"Hart aber fair" zur Tafel in Essen: "Ich habe den Eindruck, Sie wissen nicht, was Armut ist"

Essener Tafel Thema bei "Hart aber fair": "Ich habe den Eindruck, Sie wissen gar nicht, was Armut ist"

Die Essener Tafel hat sich viel Kritik gefallen lassen müssen für ihre Entscheidung, vorübergehend nur noch Deutsche neu zuzulassen. Bei "Hart aber fair" diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen, ob ehrenamtliche Helfer allein gelassen werden.

Darum ging's

Der Fall der Essener Tafel, die nach Problemen vorübergehend nur noch Neuzugänge mit deutschem Pass zulässt, hat in Deutschland für viel Entrüstung und Vorwürfe der Fremdenfeindlichkeit gesorgt, aber auch Verständnis geweckt. "Werden ehrenamtliche Helfer allein gelassen, Arme gegen Arme ausgespielt?", fragt Moderator Frank Plasberg und diskutiert mit seinen Gästen über die Implikationen des Essener Falls für Deutschland.

Darum ging's wirklich

Plasbergs Gäste fallen in zwei Lager. Drei von ihnen, die alle Erfahrung beim Verteilen von Lebensmitteln an Arme haben, fordern mehr Unterstützung vom Staat und prangern Missstände an. Zwei weitere Gäste bemühen sich, den Blick aufs Positive zu lenken - etwa gestiegenes Engagement von Bürgern und angeblich weniger Armut als früher.

Frontverlauf

Jörg Sartor, Leiter der Essener Tafel, und seine ehrenamtlichen Helfer, kämpfen mit dem Zustrom von Hilfsbedürftigen zur Essensausgabe. Es werde viel gedrängelt, geschoben, geschubst. Eine Mitarbeiterin berichtet, dass ihr von Unzufriedenen schon einmal der Stinkefinger gezeigt wurde. Die Oma, die alleinerziehende Mutter, sie kämen nicht mehr, sagt Sartor, dafür mehr ausländische Mitbürger als früher.

Die Entscheidung der Helfer: Vorübergehend werden nur noch Neuzugänge mit einem deutschen Pass akzeptiert. Was die einen als Hilferuf werten, sehen andere als Zeichen von Fremdenfeindlichkeit. Moderator Frank Plasberg hat zur Diskussion darüber Menschen aus Politik und Wissenschaft eingeladen, aber vor allem auch drei Menschen, die selbst regelmäßig bei der Essensausgabe für Bedürftige helfen und die gesellschaftliche Realität aus eigener Erfahrung kennen.

Auch Plasbergs Gast Manfred Baasner leitet eine Tafel - in Wattenscheid. Er berichtet, dass seine Tafel am Anfang mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt habe. Doch dann habe man vor drei Jahren begonnen, etwas zu ändern, verschiedene Gruppen zu bilden, Freiraum zu schaffen. Wem Deutschkenntnisse fehlten, der konnte über die Tafel Unterricht nehmen. "Es ist ein ganz einfacher Weg, man muss mit den Leuten sprechen", sagt Baasner. Dafür habe man auch Dolmetscher engagiert. "Wir haben das so in den Griff gekriegt. Heute ist das wie eine Freundschaft!"

Warum bekämen das die Essener nicht hin, hakt Plasberg nach. In Wattenscheid habe man längere Erfahrung, erklärt Baasner, durch eine Aussiedlerwelle aus Russland. "Da haben wir etwas eingeführt, miteinander zu lachen und zu sprechen" — mit Erfolg, sagt Baasner. Er habe jedoch Verständnis für die Reaktion der Essener, das sei ein "Hilferuf".

"Die Politik schläft"

Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion, pflichtet ihm bei, das sei ein Hilferuf der Ehrenamtlichen. Als Neonazis bezeichnet zu werden, hätten diese nicht verdient. Es gebe 930 Tafeln in Deutschland, auf die man stolz sein könne. Die Tafeln seien kein Zeichen der Schande. Mayer betont, dass Deutschland ein starker Sozialstaat sei, der ein Fünftel für Soziales ausgibt. "Man kann dem Staat und der Gesellschaft nicht den Vorwurf machen, wir wären unsozial."

Mit dieser Aussage polarisiert er die Runde. "Die Politik schläft", sagt Baasner entrüstet. Katja Kipping, Parteichefin der Linken, ärgert sich ebenfalls über den "Stolz" Baasners über die Existenz so vieler Tafeln in Deutschland: "Dass es die Tafeln gibt, ist ein großer Verdienst vieler Ehrenamtlicher. Dass es aber die Tafeln braucht, ist das Versagen aller bisherigen Bundesregierungen, und Sie waren daran beteiligt", sagt Kipping.

  • Tafel in Essen: Das sagen die Kunden zum Aufnahmestopp für Ausländer

Auch Michael Hüter, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, weist den CSU-Vertreter in diesem Punkt in die Schranken. "Jede bürgerliche Leistung ist kein Ersatz für Leistungen des Staates! Es geht immer um das Zusätzliche. Darauf darf der Staat sich nicht verlassen." Seine Analyse sei jedoch, so der Volkswirt, dass der Staat dies auch nicht tue. Er habe anhand von erhobenen Daten keinen Anstieg der Armut feststellen können.

Der Musiker Franz Zander widerspricht. Er engagiert sich seit Jahren für Obdachlose und Bedürftige, organisiert jedes Jahr zu Weihnachten ein großes Gansessen für diese — inzwischen in einem riesigen Hotel, das beim letzten Mal 3000 Gäste bewirtet hat. Er warnt davor, Menschen, die in die Armut abgedriftet sind, vorschnell als faul und dumm abzustempeln: Es könne sehr schnell passieren, dass jemand in die Armutsfalle rutsche, etwa durch Krankheit. Auch bei Zander werden Bändchen und Nummern verteilt, um die vielen Menschen zu ordnen und diesen die Angst zu nehmen, dass sie nicht mehr angenommen werden könnten.

Tafel als Ort der Begegnung

Katja Kipping engagiert sich in Dresden für Arme, sie stehe im regelmäßigen Kontakt mit den Tafelbetreibern dort, erzählt sie. Auch sie kann von Erfolgen bei der Integration berichten. So hätte man dort Menschen, die mit den ersten Flüchtlingswellen kamen, als ehrenamtliche Helfer gewinnen können. "Wir hätten ja mal auch als Tafel als Ort der Begegnung über Pass- und Sprachgrenzen hinweg sprechen können", regt sie an.

Viele ältere Menschen sind von Armut betroffen; zwei Drittel der Deutschen fürchten sich davor, dass sie im Alter verarmen könnten — kein völlig unwahrscheinliches Szenario. Jeder vierte Tafelkunde ist Rentner. Diese Größenordnung will der CSU-Vertreter Mayer so nicht stehen lassen, angeblich seien nur drei Prozent altersarm, den restlichen 97 Prozent gehe es gut. Weit kommt er mit dieser Aussage nicht, da die Linke-Vertreterin sofort widerspricht. Die drei Prozent bezögen sich lediglich auf Hartz IV-Empfänger. Viele, die einen Anspruch darauf hätten, nähmen aus Scham die staatliche Unterstützung nicht an, sagt Kipping. Sie beziffert die Zahl Bedürftiger auf 18 Prozent. Das deckt sich auch eher mit der Statistik über die Stadt Essen, wonach jeder sechste dort vom Staat unterstützt werden muss.

CSU-Vertreter Mayer versucht sich mit der Grundrente aus der Schlinge zu ziehen, was ihm nicht gelingt. "Grundrente heißt plus vier Prozent, da ist niemand aus der Armut geholt", schießt Kipping seinen Einwand schnell ab. Auch Manfred Baasner hat Schwierigkeiten mit den Aussagen des CSU-Vertreters. "Ich habe den Eindruck, Sie wissen gar nicht, was Armut ist", sagt er sichtlich erregt und verärgert.

Mehr Fallbetreuer

Der Volkswirt Hüter sagt, Deutschland habe ein Verteilungsproblem. Er fordert mehr Fallbetreuer bei den Behörden, "da beginnt die Vermeidung von Armut". Außerdem müssten die Betriebszeiten von Kinderbetreuungsplätzen so aufeinander abgestimmt werden, dass auch berufstätige Alleinerziehende diese gut nützen können.

Zander wirft ein, dass Hüter zwar für alles gute sowie gut formulierte Antworten habe, aber es gebe da auch noch so etwas, was Mitgefühl heiße. Der Musiker glaubt offenbar den Zahlen nicht, die laut Hüter gegen ein Öffnen der Schere innerhalb der Gesellschaft sprächen. "Wir sind nun einmal in der Realität, das sind nun einmal arme, übelriechende Gestalten, es riecht nach Schweiß, Tränen und Alkohol." Hüter weist den Vorwurf zurück, dass er als Akademiker die wirkliche Welt nicht kenne. Sein Institut engagiere sich ebenfalls für Bedürftige, und "es ist ja nicht so, dass wir irgendwo auf der Wolke herumleben und nicht wissen, was geht".

Zitat des Abends

"Bei Twitter hat man mehr Zeit sich auszudrücken als bei Ihnen." (Katja Kipping über Moderator Frank Plasberg, der die Redner sehr schnell unterbricht.)

(sbl)