der Schutzpolizei erlebt Tolja, der ältere der beiden Söhne von Kommissarin Nina Rubin (Meret Becker), sehr viel mehr, als ihm lieb ist: Streifenpolizist Stracke findet, der junge Mann solle am Auto warten, seine vorwitzige Kollegin jedoch will nichts davon wissen: „Ab anne Front!“, berlinert sie. „Er soll doch wat lernen!“ 90 Sekunden später ist sie tot, erschossen von Dealern, die sie bei einem Einsatz wegen Ruhestörung am berüchtigten Kottbusser Tor überraschen.

Kaum weniger schlimm: Bevor Dealer Yakut (Rauand Taleb, „4 Blocks“) auch den Praktikanten anschießt, ruft er ihm zu: „Sorry, Tolja!“ Die beiden kennen einander; mit diesem Wissensvorsprung vor den Ermittlern stürzt der Zuschauer in den Fall. Zum Glück schließt sich sofort im Anschluss ein massives mutmaßliches Logikloch: Tolja (Jonas Hämmerle) alias „Chefin ihr Sohn“ absolviert nicht etwa ein spätes, unverantwortliches Schülerpraktikum, sondern ein „Einsatzpraktikum“ innerhalb seiner Polizei-Ausbildung. An dessen vorzeitigem Ende sitzt er völlig traumatisiert in einem Krankenwagen, bespritzt mit dem Blut seiner toten Kollegin. „Jetzt erstmal ist er aber kein Zeuge, sondern mein Sohn“, lautet die Ansage von Rubin. Ihr Partner Karow (Mark Waschke) kontert gewohnt zynisch: „Aber Mutti hat Dienst!“ Rubin irrt durch ein Labyrinth aus Schock, Wut und Sorge, Selbstvorwürfen und Weltekel. Zu allem Überfluss kommt noch Missgunst auf Karow hinzu, dem sich Tolja sehr viel lieber anvertraut als ihr.

Karow versucht, kühlen Kopf zu bewahren, sorgt aber zugleich für den dringend nötigen Humor in seinen Wortgefechten mit Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza (Maryam Zaree). Mit säuerlichem Lächeln klärt sie ihn etwa auf, dass sie als Tochter iranischer Eltern kein libanesisch gefärbtes Arabisch versteht. Und  im Koran stünden „Bullenschwein“ oder schlimmere Beleidigungen, nach denen Karow sucht, wohl kaum. Treffer, versenkt.

Überhaupt wird Karow, der sich bekanntlich für James Bond oder zumindest für Benedict Cumberbatchs Interpretation von Sherlock Holmes hält, diesmal rüde ausgebremst. Dass seine Sprüche Folgen haben, bekommt er schmerzhaft zu spüren.

Vor allem jedoch entspinnt sich ein Fall, der in der Nachlese zu kritisieren sein wird, aber jedenfalls extrem spannend ist. Ein Drama um verhängnisvolle Fehler zwischen Eltern und Kindern, Schuld und Sühne vor der Kulisse der Berliner Drogenszene einerseits und Vorortidylle andererseits. Getragen wird alles von Peter Trabner als desillusionierter Straßenbulle  Harald Stracke, der doch nur alles richtig machen wollte. Düster, deprimierend, gut.

„Tatort: Der gute Weg“, Das Erste,
So., 20.15 Uhr

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