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"Hart aber fair" zur Gasumlage - Evonik-Vorstand übt Kritik

Evonik-Vorstand bei „Hart aber fair“ : „Wie eine Flasche Lebertran auf Ex trinken“

Bei „Hart aber fair“ ging es nach der jüngsten Entscheidung um die Gasumlage. Frank Plasberg wollte von seinen Gästen wissen, wie Deutschland durch den Winter kommt. Einhellige Meinung: Alle, die noch können, werden sparen müssen.

Darum ging es

“Was kommt auf uns zu, wenn Putin weiter am Gashahn schraubt?” fragte Frank Plasberg am Abend bei “Hart aber Fair” in der ARD. Was wird, wenn Jobs und Industriezweige in Gefahr sind? Was ist Privathaushalten zumutbar? Er diskutierte mit zwei Politikern, einem Behördenchef, einem Industrievertreter und der Präsidentin eines Sozialverbandes.

Die Gäste

  • Saskia Esken, SPD-Parteivorsitzende
  • Jens Spahn, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender
  • Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK
  • Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur
  • Christian Kullmann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie, Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries

Der Talkverlauf

Es ging um ernste Fragen in Frank Plasbergs erster Sendung nach der Sommerpause. Dennoch kam auch Humoriges nicht zu kurz - vor allem dank Christian Kullmanns fantasievoller Sprache. Der Gelsenkirchener wertete Wasserballett versus Brustschwimmen und verriet, wie Lebertran erträglich wird (auf Ex).

Saskia Esken durfte als erstes erklären, warum die Kostenpflichtiger Inhalt am Nachmittag beschlossene Gasumlage von rund 2,4 Cent pro Kilowattstunde eine gute Sache sei: Die Umlage werde dafür sorgen, dass die Mehrkosten gerechter und auf alle verteilt würden, sagte die SPD-Politikerin und bat noch um etwas Geduld, bald gebe es mehr Hilfen für ärmere Bürgerinnen und Bürger: “Wir hoffen durch weitere Entlastungen diejenigen zu unterstützen, die sich nicht selbst helfen können.”

Das Thema Geduld sei für ihre Mitglieder inzwischen schwierig, sagt Verena Bentele vom Sozialverband VdK. Sie bekomme “körbeweise Post” von Menschen, die einfach nicht noch mehr sparen könnten Eine Rentnerin, die mit 1000 Euro im Monat wirtschafte, können keine weiteren 280 Euro einsparen. Ihr Verband bereite daher eine Klage vor. Noch hoffe sie aber, die Ampelregierung finde zuvor eine Lösung, damit sie 2023 nicht klagen müsse.

Jens Spahn sieht vor allem zwei große Probleme: “Ich finde in der aktuellen Lage fast zynisch, dass der Staat noch 19 Prozent Mehrwertsteuer draufschlägt”, sagt der CDU-Mann. Das hätte vorher geklärt werden müssen. Zugleich gehen ihm die Lösungsansätze für ärmere Menschen zu langsam. “Beim Belasten geht es ziemlich schnell, beim Entlasten hält uns die Regierung lange hin”, beschwert er sich. Es gebe zwar viele Vorschläge, aber nicht nur kleineren und mittleren Unternehmer dauere das alles zu lange, auch dem “Pendler aus dem Münsterland” nützten Aktionen wie das 9-Euro-Ticket nichts.

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Christian Kullmann stimmt Spahn in seiner Kritik der Mehrwertsteuer zu. “Die gehört da nicht hin”, sagt der Evonik-Chef, aber daran könne noch gearbeitet werden. Grundsätzlich hält er die Umlage für das “gerechtest mögliche Solidarmodell”. “Es ist ein gutes Modell”, sagt der Evonik-Chef. “Es hat noch Kinderkrankheiten, daran müssen wir arbeiten, die auszubessern.” Jetzt aber seien alle aufgerufen, die Lasten zu tragen. Die Umlage koste die chemische Industrie drei Milliarden Euro im Jahr, das sei enorm viel Geld, das auch für Investitionen in die Zukunft fehle. Die Umlage fühle sich an “wie eine Flasche Lebertran die wir auf Ex trinken”, sagt Kullmann. Doch nur gemeinsam komme die Gesellschaft durch diese Krise. Applaus bekommt er, als er erklärt, dass eine Volkswirtschaft, die auch Renten mitbezahle und eine gesunde Industrie notwendig seien, damit alle möglichst gut durch die Krise kämen.

Von Klaus Müller, den er auch “Mister Gas” nennt, will Plasberg wissen, wie der sich in der Machtposition als entscheidender Behördenchef der “Gashäne zudrehen” könne so fühlt. Der Präsident der Bundesnetzagentur versichert, dass sich das weder gut noch machtvoll anfühle, ihm sei wichtiger daran zu arbeiten, dass Deutschland erst gar nicht in eine Gasnotlage kommen
“Die Alternative zur Umlage wäre gewesen, Uniper pleite gehen zu lassen, damit wären viele Stadtwerke im Schlepptau gewesen”, sagt Müller. “An der Situation gibt es nichts Gutes, aber wir können uns bemühen, möglichst wenig schlechte Entscheidungen zu treffen.” Auf all das bereite sich die Agentur mit der Regierung seit März vor. Die Industrie habe bereits signifikante Einsparungen geleistet und die 75 Prozent-Marke in den Gasspeichern sei früher als geplant erreicht worden. Dennoch: “Der Weg ist noch ein weiter”, sagt er. Noch könne er eine Gasmangellage nicht ausschließen. Ihm aber sei vor allem wichtig, alle Energie dareinzustecken, die Notlage zu vermeiden, als einfach auf sie zuzulaufen.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="de" dir="ltr">„Es braucht wirklich auch andere Vorschläge, dass für jeden Menschen ein Grundbedarf gewährleistet ist, der auch bezahlbar ist“, macht Verena Bentele, Präsidentin des <a href="https://twitter.com/VdK_Deutschland?ref_src=twsrc%5Etfw">@VdK_Deutschland</a> bei <a href="https://twitter.com/hashtag/hartaberfair?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#hartaberfair</a> <a href="https://twitter.com/DasErste?ref_src=twsrc%5Etfw">@DasErste</a> angesichts der bevorstehenden Gasnotlage deutlich. <a href="https://t.co/VKfBFHOLAg">pic.twitter.com/VKfBFHOLAg</a></p>&mdash; hart aber fair (@hartaberfair) <a href="https://twitter.com/hartaberfair/status/1559304926991368192?ref_src=twsrc%5Etfw">August 15, 2022</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Bentele lobt Müllers Bemühungen darum, dass kein Privathaushalte ohne Energieversorgung bleiben und im Winter niemand frieren soll. Es brauche aber dringend mehr Vorschläge für Menschen, die schlicht nicht mehr sparen können.

Kullmann stimmt ihr zu, erinnert aber noch einmal an den Nutzen einer starken Volkswirtschaft. “Wer Verantwortung trägt für Zehntausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat keine Sehnsucht nach Beliebtheitspreisen”, führt der Evonik-Vorstandsvorsitzende aus. Er habe aber die Pflicht dafür zu sorgen, dass die Konzerne eine gute Zukunft haben. Arbeit sei ja nicht nur ein Weg Geld zu verdienen, sie sei auch “sozialer Kitt der Gesellschaft” und der dürfe in einer Krise nicht gefährdet werden. “Jetzt ist keine Zeit für Wasserballett, jetzt ist Zeit für Brustschwimmen, und da muss der Kopf über Wasser gehalten werden”, bemüht der Westfale ein weiteres Bild. In solidarischem Interesse müssten alle ein Stück weit verzichten. Für besonders Bedürftige müsse der Staat aufkommen. “Aber Staat kann nicht alles auffangen”, sagt Kullmann. “Alle werden verzichten müssen in diesem Winter.”

(juju)