1. Panorama
  2. Fernsehen

"Hart aber fair" zu Sprache: Wer hat Angst vorm Binnen-I?

TV-Nachlese zu „Hart aber fair“ : Wer hat Angst vorm Binnen-I?

Vom imaginären Ende des Abendlandes bis zu realen Pogromen geht es bei „Hart aber fair“ in wenigen Minuten. Dabei dreht sich die Talkshow eigentlich um Sprache.

Am Montagabend soll es bei „Hart aber fair“ um Sprache gehen. Schließlich ist das Bewusstsein dafür gewachsen, wie sehr Worte verletzen können.

Die Gäste:

  • Jürgen von der Lippe, Komiker
  • Stefanie Lohaus, Publizistin
  • Stephan Anpalagan, Unternehmensberater
  • Jan Weiler, Schriftsteller
  • Svenja Flaßpöhler, Philosophin

Darum ging’s:

Binnen-I, gesprochenen Lücke (Gender-Gap) oder „Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft“: Menschen in Bereichen von der Sprachwissenschaft bis zu Behörden experimentieren mit verschiedenen Wegen, um Sprache von Diskriminierung zu befreien. Doch nicht alle Menschen sind offen für Experimente, wie die Talkrunde zeigt.

Der Talkverlauf:

Der Komiker Jürgen von der Lippe liefert bereits ziemlich am Anfang der Sendung, wofür er gerne eingeladen wird: seine Art von Humor. „Der alte weiße Mann ist eine Dreifachdiskriminierung“, sagt er und schmunzelt. Vorher hat er Goethe bemüht, um auf sein Privileg zu pochen, als Künstler keine Vorschriften zu befolgen. Denn als solche empfinden offenbar drei der fünf Talkgäste sämtliche Ideen für einen anderen Umgang mit Sprache, wie sich bald zeigen soll.

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler fühlt sich angesichts ihrer Kritik an der „Me Too“-Bewegung in die rechte Ecke gestellt. „Ich habe keine Angst vor einem Shitstorm“, sagt sie, will dann aber keins der einzelnen Worte sagen, die einen solchen ihren Angaben zufolge auslösen.

Der Schriftsteller Jan Weiler sieht angesichts der Debatte um Sprache gar demokratische Prozesse bedroht. Auf die Frage, ob das nicht ein bisschen dick auftgetragen sei, sagt er: „Ich finde es gut, da ein bisschen aufs Blech zu hauen.“ Zudem findet er, die Diskriminierten müssten von der Diskriminierung befreit werden, nicht die Sprache. Mit Sprache habe das gar nichts zu tun.

„Sprache konstituiert unser Denken und unsere Gefühle“, widerspricht die Publizistin Stefanie Lohaus. Dazu führt sie nicht nur Ergebnisse aus der Hirnforschung an, sondern erinnert auch an die deutsche Geschichte: „Vor der Gewalt kommt die Sprache.“ Auch die zuvor erwähnte Bedrohung der Demokratie kommt ihr bekannt vor, und sie warnt: Da müsse man aufpassen, wem man nach dem Mund rede. „Immer wenn marginalisierte Gruppen für ihre Rechte einstehen, wird das Ende des Abendlandes ausgerufen“, sagt sie.

Der Unternehmensberater und Journalist Stephan Anpalagan zieht als Beispiel für die Wirkung von Sprache Formulierungen der „Bild“ heran wie etwa „Das Boot ist voll“ und „Kinder statt Inder“ zu Zeiten des Asylkompromisses. „Das hat zu realen Pogromen geführt“, sagt Anpalagan und erinnert daran, dass daraufhin Menschen in Solingen, Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen Häuser anzündeten.

Ebenso erinnert Anpalagan aber auch daran, dass es in Deutschland schon sehr lange Regeln gibt, etwa zivilrechtliche Vorschriften, die Sprache betreffen, von Beleidigung und Verleumdung über die Behauptung falscher Tatsachen bis hin zur Volksverhetzung. Zudem bestimmten gesellschaftliche Werte wie Anstand, Höflichkeit und gute Kinderstube, welche Äußerungen akzeptabel seien und welche nicht. „Die Deutschen sind so gründlich und präzise, dass sie das sogar alles aufgeschrieben haben“, sagt Anpalagan – und deutet auf den „Knigge“.

Aber ehe es zu einem konstruktiven Gespräch kommt, findet Moderator Frank Plasberg meist einen Einspieler. Als Thema der Sendung hatte er nun einmal nicht „Wie wollen wir mit- und übereinander sprechen?“ ausgesucht, sondern „Was darf man noch sagen, und was besser nicht?“. Damit war der Rahmen klar gesteckt.

Gegen Ende steht ein Entwurf des Berliner Senats zu einem anderen Umgang mit Sprache zur Debatte, und Flaßpöhler sorgt sich vor einer „Euphemismus-Tretmühle“. Anpalagan schaut auf die eigentliche Frage. Solche Entwürfe könne man konstruktiv kritisieren, sagt er, aber dass sich eine Verwaltung Gedanken macht, wie sie Menschen bezeichnet, sei erst einmal gut. „Man kann das alles auch nicht gut finden“, so Anpalagan, „wenn man bessere Alternativen dazu hat.“